Der Fleischskandal zieht weiter seine Kreise

Nach dem zweiten Fleischskandal in Belgien steht das belgische Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (FAVV) politisch weiter unter Druck. Inzwischen mehren sich auch kritische Stimmen innerhalb der Mehrheit. Der Vorwurf lautet, bei FAVV habe man energischer durchgreifen müssen, schließlich verfüge die Behörde über alle nötigen Mittel dazu. Jetzt melden sich auch die Verbraucher zu Wort. Sie verlangen vom Handel, etwas zu unternehmen, dass das Vertrauen in das, was man kaufen möchte, wieder hergestellt werden kann.

Nach dem bekannt wurde, dass auch ein flämisches Fleischunternehmen verdorbenes Fleisch in den Kosovo ausgeführt hatte, ohne dass die Lebensmittelbehörde FAVV dabei sofort eingeschritten ist, verliert die Politik in Belgien langsam die Geduld. Die Kritik kommt dabei nicht mehr nur aus der Opposition, sondern mittlerweile auch aus den Reihen der Mehrheit.

Auch wenn der Vorgang beim fleischverarbeitenden Unternehmen Vanlommel in Olen (Prov. Limburg) nachweislich ein menschliches versehen war (1,5 t einer 20 t-Lieferung für Kosovo bestand aus abgelaufenem Fleisch), stellen Mehrheit und Opposition fest, dass die Bundesbehörde für Lebensmittelsicherheit nicht energisch genug vorgegangen ist, obschon, wie eine Abgeordnete aus den Reihen der Koalitonspartei CD&V, Flanderns Christdemokraten, bemerkt, das Amt über alle Mittel verfüge.

Inzwischen wird die FAVV mit einem Audit, den Bundeslandwirtschaftsminister Denis Ducarme (MR) angeordnet hat, durchleuchtet und noch in dieser Woche kommt der parlamentarische Ausschuss für Volksgesundheit und Unternehmertum zusammen, um die Vorgänge bei Veviba/Verbist (Bastogne/Prov. Luxemburg) und bei Vanlommel (Olen/Prov. Limburg) zu besprechen.

Schon jetzt fordern die flämischen Sozialisten SP.A ein besseres Krisenmanagement bei Lebensmittelskandalen. Landwirtschaftsminister Ducarme mahnt aber zur Vorsicht: „Es ist völlig unverantwortlich, jetzt die gesamte Fleischindustrie über einen Kamm zu scheren. Es ist nicht so, dass weil Verbist und Veviba Fehler begangen haben, dass der gesamte Sektor verdorben ist.“

"Ich bin mehr als nur ein Kassenzettel!"

Inzwischen richten sich Verbraucherverbände im ganzen Land an die Warenhaus- und Discounterketten. Einige Verbraucher gründeten dazu die Initiative „Ich bin mehr als nur ein Kassenzettel!“, die für die Dauer eines Jahres einen Dialog mit Ketten, wie Delhaize-Ahold, Aldi oder Colruyt führen wollen. Dazu arbeitet die Initiative eng mit anderen Verbraucherverbänden, wie Fairtrade Belgien oder auch Test Aankoop (vergleichbar mit der Stiftung Warentest) zusammen.

Ziel ist zu erreichen, dass die Warenhäuser ihre Kundschaft dazu anregt, beim Konsum und beim Einkauf kritischer vorzugehen. Die Initiative rät den Warenhausbetreibern dazu, „die Kunden zu manipulieren, damit sie einen korrekten Preis für ihr Fleisch bezahlen.“ Viele Kunden seien dazu bereit, für ein Stück besseres Fleisch tiefer in die Tasche zu greifen. Sie würden gerne nachhaltig kaufen und faire Preise zahlen wollen, zum Beispiel zum Schutz von Natur und Tier und zum besseren Ein- und Auskommen der hiesigen Landwirte.

Bioprodukte oder nachhaltig hergestellte Lebensmittel seien längst kein Nischenprodukt mehr und mittlerweile sei hinlänglich bekannt, dass zu billiges Fleisch nicht unbedingt gutes Fleisch sei, so „Ich bin mehr als nur ein Kassenzettel!“ Deshalb fordern die Verbraucher von den Warenhäusern auch eine deutliche Hilfe dabei, wie man tatsächlich erkennen kann, wo das eine oder andere Produkt herkommt und wie es produziert wurde

Ruinöses Fleischgeschäft?

Veviba, das Tochterunternehmen der Fleischgruppe Verbist, hat keine Reserven mehr und kann in spätestens 10 Tagen seinem Personal keine Löhne und Gehälter mehr zahlen. Das Unternehmen, das den ersten Fleischskandal auslöste, steht vor dem Ruin. Die wallonischen Landesbehörden wollen Schlimmstes verhindern.

Die Fleisch- und Schlachthofgruppe Verbist ist ursprünglich ein westflämisches Unternehmen, doch seit einigen Jahren befindet sich der Firmensitz in Bastogne (Prov. Luxemburg) bei Veviba. Dieser Umzug brachte der Gruppe einiges an Zuschüssen in Wallonien ein. Doch nach dem Skandal um falsche Etiketten auf Fleischpaketen, die für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet waren, kündigten alle Großkunden, darunter die meisten Warenhausketten in Belgien, ihre Verträge mit Veviba/Verbist.

Interessant dabei ist, dass Veviba die Anlagen in Bastogne nur betreibt. Besitzer ist das Bundesland Wallonien. Dort sucht man jetzt fieberhaft nach einem Käufer für das Unternehmen. International besteht wohl Interesse, doch in der Wallonie würde man einen Betreiber aus Belgien bevorzugen.

Im Zuge des Veviba-Skandals hat auch das zur Verbist-Gruppe gehörende Unternehmen Lanciers in Rochefort in der Provinz Namür keine Kunden mehr, denn von hier aus wurden ebenfalls viele belgische Supermärkte beliefert. Die 70 Beschäftigten des Unternehmens können aber in Kurzarbeit gehen. Lanciers will aus der Verbist-Gruppe austreten, doch dies verlangt noch einen langen Atem.