Tolles neues digitales Handwerkszeug – nur, wo bleibt die Stille-App?

Lärm – Mikrostimmen, Unterhaltung des in Fleisch und Blut anwesenden Publikums, Summen der Maschinen, Computerstimmen – viel Lärm um nichts? Oder echte Innovation, Interesse, Nachhaltigkeit? Wir waren für Sie im Bozar, dem Kultur-Tempel Brüssels. In den ehemaligen Archiven des Bozars, treffen seit September 2017 in einer Art "Labor" regelmäßig Forschung, Technologie, neue Medien und Kunst aufeinander. Auch an diesem trüben Dezemberdienstag hatte sich die Forschung und Innovation einen Weg dorthin gebahnt, mit einem "Media Fast Forward"-Tag, einer Art Messe, auf der vor allem zahlreiche Start-ups des Mediensektors ihre neuen Technologien vorstellten. Die Veranstalter waren unser Haus "VRT", der "Bozar" und das Medienberatungs- und Tochterunternehmen der VRT "var".

Unter den mindestens 40 Start-ups, die im Bozar mit einem Präsentationsstand unter schummrigem Licht und schon fast in Disco-Atmosphäre vertreten waren, fiel gleich ein dreidimensionaler, sich drehender Kopf von Holovice, einem Tochterunternehmen von Soulmade, auf. Diese neue Technologie ist erst seit kurzem auf dem belgischen Markt. Von den sich drehenden, leuchtenden „Hologramm-Illusionen“ sind schon zwei an Antwerpener Geschäfte verkauft worden. Weitere wurden vermietet. Sie sehen aus, als schwebten sie und nehmen wenig Platz ein. Die Technologie sei einfach und die Nachfrage vorhanden, erklärt Sander De Roeck vom Unternehmen Soulmade mit Sitz in Mechelen.

„Normalerweise ist die Holografie eine sehr komplizierte Technologie. Man benötigt hierfür zum Beispiel Plexiglas und andere, teure, Materialien. Doch bei dieser Technologie reichen 12 Watt aus. Man kann das Gerät mit den Ledstrips überall aufhängen und abspielen und erhält eine holografische Wirkung.“

Ideal, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es tauge als „Reklameschild“ vor einem Kaufhaus, meint Sander.

Jedenfalls ist es ein Werbemittel, das sich unter all den blinkenden Lichtern und lauten Stimmen leicht, fast schwebend und leise, aber in hohem Tempo vor sich hindreht – und damit die Tiefenwirkung schafft -, während sich der Besucher zwischen vielen Interessenten immer noch staunend zum nächsten Stand windet. In Zukunft soll das Gesicht übrigens auch noch sprechen können, plant Sander.

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Nicht spotten, sondern kaufen

Eine neue Technologie ist auch die App, das heißt das Zusatzprogramm für Computer, Tablets und Smartphones, mit dem Namen „Spott“. Mit ihr soll die Nachfrage von Werbetreibenden, Herausgebern und Zuschauern aufeinander abgestimmt werden. Die App ist bereits in den Niederlanden und Belgien in Gebrauch. „Wir haben eine Technologie entwickelt, die in einem Video-Inhalt oder auf Fotos Objekte und Personen erkennt“, erklärt Vincent Nédée, der die App vorstellt. Konkret können die Zuschauer mit der App zeitgleich so ziemlich alles kaufen, was sie in einer TV-Serie erspähen, vom T-Shirt, das die Lieblingsschauspielerin im Film trägt, bis hin zu den Küchenutensilien und dem Mobiliar. Wie eine Art ‘Shazam‘ für Videos, erkennt die App auf der Grundlage von Klängen, welches Programm sich der Zuschauer gerade ansieht. Auf dem Smartphone tauchen dann rote Punkte auf, die zeigen, welche Produkte gekauft werden können. Der Zuschauer sieht sogleich Marke und Preis des Produktes. Man habe Zugang zu sicherlich 135 Mio. Produkten, betont Vincent.

