Kathedrale von Antwerpen: Die Orgel klingt wieder

Vor rund drei Jahren begann die Restaurierung der Schyvenorgel (Foto) der Liebfrauen-Kathedrale von Antwerpen. Vor einigen Tagen fanden die ersten Konzerte statt und die Orgel klingt jetzt schon wieder so gut, wie vor der Renovierung. Doch im Juni wurden die vielen runderneuerten Orgelpfeifen nur musikalisch getestet. Die eigentliche Restaurierung wird wohl erst im kommenden Winter ganz abgeschlossen. Das Feintuning der 5.800 Orgelpfeifen braucht noch etwas Zeit, wie Stimmer Nicolas Alexiades bei einem Rundgang durch die Orgel andeutete.

Seit drei Jahren arbeitet das renommierte ostbelgische Orgelbau-Unternehmen von Guido Schumacher aus Eupen bereits an der Restaurierung der Schyvenorgel in der Liebfrauen-Kathedrale von Antwerpen. Die 1891 hier neu errichtete Orgel hat es in sich. Sie zählt 5.800 Pfeifen, wovon die größten 10 Meter hoch sind und 280 kg wiegen. Und die kleinsten passen gut und gerne in eine Hosentasche.

Dass diese Restaurierung bitter notwendig ist, deutete Peter Van de Velde ab, der Organist der Kathedrale. Gegenüber dem Antwerpener Stadtmagazin Citta (eine Beilage der Gazet Van Antwerpen) sagte Van de Velde, dass er sich lange nicht mehr traute, bestimmte Register zu bespielen…

Intonator (Stimmer) Nicolas Alexiades erklärt dazu, dass eine Kirchenorgel nicht mit einem Klavier zu vergleichen ist. Eine Orgel hat keine Saiten, denn sie ist eigentlich ein Blasinstrument. Die Luft wird über Blasebälge, die wie riesige Ziehharmonikas aussehen, gepumpt. Guido Schumacher, der Chef des Familienunternehmens, deutete gegenüber Citta an, dass die Antwerpener Hauptorgel wohl noch nie so geklungen hat, wie sie eigentlich klingen sollte. Sie wurde seinerzeit in nur zwei Jahren erbaut und die Restaurierung dauert schon jetzt länger als die damalige Bauzeit. Ob sie danach wohl besser klingt? Ganz sicher!

95 Register

Die Antwerpener Schyvenorgel verfügt über 95 Register. Organist Van de Velde nutzt nur etwa 35 von ihnen, denn dies reicht, um das klassische Repertoire für eine Orgel spielen zu können. Zur Erklärung: Ein Register ist bei einer Orgel eine in der Regel über den gesamten Tonumfang reichende Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe. Diese kann als Einheit jeweils ein- oder ausgeschaltet werden. Bei den meisten Registern klingt pro Taste genau eine Pfeife. Gemischte Stimmen bestehen hingegen aus mehreren Pfeifenreihen. Normalerweise gehört zu jedem Register eine feste Klaviatur.

Unzählige Orgelpfeifen mussten neu gestimmt werden und nicht wenige wurden schlicht und einfach neu gegossen. Dies geschah bei Orgelbau Schumacher im Atelier in Eupen in Ostbelgien. In diesen Tagen werden all diese Pfeifen wieder aufgereiht und neu aufeinander abgestimmt. Dies ist die Aufgabe des Intonators. Nicolas Alexiades arbeitet daran in einem abgeschiedenen Raum irgendwo versteckt in einem Seitenturm unweit „seiner“ Orgel. Hier findet er die nötige Ruhe und Konzentration.

Die Orgel an sich ist so groß wie ein mehrstöckiges Haus und darin herumklettern ist schon ein besonderes Abenteuer. Man spürt die Geschichte dieser Kathedrale, die 1521 nach gut 170 Jahren Bauzeit fertiggestellt wurde. Sie hat wohl viel erlebt in all diesen Jahren und wenn man einmal die Gelegenheit hat, an Stellen in diesem Gotteshaus zu sein, an denen man normalerweise niemals hinkommt, dann packt einen schon ein bisschen Ehrfurcht. Mindestens genauso beeindruckend ist auch die Schyvenorgel. Sie hat zwar nicht ganz so viele Jahre auf dem Buckel, doch sie aus dem inneren zu betrachten, ist ebenfalls etwas ganz besonderes.

Da ist noch mehr drin…

Dass die Leute bei Orgelbau Schumacher mit der Restaurierung dieses Rieseninstruments eine ganz besondere Aufgabe haben, spürt man, wenn man mit ihnen spricht. Die Schyvenorgel ist ein historisches Instrument, dass im Zuge dieser umfassenden Restaurierung ihrer Fähigkeiten zum ersten Mal wirklich gerecht werden soll. Daran arbeiten Intonator Alexiades und seine Kollegen mit Liebe und mit einer besonderen Hingabe.

Dass sich diese Arbeit lohnt, hörte man schon bei den ersten Konzerten Ende Juni. Wenn diese Restaurierung als solche zum Jahreswechsel musikalisch abgeschlossen werden kann, müssen die Schreiner noch einmal ran. Viele Verkleidungen müssen erneuert werden, denn an ihnen hat der Zahn der Zeit geknagt und die Böden auf den verschiedenen Etagen des Instruments müssen neu gelegt werden. Derzeit muss man noch vorsichtig in der Orgel umherturnen, um seinen Weg zu finden.

Neugierig?

Wer jetzt neugierig geworden ist, dem sei auf jeden Fall ein Besuch in der Liebfrauenkathedrale von Antwerpen (kl. Foto) empfohlen. Diese Kathedrale ist die Domkirche des Bistums Antwerpen. Sie zählt zu den Höhepunkten der brabanter Baukunst und ihr Turm gehört seit 1999 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

In ihrem Inneren sind insgesamt 14 bedeutende historische Kunstwerke zu sehen, darunter einige Gemälde von Pieter Paul Rubens. Die monumentale Schyvenorgel befindet sich quasi über dem Haupteingang zur Kathedrale. Von dort aus lässt sich ihr wahrer Umfang aber noch nicht einmal erahnen…

Die Webseite der Kathedrale bietet viele Informationen und nach der Restaurierung der Orgel bestimmt auch entsprechende Konzertdaten. Auch Orgelbau Schumacher hat eine interessante Webseite, auf der zu entdecken ist, welche Orgel dieser preisgekrönte Handwerksbetrieb z.B. auch in Flandern noch restauriert oder gar neu gebaut hat.