Brüssel: Katerstimmung nach dem EM-2020-Aus

Nach dem Fiasko um das umstrittene Eurostadion in Brüssel und dem Aus für die belgische Hauptstadt als Austragungsort für Spiele der Fußball-Europameisterschaft 2020 herrscht im Lande Katerstimmung. Viele befürchten finanzielle Verluste, andere einen gewaltigen Imageschaden für unser Land. Wieder andere sind der Ansicht, Brüssel brauche ein solches Stadion nicht und es gibt auch Stimmen, die trotzdem bauen wollen.

Der Stadtverordnete für Sport im Brüsseler Stadtrat und Motor der Bewerbung seiner Stadt als Austragungsort bei der Euro 2020 inklusive dem prestigeträchtigen Eröffnungsspiel, Alain Courtois (MR), deutete bereits am Donnerstagabend an, dass dies 100 bis 120 Mio. € an möglichen Einnahmen bedeuten würde.

Dem wiedersprach allerdings Trudo De Jonghe, Sportökonom an der Löwener Uni. Dieser sagte gegenüber der VRT-Nachrichtenredaktion, dass dies eine grobe Fehleinschätzung sei: „Das sind typische Fata Morgana-Zahlen. Wir haben dies bereits mehrmals untersucht und jedes Mal erweist sich so etwas als Fehleinschätzung.“

Doch die Brüsseler Gastronomie, allen voran der Hotelsektor, spricht von 240.000 möglichen Übernachtungen, die die Hauptstadt durch das EM-Aus für 2020 verpassen würde. Doch Sportökonom De Jonghe bleibt dabei: Solche Zahlen stimmen nicht: „Einnahmen bedeuten Umsatz und hier geht es um Gewinne machen. Man vergisst hier mal wieder die Kosten. Der einzige Mehrwert ist der, dass Leute hierherkommen würden, die sonst vielleicht nicht kommen und die Hotelbetten belegen, die sonst leer bleiben würden. Hier werden Zahlen aufgerufen, die nicht berechnet wurden.“

Der Löwener Volkswirt erinnert in diesem Zusammenhang an die Fußball-WM in Deutschland im Jahr 2006: „Damals schätzte man, dass dies Einnahmen in Höhe von 2,5 bis 3 Mia. € bringen würde. Letztendlich wurde deutlich, dass dies nur eine Milliarde war. So etwas wird immer überschätzt.“ Finanziell könnte das EM 2020-Aus also noch verkraftet werden, doch wie steht es um den Imageverlust?

"Nicht das Ende der Welt"

Belgiens Ex-Premier Yves Leterme (kl. Foto), der heute für die Financial fair play-Kommission des europäischen Fußballverbandes UEFA tätig ist, ist der Ansicht, dass dies nicht das Ende der Welt bedeutet, doch „unser Land gibt hier ein schlechtes Bild ab. Die UEFA macht sich hier ein bisschen lustig drüber. Einerseits bewirbt sich unser Land als Austragungsort, doch andererseits haben wir noch nicht einmal ein Stadion und lassen es hier jahrelang an Deutlichkeit vermissen.“

Yves Leterme führt dieses Debakel übrigens, wie viele andere Politiker in Belgien Land ab, Land auf, auf die etwas seltsame Wahl des Standortes für das Eurostadion. Dieser liegt in der Nähe des Messekomplexes am Heysel auf dem sogenannten Parking C, der allerdings nicht auf Brüsseler Grund und Boden liegt, sondern auf dem der Gemeinde Grimbergen in Flämisch-Brabant. Diese gehört zu den Gegnern, denn die Planungen lassen bisher ein schlüssiges Verkehrskonzept vermissen. Sowohl Leterme, als auch Alain Courtois und Projektinitiator Ghelamco (ein Bauunternehmen), halten am Projekt Eurostadion fest.

Wohin mit den Roten Teufeln?

Ohne ein Nationalstadion haben die Roten Teufel, die belgische Fußball-Nationalmannschaft, mittelfristig kein Stadion mehr. Das König Baudouin-Stadion (Foto unten) entspricht schon jetzt den internationalen Ansprüchen nicht mehr und jedes Länderspiel braucht eine Sondergenehmigung von FIFA oder UEFA und die anderen möglichen Großstadien, die für solche Begegnungen zur Verfügung stehen und den Bedingungen entsprechen - die Stadien von Club Brügge und Standard Lüttich - haben rund 20.000 Plätze weniger als ein durchschnittliches heutiges Großstadion mit internationalem Flair.

Sportökonom Trudo De Jonghe sieht aber keine Not und ist der Ansicht, dass Belgien kein Nationalstadion braucht: „Warum in Gottes Namen brauchen wir ein Nationalstadion? Deutschland oder die Niederlande haben auch keins. Man sollte ganz einfach durch die Stadien im Land rotieren und dafür sorgen, dass diese Spielstätten genutzt werden.“ De Jonghe plädiert dafür, die Kosten für einen Stadionneubau einzusparen und das Geld unter den Erstligavereinen zu verteilen, damit diese ihre Stadien für internationale Spiele und Ansprüche anpassen können.