Zeitungskommentare zum Festtag der Flamen

Am heutigen 11. Juli ist der Feiertag der Flämischen Gemeinschaft, als Erinnerung an die Goldensporenschlacht (1302), eine Schlacht in der der Graf von Flandern gemeinsam mit den Milizen der Städte den französischen König in der Nähe von Kortrijk besiegte. Der Festtag wird deshalb vor allem in den flämischen Zeitungen ausführlich kommentiert.

Zu früh für eine 7. Staatsreform

De Tijd schreibt, dass die klassische Botschaft zum 11. Juli mit der Forderung nach mehr flämischer Selbstverwaltung in diesem Jahr zu früh komme. Und dabei helfe wohl kaum, so Bart Haeck, dass die Streitereien in der belgischen Regierung dieser Tage vor allem von den flämischen Parteien selbst ausgingen.

Die flämischen Regionalisten von der N-VA hatten nun einmal mit dem Koalitionspartner, den französischsprachigen Liberalen von der MR, vereinbart, das Thema '7. Staatsreform' auf Eis zu legen. Für die N-VA bedeutet das, dass die Partei versprochen hat, sich fünf  Jahre lang still zu verhalten und über den Artikel 1 der Parteisatzungen zu schweigen. Allerdings ist zu Anfang desselbigen Regierungsabkommens eindeutig vereinbart worden, dass dieser Streit zur Wahlkampagne wieder losgehen darf. Und das scheint langsam der Fall zu sein. "In dem Maße, wie sich die Wahlen von 2019 nähern, verdampft auch die Motivation zur Stabilität", schreibt die Zeitung.

Der flämische Ministerpräsident  Geert Bourgeois hat bereits letzte Woche die Diskussion über Finanztransfers vom - durchschnittlich reicheren - flämischen Steuerzahler zum - durchschnittlich ärmeren - wallonischen Steuerzahler eröffnet. Überdies drängt die Partei mit Seminaren zum Konföderalismus erneut auf eine 7. Staatsreform. Die bereits gestern Abend vom Ministerpräsidenten gehaltene Rede zum 11. Juli geht nahtlos in diese Strategie über.

Derzeit gibt es jedoch zwei große Probleme hinsichtlich einer 7. Staatsreform: Erstens es ist noch viel zu früh für eine 7. Staatsreform. Die flämische Regierung hat noch nicht einmal die Umsetzung der 6. Staatsreform abgeschlossen. Zweitens, eines der Hauptargumente für noch mehr flämische Unabhängigkeit hat in dieser Legislaturperiode an Unterstützung verloren. Die Annahme, dass flämische Parteien untereinander besser zusammenarbeiten könnten als mit französischsprachigen Politikern klingt nicht mehr sehr überzeugend.

Bitte kein Calimero-Syndrom!

De Standaard schlägt vor, dass Historiker einmal untersuchen sollten, in welcher Weise kommerzielles Fernsehen zum Aufbau der flämischen Identität beigetragen hat.

Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts tauschte das fernsehschauende Flandern die niederländische Perspektive vollständig gegen eine flämische ein. Das ging mit tiefergehenden institutionellen Reformen einher. Flandern wurde das Unterrichtswesen übertragen, später kamen ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung hinzu. Die jüngeren Generationen haben spontan ein flämisches Selbstbewusstsein präsentiert - ein Begriff, der vor 20 Jahren als Ziel formuliert wurde, schreibt Bart Brinckman.

Flämisch-nationale Kreise argumentieren, dass es mit dieser grundlegenden Identitätsbelebung zwar gut aussehe, aber dass es an echtem Selbstbewusstsein fehle. Den Flamen mangele es an gewissem Stolz. Die Zurückweisung der flämischen Identität sei gerade Teil dieser Identiät der jungen Generation, betonten flämische Nationalisten. Eifersüchtig schaue man auf die Art und Weise, wie Schotten und Katalanen aus der Identität eine kreative Kraft machten.

Sind Flamen also nicht nationalistisch genug?, fragt die Zeitung und stellt fest: "Irgendwo schlummert in dieser Aussage der Ärger darüber, dass nicht alle Landsleute auf den Konföderalismus- oder Separatismus-Zug aufspringen. Auch ist nicht jeder mit einem flämischen Feiertag, der an ein Bündel an Forderungen geknüpft wird, zufrieden." Das wiederum suggeriere, dass das Ergebnis politisch vereinnahmt wird.

Die Zeitung ist deshalb überzeugt: "Heute feiern wir als Gemeinschaft, ungeachtet unserer Herkunft, ein symbolisches Fest. Jeder erlebt das, wie er möchte (...) Wir leben als freie Bürger in einer der wohlhabendsten Gegenden der Welt, in einer liberalen Demokratie mit großem kulturellen Stil. Eine selbstbewusste Identität folge von ganz alleine, Calimero-Syndrome seien unangebracht, betont De Standaard.

Argument der 'wallonischen Bedürftigkeit' rechtfertigt wohl kaum Flanderns Unabhängigkeit

Auch die französischsprachige Zeitung Le Soir schreibt über den flämischen Festtag. Es sei eine lästige Tradition: Am Tag des 11. Juli stimmten die nationalistischen Anführer stets ihren Refrain der größtmöglichen Autonomie an. Dies sei auch ihr gutes Recht. Nur handele es sich dabei um eine abwertende Strophe über "diese Wallonen, deren Bedürftigkeit die flämische Unabhängigkeit" rechtfertige. Auch in diesem Jahr habe man dem nicht ausweichen können.

Der N-VA Fraktionsführer Peter De Roover hatte am Montag über die Finanztransfers aus Flandern an die Wallonie gesagt, dass sie die Arbeitslosigkeit nicht reduzierten, sondern vielmehr wie ein Schlafmittel wirkten. Auch der Pressebericht des flämischen Ministerpräsidenten Geert Bourgeois richtete sich an die Französischsprachigen und versuchte sie zu überzeugen, dass es in ihrem eigenen Interesse sei, sich von Flandern zu trennen.

Eine solche Bevormundung sei in den Augen der Französischsprachigen unerhört, schreibt Le Soir. "Doch ist sie in den Augen der Flamen verlockender?" Die Zeitung bezweifelt das. Die Begeisterung für eine Trennung und selbst für einen Konföderalismus fehle bei den Frankophonen. Und das sei im Norden nicht anders, meint Le Soir.

Wollten die Nationalisten wirklich überzeugen, sollten sie besser auf ihre Metaphern achten, beschließt die Zeitung.