Ein Besuch in Gent: De Muide und der Vorhafen

Wenn am Sonntag in Flandern der „Tag des offenen Denkmals“ begangen wird, laden zahlreiche prächtige Bauten, Paläste, Burgen und Schlösser, Museen, Anlagen und Landschaften zum Besuch ein, die auch nicht selten sonst geschlossen sind. Doch neben aller möglichen Pracht gilt es auch, Geschichte dort zu entdecken, wo man sie nicht unbedingt erwartet. Im alten Hafenviertel von Gent zum Beispiel, findet man Kultur- und Industriegeschichte überall. Ein Besuch.

Der Vorhafen von Gent liegt etwa 2 km nördlich des Stadtzentrums von Gent und befindet sich quasi am Scheidepunkt zwischen Binnen- und Seehafen. Er liegt zudem am Rande des alten Hafenarbeiterviertels „De Muide“. Der Vorhafen steht seit 1996 in weiten Teilen unter Denkmalschutz und ist das größte zusammenhängende geschützte Areal in der ostflämischen Provinzhauptstadt Gent. Hier sind nicht weniger als 14 geschützte Gebäude und Objekte zu finden.

Alles hier atmet Geschichte aus und zwar aus der Zeit von 1880 bis 1890 und zwischen der Jahrhundertwende und 1910. Das betrifft sowohl Gebäude, als auch Hafenkräne, Pflastersteine, Schienen und andere Bahninfrastruktur, Schleusen und Brücken, Werften und Werkstätten, Wärterhäuschen und Direktorenwohnungen. Damals ließ der umtriebige junge Bauingenieur und spätere Bürgermeister von Gent, Emile Braun (1949-1927), hier einen neuen Hafenteil errichten, womit er den Hafenumfang glatt verdoppeln konnte. Geld war reichlich vorhanden, denn Gent hatte als Tuchmacherstadt viele Reserven und nicht weniger Tuchmacher und andere Geschäftsleute machten lohnenswerte Geschäfte mit Übersee.

Die Bauwut hielt bis zur Zeit des Ersten Weltkriegs an und schuf bedeutende Bauten, die gepaart mit den alten Gebäuden aus der Renaissance und späteren Stilen, wie Art-deco, Jugendstil oder Bauhaus heute für ein ganz besonderes Flair sorgen. Der Vorhafen und das Muide-Viertel bieten ein Bad in der Geschichte, dass es noch zu entdecken gilt: Industriearchitektur, Hafenatmosphäre, Arbeiterhäuschen, historische Technik zu Lande und zu Wasser, inklusive Straßen, Schienen, Schleusen und Brücken.

Ein Teil dieser Gebäude ist inzwischen einer neuen Zweckbestimmung zugeführt worden. So entstehen in alten Lagerhallen Lofts und Raum für junge und dynamische Unternehmen und lange verfallene Häuser wurden restauriert und zu modernen Wohnungen. Und auch in den noch nicht von der neuen Dynamik betroffenen Ecken gibt es viel zu sehen und zu erahnen.

Wo im Vorhafen die Straßen Namen von den Städten erhielten, mit denen Gent Handel trieb - Londenstraat, Kopenhagenstraat, Montevideostraat - weisen im Muide-Viertel die Straßennamen auf die Hafen-, Handwerks- oder Handelsberufe hin, die hier zur Blütezeit des damaligen Hafengebietes vorkamen: Chocoladestraat, Koffiestraat, Makelaarsstraat, Sluiswarterstraat…

Tag des offenen Denkmals

Der „Tag des offenen Denkmals“ findet in Flandern am kommenden Sonntag, den 10. September statt. In Wallonien und in der Deutschsprachigen Gemeinschaft wird dieser „Tag“ am Samstag und am Sonntag gegangen. Brüssel begeht am Wochenende darauf (16. und 17. September) seinen „Tag“. Flandern hat in diesem Jahr kein besonderes Motto. Die Wallonie lädt zu mobilen Themen ein, zu Wasserwegen, Pfaden und Bahnstrecken. Im deutschsprachigen Ostbelgien wird auch nach der Eisenbahngeschichte gesucht und zwar entlang jener Strecken und Bahnhöfen, auf denen heute Radwege zu finden sind.