Der Handelsplatz Brügge und die Hanse

In der Zeit zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert war die flämische Stadt Brügge einer der wichtigsten Handelsplätze Europas. Hier trafen Handelsstraßen auf dem Weg zwischen Nord- und Südeuropa zusammen. Trotz der Konkurrenz zwischen Brügge und der Hanse unterhielt der nordische Handelsverband dort eine wichtige Niederlassung. Heute lockt das sogenannte Hanseviertel in Brügge Touristen aus aller Welt. Und die historische Altstadt hat noch mehr zur Wirtschaftsgeschichte zu bieten.

Eines der Zentren des historischen wirtschaftlichen Brügges ist der Jan Van Eyckplatz (Foto oben) nördlich des Zentrums. Dieser Stadtteil entwickelte sich etwa ab dem Jahr 1200 rund um die Grachten, wo auch sich seinerzeit ein wichtiger als Umschlagplatz wichtiger Hafen bildete. Der Platz an sich entstand erst viel später und wurde quasi über Teilen dieses Hafens gebaut.

Die historischen Gebäude wurden in der Neuzeit teilweise mit Zuschüssen aus der öffentlichen Hand mustergültig restauriert und beherbergen heute verschiedenste Behörden, Archive oder auch private Einrichtungen. Rund um den Platz verteilt befindet sich das alte mittelalterliche Zollhaus und daneben das schmale „Pijndershuisje“, wo sich die Handlanger des Zoll aufhielten, wenn sie gerade nichts zu tun hatten.

Um 1400 herum entstand die „Poortersloge“ (Foto), in der sich die „Poorters“ genannten wohlhabenden Bürger der Stadt trafen. In einer Seitenstraße neben dem Jan Van Eyckplatz, im „Genthof“, befindet sich eines der beiden letzten Gebäude Brügges, die noch ihre Holzfassade behalten haben. Seit dem 17. Jahrhundert war es hier aus Brandschutzgründen nicht mehr gestattet, Holzfassaden zu errichten und die meisten bestehenden derartigen Häuserfronten wurden damals sogar abgerissen und durch Steilfassaden ersetzt.

Weiter nördlich davon liegen die Zentren der Händler aus dem Ausland, die sich in Brügge niedergelassen hatten. Sie kamen meist aus den Hansestädten im Norden, z.B. aus England und Deutschland, die damals „Oosterlingen“ - die Leute aus dem Orient - genannt wurden und aus den wichtigsten Handelsstädten in Frankreich, Spanien und Italien trafen. Die spanischen Händler ließen sich am „Spaanse Loskaai“ und in der „Spanjaardstraat“ nieder, die „Oosterlingen“ am Oosterlingenplein. An diesen Orten entlang der Grachten kann man noch heute die Atmosphäre von damals spüren.

Das Hansekontor

Das Hansekontor in Brügge war das wirtschaftlich bedeutsamste der vier Kontore der Hanse. Das Kontor führte ein Siegel mit dem doppelköpfigen Reichsadler, das ihm im Jahr 1486 von Kaiser Friedrich III. verliehen worden war und dessen Gebrauch seit 1487 nachweisbar ist. Im Gegensatz zu den anderen drei Kontoren der Hanse, dem „Peterhof“ in Nowgorod, der „Tyske Bryggen“ in Bergen und dem „Stalhof“ in London wohnten und arbeiteten die Hansekaufleute in Brügge nicht von der Bevölkerung isoliert in einem eigenen Bezirk, sondern in sozialem Kontakt mit den Bürgern der Stadt.

Das Kontor in Brügge hatte im Gegensatz zu den drei anderen Niederlassungen zunächst kein eigenes Gebäude. Es nutzte für seine Versammlungen das Karmeliterkloster der Stadt in der Ezelstraat (kl. Foto). Dies wird alleine dadurch deutlich, dass die große Zahl der deutschen Kaufleute in der Stadt, die zeitweilig 1.000 überstieg, eine Unterbringung in einem eigenen abgeschlossenen Gebäude unmöglich machte.

Allerdings waren auch die Kaufleute aus anderen Nationen in Brügge, z.B. die Lombarden, die Schotten oder die Genuesen, nicht unbedingt in eigenen Gebäuden ansässig. Dennoch besaßen sie alle ihre eigenen Häuser zur Unterbringung ihrer Verwaltungen. Die Kaufleute selbst wohnten in der Regel bei Brügger Wirten, von denen heute noch rund 100 als Vermieter und nicht selten auch als Geschäftspartner hansischer Kaufleute nachgewiesen werden können.

