Wird ein Belgier das Gesicht von 100 Jahre RAF?

In Großbritannien steht 2018 das 100-jährige Jubiläum der Gründung der Royal Air Force (RAF), der königlichen britischen Luftwaffe an. Das RAF-Museum in London wird dazu eine große Ausstellung präsentieren und darin soll ein Pilot das Gesicht dieser Veranstaltung werden. Das britische Publikum hat dazu die Wahl zwischen mehreren Piloten. Einer davon ist der belgische RAF-Pilot Jean de Selys Longchamps (Foto), der einen spektakulären Angriff während des Zweiten Weltkriegs hingelegt hat.

Das Royal Air Force Museum in London hat gemeinsam mit der britischen Tageszeitung The Telegraph eine Auswahl an RAF-Piloten zusammengestellt, aus denen das britische Publikum DEN besonderen Piloten herauswähnen darf. Dabei geht es aber nicht um heldenhafte Piloten, die besonders viele feindliche Flugzeuge abgeschossen haben, sondern um solche aus der 100jährigen Geschichte dieser Air Force, die eine besonders interessante oder spektakuläre Geschichte mitbringen.

Kris Hendrix, ein aus Belgien kommender Absolvent der Löwener Universität (KU Leuven), der am RAF-Museum in London tätig ist, gab dazu an, das Museum wolle mit der Aktion auf die Verschiedenheit, die innerhalb der Piloten der Air Force herrschte, hinweisen: „Hier stehen auch eine Pilotin, ein Pilot aus Trinidad und ein belgischer Baron, der nach Großbritannien flüchten konnte, zur Auswahl.“

Einer dieser Piloten, die über die Aktion "The People's Spitfire Pilot" (natürlich handelt es sich um Piloten des ikonischen britischen Jagdfliegers vom Typ „Spitfire“) zum Gesicht der Ausstellung werden könnte, ist demnach Baron Jean de Selys Longchamps. Der war nach der Besetzung Belgiens durch die Nazis 1940 auf die britischen Inseln geflohen. Selys Longchamps, ein Pilot, schloss sich damals der RAF an und gehörte zur Staffel 609, eine „Spitfire“-Staffel, die zu großen Teilen aus Belgiern bestand. Ganz nebenbei: Hunderte belgische Soldaten aller Waffengattungen dienten nach 1940 in der britischen Armee und nicht wenige von ihnen waren über Dünkirchen dorthin geraten.

Am 20. Januar 1943, ein Mittwoch, gelang dem belgischen Baron ein unerhörter Angriff. Ohne die Zustimmung seiner Vorgesetzten flog er mit seiner „Spitfire“ nach Brüssel, wo er das damalige Gestapo-Hauptquartier an der Louizalaan beschoss und wo er auch zwei Bomben abwarf. Dabei kamen mehrere führende Brüsseler Nazi-Offiziere ums Leben, andere wurden verletzt. Bei seinem Rückflug warf Baron Jean de Selys Longchamps noch eine belgische und eine britische Fahne über seiner Hauptstadt ab. Viele Brüsseler hatten diesen Angriff damals regelrecht gefeiert.

Allerdings mussten ihn nach der Landung an seinem britischen Stützpunkt seine Vorgesetzten zurechtweisen und degradieren. Doch die Nachricht dieses tollkühnen Angriffs in Brüssel erreichte auch rasch die RAF und der Baron wurde im Nachhinein mit der damals höchsten Auszeichnung für Piloten, mit dem „Distinguished Flying Cross“ ausgezeichnet.

Tragischer Held, berühmte Familie

Wie so viele andere war aber auch Baron de Selys Longchamps ein tragischer Held. In der Nacht vom 15. auf den 16. August 1943 wurde seine Maschine bei einem Angriff auf deutsche Stellungen in Ostende durch Flugabwehrbeschuss getroffen, wobei das Landegestell zerstört wurde. Bei der Landung am RAF-Stützpunkt von Manston brach das Gestell endgültig und die Maschine überschlug sich.

Der Baron kam dabei ums Leben. Er wurde in der Nähe des Flughafens, in Minster-in-Thanet beerdigt, wo heute der Regionalflughafen von Kent zu finden ist. Nach dem Krieg wurde Selys Longchamps postum zum „Ritter des Leopoldordens“ in Belgien. Jean de Selys Longchamps ist übrigens der Onkel von Sybille de Selys Longchamps. Sie ist die Mutter von Delphine Boël, der außerehelichen Tochter von Belgiens Alt-König Albert II.