"Spott" führt den Konsumenten schließlich zum Onlineshop. Dort kann er den Gegenstand bestellen oder erst einmal auf die Einkaufsliste setzen. Was die Rechte betreffe, so seien diese mit den Filmstudios in Amerika geklärt, fügt Vincent hinzu. „Wir haben inzwischen sogar die Zulassung, um Inhalte von internationalen ‘content producern‘ interaktiv zu gestalten und damit Produkte an den content zu linken.“

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Nicht einfach nur in die Pedale treten

Weiter geht es zu einem Stand mit Fahrrädern. Einige Besucher treten bereits kräftig in die Pedalen. Doch einfach nur in die Pedalen treten, reicht nicht aus. „Die Idee dieses Projektes ist, ein gesundes Fahrradfahren zu ermöglichen“, erklärt Bart Forts. „Mit dieser App will man Menschen zum Fahrradfahren bewegen. Viele Räder sind heute schon mit irgendwelchen Sensoren ausgestattet. (…) Wir sorgen dafür, dass die Menschen gesund Fahrrad fahren. Schnell fahren ist nicht unbedingt gesund, Fahrrad fahren jedoch schon.“
 

So kann man mit der App sehen, ob der Herzrhythmus im richtigen Bereich liegt. Auf dem Simulator erkennt der Besucher das gut. Bart holt ein kleines Gerät von der Größe eines Smartphones hervor: „Hiermit kann man alles mit unserer Infrastruktur verbinden. Die Innovation ist, dass das Gerät nicht nur auf zwei Metern, sondern auf bis zu 700 Metern Entfernung Fahrradfahrer miteinander ‘verbinden‘ kann. Auf einem Berg haben Fahrer manchmal keine Handyverbindung, um Daten zu versenden. Hiermit schon. So kann das Training während der Fahrt optimiert werden.“

An diesem Projekt ist nicht nur die VRT, sondern sind u.a. auch die Universtäten von Gent und Antwerpen beteiligt. In Zukunft wolle man ein ganzes Peloton miteinander vernetzen, schwärmt Bart. Noch sei das Ganze ein Versuchsprojekt, doch in ein paar Jahren werde die Apparatur auf den Markt kommen, hofft er.

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Was liegt im Trend und was nicht?

Und dann stoßen wir auf das System Trendolizer. Mit diesem kann man eine Antwort darauf finden, welcher Artikel zum Beispiel heute am meisten in den sozialen Medien „geliked“ wurde. „Mit dem System werden bis zu 400.000 Links pro Tag, das heißt von Artikeln, Tweets und Videos, herausgefiltert. Das System misst deren „Likes“, „Video views“ und „Retweets“, erklärt Maarten Schenk.

Eine weitere Anwendung ermöglicht dem Kunden eine Art Überwachung der Benutzung seines Markennamens in den Medien. „Zum Beispiel zeigen wir unserem Kunden, wann und wo er in den Medien erwähnt wurde.“

Fake? Fake! Fake?

Über die sozialen Medien kann Maarten mit dem System aber auch Webseiten mit Falschnachrichten aufspüren und diesen sofort mit einer Richtigstellung und einem Artikel entgegentreten.

Damit sei er häufig schneller als die großen Factchecking-Seiten und das auch auf internationaler Ebene, sagt er. „Wir haben eine Liste von Fake-Nachrichtenseiten. Wenn die etwas posten sind wir natürlich sofort alert. Daneben folgen wir Twitter-Hashtags und Foren.“

„Schauen Sie! YourNewsWire.com ist so eine Verschwörungsseite, auf der sie irgendwelche komischen Geschichten erfinden. (…) Wir können erkennen, dass sieben weitere, wahrscheinlich Fake news-Seiten, auf ein und denselben Besitzer zurückgehen. Man muss also diese Seiten besonders im Auge behalten. Häufig sind dort nämlich ebenfalls Falschmeldungen zu finden."

"Manchmal kommen Verbindungen von mehreren Seiten zum Vorschein. (…) Und das ist wiederum für Investigativ-Journalisten interessant.“

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Onehertz

Inmitten der Stände, die ihre neuen Technologien präsentieren, an denen sie gerade forschen, steht auch „Onehertz“, ein virtuelles Radio-Studio für Musikprogramme.

„Auf einem Tablet, genauer gesagt in einem Computerprogramm, hat der DJ Zugriff auf alles, was er für seine Show braucht. So sind darin ein Mischpult und Telefonsystem eingebaut. Es ist wie eine Fernbedienung“, betont Renaud Schoonbroodt von der Technologie-Abteilung der VRT. „Wenn Radio machen mobiler wird, erhöhen wir vielleicht auch das Interesse der jungen Leute an diesem Medium. Der Präsentator kann seine Sendung dann ganz einfach aus einem Bistro aus moderieren.“

Doch sollte er bei diesem Prototypen das Mikrophon nicht vergessen, denn das ist auch in Zukunft weiterhin für die Moderation notwendig.

Und was nun? - Beinahe am Ende des Tages angekommen, wäre nach all den Eindrücken und den wechselnden, auf den Besucher einprasselnden, Geräuschpegel vielleicht erst einmal eine „App der Stille“ angenehm - zumindest bis die Pause vorüber ist.