Mit dem „Haus der Osterlinge“ erwarb das Hansekontor erst 1442 ein eigenes Gebäude in Brügge, doch dieses Haus wurde schon 1478 durch einen geräumigeren Neubau am „Osterlingenplein“ ersetzt. Es blieb jedoch weiterhin bei den Versammlungen im Karmeliterkloster, in dessen Kirche auch das Gotteshaus der hansischen Kaufleute in Brügge war. Hier wurde 1474 übrigens auch die Urkunde des „Friedensvertrages von Utrecht“ zwischen Hanse und England besiegelt.

Die ursprüngliche Form des „Oosterlingenhuis“ ist durch mehrere Zeichnungen der damals aufwendig gestalteten und ursprünglich mit einem markanten Turm geschmückten Fassade dokumentiert. Doch heute ist der Bau nur noch in Teilen erhalten und dient als Geschäftshaus. Die heutige Fassade sieht ganz anders aus, als aus den Ursprungszeichnungen ersichtlich, aber einige noch vorhandenen Teile aus der Zeit von damals sind im Wesentlichen original erhalten geblieben. Bei Umbauarbeiten 1988 konnte nachgewiesen werden, dass auch Teile der inneren Gebäudestruktur noch aus der Zeit der Erbauung stammen.

Durch die stets zunehmende Bedeutung des Handelsplatzes Brügge entstand eine besondere Rivalität mit der Hanse, die 1358 in einer Wirtschaftsblockade des Städteverbundes gegen das „Venedig des Nordens“ gipfelte. Diese Blockade führte zeitweise zu Elend und Arbeitslosigkeit. Doch im Juni 1360 gingen die Stadtväter auf die Bedingungen der Hanse ein.

Die Bedingungen, die die Hanse Brügge abringen konnten, galten auch bald für ganz Flandern und seit dem konnten die Hansemitglieder von allen Privilegien profitieren, die schon jetzt für Brügge galten. Und, die Hanse konnte bei gewichtigen Entscheidungen am Handelsplatz Brügge ein Wörtchen mitreden, hatte also entscheidenden Einfluss auf die Geschicke Brügges.

Ein hanseatisches Leben in Brügge

Das Leben und Wirtschaften der Hansekaufleute in Brügge wird deutlich anhand des fast vollständigen Briefwechsels des Hildebrand Veckinchusen (1370 - 1426) unter anderem Geschäftsbriefe und der Briefwechsel mit seiner in Lübeck lebenden Frau. Diese Briefe sind eine der wichtigsten Quellen zur Beurteilung und Erforschung hanseatischer Wirtschaftsgeschichte im Spätmittelalter. Darüber hinaus bieten sie ein bestens dokumentiertes Beispiel für Aufstieg und Fall eines Kaufmanns aus dieser Zeit.

Die Wiege der Börse

Die Bezeichnung der Börse als eines Treffpunktes für Händler entstand etwa zur Zeit des europäischen Frühkapitalismus im 16. Jahrhundert. Die in Brügge ansässige Kaufmannsfamilie van der Buerse, deren Wappen drei Geldbeutel zeigt, bot in ihrem Gasthaus am heutigen „Beursplein“ (Foto) regelmäßig geschäftliche Zusammenkünfte mit in erster Linie italienischen Kaufleuten Raum.

In direkter Nachbarschaft lag und liegt noch heute das „Haus der Genueser“ (das heute ein Frittenmuseum für die Touristen beherbergt). Unter den Gästen waren nicht selten Geldwechsler, die als Mittelsmänner bei internationalen Geschäften fungierten.

Im Laufe der Zeit wurde der Name der Familie van der Buerse zum Namensgeber sowohl dieser Händlertreffen, als auch des Ausdrucks „Börse“ (niederländisch „beurs“). In den späteren Jahren wurde dieses Wort auch von anderen europäischen Sprachen übernommen, in denen es noch heute gebraucht wird (z.B. französisch „bourse“, dänisch „børs“ und italienisch „borsa“). Nicht zuletzt ist der Ausdruck eben zum international gültigen Fachausdruck für einen Handelsplatz geworden. Im Haus der Familie van der Buerse in Brügge befindet sich heute die Redaktion eines Lokalradios, dass ausschließlich Musik aus Flandern bzw. in niederländischer Sprache spielt.