Angst vor Tihange: Aachen verteilt Jod-Tabletten

Die alte Kaiserstadt Aachen (Foto) im Westen von NRW rüstet sich für den Fall eines Schreckensszenarios, nämlich für einen Gau im belgischen Atomkraftwerk Tihange. Dieses Kernkraftwerk in nur rund 70 km Entfernung Luftlinie ist sicherheitstechnisch umstritten, u.a. durch festgestellte Haarrisse in der stählernen Ummantelung eines der Meiler. Ab dem Stichtag 1. September mach Aachen Nägel mit Köpfen und verteilt Jod-Tabletten an die Bevölkerung.

Keine 70 Kilometer liegen zwischen Aachen und dem wegen Sicherheitsbedenken umstrittenen Kernkraftwerk Tihange in Huy in der Provinz Lüttich. In der Grenzregion gibt es deshalb große Zweifel, dass im Ernstfall die Zeit reicht, die Bevölkerung mit hoch dosierten Jodtabletten zu versorgen. Am Freitag beginnt deshalb die Versorgung der Bevölkerung mit den Tabletten, die verhindern sollen, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Eine Maßnahme, die bisher bundesweit nur in Ausnahmefällen und in sehr begrenzten Bereichen zugelassen wurde.

Es gibt viele Unbekannte in den in Aachen durchgespielten Szenarien im Zuge eines Atomunfalls in Tihange: Passiert der Unfall tagsüber oder in der Nacht? In der Ferienzeit? Wie stark ist der (West)Wind? Regnet es?

"Je nachdem wie das genaue Szenario aussieht, haben wir ganz große Zweifel, dass wir es schaffen, Jodtabletten rechtzeitig zu verteilen", begründet der Aachener Verteilungskoordinator Markus Kremer die Maßnahme. Sofort müssten über die ganze Stadt verteilt und an fußläufig zu erreichenden Punkten Ausgabestellen eingerichtet werden, "und das in einer Zeit, wo nicht nur geringe Unruhe entsteht", beschreibt er die Herausforderung.

Menschen bis zum Alter von 45 Jahren, Schwangere und Stillende haben ein Anrecht auf die kostenlosen Tabletten, die Schilddrüsenkrebs verhindern sollen. Sie können in der Aachener Region bis Ende November über einen Link im Internet Bezugsscheine beantragen, die sie in beteiligten Apotheken einlösen. Die Behörden rechnen damit, dass mehr als jeder Dritte das Angebot wahrnimmt. Es gebe eine hohe Sensibilität.

Im Zusammenhang mit Tihange haben bisher die Behörden agiert. Durch die Verteilung der Tabletten verändert sich nach Meinung des Heidelberger Psychologen Professor Joachim Funke auch das Risiko-Empfinden der Menschen in der Region: "Mit der Verteilung von Jod-Tabletten erhöht sich die Risiko-Wahrnehmung, weil die Behörden ja offensichtlich den Eindruck haben, dass sie ihre Strategie ändern müssen."

Je nach Typ reagierten Menschen ganz unterschiedlich auf die Situation: Die einen würden mehr grübeln, die anderen meinten, sie hätten mit den Jodtabletten alles unter Kontrolle. "Aber das ist nur eine Scheinkontrolle. Denn mit den Jodtabletten habe ich ja nicht wirklich Kontrolle über das Geschehene", sagt Funke.

Und dann gibt es vielleicht noch die Sorglosen, die die Sorgen anderer nicht ernst nehmen - und nichts tun. Für die würden im Ernstfall noch Jodtabletten ausgegeben, sagt der Aachener Ausgabekoordinator Kremer. Aber das wäre in keinem Fall so entspannt wie jetzt: "Wir appellieren, die Chance einfach jetzt zu nutzen und sich den Druck zu nehmen."