"Ein Sieg mit bitterem Beigeschmack"

Die großen Zeitungen in Belgien widmen ihre Titelseiten und Kommentare an diesem Montag dem Ergebnis der Bundestagswahl in Deutschland. Bedenken haben sie vor allem beim Einzug der rechtsradikalen AfD ins Parlament. Für Europa bedeutet eine starke Opposition der AfD im deutschen Bundestag nichts Gutes.

Angela Merkel ist eine angeschlagene Weltführerin, lautet die Überschrift des Kommentars in De Morgen. Dass sie in ihre vierte Amtszeit geht, ist ein Kraftakt, aber sie ist angeschlagen - nicht zuletzt, weil viele ihrer Wähler zur rechtsradikalen AfD abgewandert sind.

Etwa eine Million frührere CDU/CSU-Wähler haben dafür gesorgt, dass die radikalen Rechten erstmals seit dem zweiten Weltkrieg in den deutschen Bundestag einziehen. Merkel muss also nicht nur Europa vor dem Untergang retten und über den Weltfrieden wachen, sondern auch noch rechtsextreme Kräfte wehren.

Gelingt ihr das alles, wird ihr ein Denkmal gesetzt, gelingt ihr das nicht, werden 16 Jahre Merkel mit dem Satz zusammengefasst werden: 'Sie ließ die die Populisten groß werden'.

Klar ist allerdings jetzt schon, dass das schlechte Ergebnis der Christdemokraten die Bewegungsfreiheit von Merkel IV einschränken wird.

Rechte Geister in die Flasche zurückbeschwören!

Auf sie wartet also eine gigantische Aufgabe, meint auch Het Nieuwsblad. Die deutsche Bundeskanzlerin wird viel unter einen Hut bringen müssen. Im eigenen Land wird sie die Geister der Rechtsradikalen wieder in die Flasche zurückbeschwören müssen und dafür sorgen, dass alle an Bord bleiben und dass nötige Reformen kommen.

Doch am schwersten wird sein, die Länder, die jetzt schon misstrauisch sind, davon zu überzeugen, dass Europa mehr ist als ein Vehikel für die deutschen Interessen.

De Standaard befürchtet: "Schon seit Jahrzehnten schätzen politische Studien, dass in Deutschland 15 Prozent der Bevölkerung dafür anfällig ist, Varianten von extrem rechts zu wählen. Das scheint jetzt, zu optimistisch zu sein. Der Durchbruch der AfD wird die gesamte deutsche Politiklandschaft infizieren. Versuche, um den Riss abzudichten, führen zu Rechtslenkungen an zwei Fronten, die auch den Rest von Europa direkt betreffen." Das Stichwort hierzu ist: Migration und Europa.

Doch über Europa werde nicht nur wegen der anti-europäischen AfD eine dunkle Wolke ziehen. Merkel muss eine Koalition mit einer wiedererwachten liberalen Partei schmieden. "Als diese das letzte Mal in der Regierung saß, zu Zeiten der europäischen Hilfspakete an Griechenland, stimmte die Partei entschieden dagegen. Auch in dieser Kampagne war die FDP unverhohlen euroskeptisch." Und Emmanuel Macron sei die Partei nicht gerade zugeneigt. Morgen stellt Letzterer seine ehrgeizigen Pläne zur Reform der Eurozone vor. Er wird für einen starken Finanzminister plädieren, für zusätzliche Befugnisse und ein Budget. "In Berlin werden die Zähne knirschen. Merkel kann das nicht so einfach umgehen."

Warnschuss!

Auch Deutschland ist also nicht immun gegen rechtsextrem, schreibt die französischsprachige Zeitung La Libre Belgique. Die AfD habe dort zwar noch keine Zahlen wie der Front national in Frankreich geholt. Dennoch verheiße das Ergebnis in Deutschland nichts Gutes. Die Tragweite des Problems wurde zu spät erkannt.

Die Situation in Deutschland sei alles andere als harmlos. Jetzt zögen extremistische Positionen in den Bundestag ein.

Für die eigentlich soliden und stabilen deutschen Institutionen sei das ein Warnschuss! Wir wollen die Wähler, die für die AfD gewählt haben, wieder zurückgewinnen, so die Kanzlerin am Sonntagabend. Man könne nur hoffen, dass ihr das gelingt, schließt die Zeitung ihren Kommentar.