Architektur-Geschichte: Die Hohe Kolonial-Schule

Die flämische Hafenmetropole Antwerpen ist reich an architektonischen Perlen und nicht wenige von diesen Bauwerken können Geschichten erzählen, die mit der Geschichte unseres Landes unmittelbar zu tun haben. Darunter fällt auch die eher wenig bekannte Hohe Kolonial-Schule aus den 1920er Jahren. Hier wurden Studenten oder jene Landsleute ausgebildet, die eine offizielle Funktion in der Kolonie in Belgisch-Kongo zu erfüllen hatten. Heute gehört der monumentale Bau teilweise zur Universität Antwerpen (UA).

Das Gebäude der Hohen Kolonial-Schule in Antwerpen entstand zwischen 1920 und 1923 in der Nähe des Middelheim-Parks in der Scheldestadt. Sie entstand damals auf Geheiß von Kolonialminister Louis Franck, wurde von König Albert I. eingeweiht, veränderte aber bereits nach kurzer Zeit ihren Namen in Koloniale Hochschule von Belgien. Ende der 20er Jahre wütete ein heftiger Brand in dem Gebäude, doch bereits 1931 wurde es wiedereröffnet.

Während des Zweiten Weltkriegs ging der Lehrbetrieb hier nicht weiter. Die Räume wurden von der Wehrmacht besetzt und genutzt und nicht wenige Professoren und Studenten wurden der deutschen Armee einverleibt und mussten an die Front ziehen. Unter den übrig gebliebenen Studierenden und Dozenten wuchs eine Widerstandsbewegung gegen die Nazis heran. Drei Professoren und 11 Studenten des Instituts kehrten nicht mehr aus dem Krieg zurück.

1949 kam es abermals zu einer Umbenennung des Instituts, denn es bekam neue Funktionen und einen höheren Ausbildungsstandard. Das übersetzte sich in dem Namen Universitäres Institut für die Überseegebiete (UNIVOG). Hier konnten die Studenten damals Kandidaturen und Lizenzen (so hießen damals die Uniabschlüsse in Belgien) in „Koloniale und Administrative Wissenschaften“ und in „Handels- und Kolonialwissenschaften“ erlangen.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Das Ende der Kolonien

Nach der Unabhängigkeit des Kongo im Jahr 1960 verlor das Institut seine Bedeutung und die UNIVOG wurde 1961 schon aufgelöst. 1963 verkaufte man sogar die gesamte Bibliothek der Hochschule. Danach erlangte das Gebäude allerdings eine neue Bildungsfunktion.

Das eigentlich bereits aufgelöste Universitäre Institut für die Überseegebiete fusionierte 1965 mit der Landeshandels-Hochschule und mit dem Hohen Institut für Übersetzer und Simultanübersetzer. Danach ging die Verschmelzung von verschiedenen Einrichtungen in diesem riesigen Gebäude sogar noch weiter und über die Abteilung Internationale Zusammenarbeit entstand das Kolleg für Entwicklungsländer, das im Jahr 2000 wiederum mit dem Zentrum für die Dritte Welt vereinigt wurde. Daraus entstand das heutige Institut für Entwicklungspolitik und -verwaltung.

Allerdings werden Teile des A-Gebäudes, also des Hauptgebäudes, mittlerweile als Campus Middelheim von der Universität Antwerpen (UA) genutzt.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Art Deco und Heimstätte für moderne Kunst

Das monumentale Gebäude an der Middelheimlaan in der Nähe des gleichnamigen Parks (der übrigens eine beeindruckende Skulpturensammlung beherbergt und der Heimstätte für ein jährlich stattfindendes Open Air-Jazzfestival ist) ist ein robuster Bau, der im Art Deco-Stil entstanden ist. Der Architekt Walter Van Kuyk zeichnete für den letzten und endgültigen Entwurf verantwortlich.

Viele Details und Gegenstände aus der Kolonialzeit sind heute aus dem Gebäude verschwunden. Das meiste davon ist wohl im Afrikamuseum in Tervueren bei Brüssel untergekommen. Manches ging allerdings auch andere Wege, zum Beispiel über den Antiquitätenhandel… Geblieben ist nur noch ein fünfzackiger Stern über dem Haupteingang, das Symbol der Flagge von Belgisch-Kongo. Dieses Symbol erinnert an eine der dunkelsten Perioden in der noch jungen Geschichte des Königreichs Belgien. Koloniale Atmosphäre strahlt das Gebäude durch seine Monumentalität allemal noch aus…

Heute beherbergt das Gebäude eine beindruckende Kunstsammlung mit Skulpturen und Gemälden nicht nur von belgischen Künstlern. Das Gebäude ist frei zu betreten, denn es ist ein offenes Haus und eine öffentliche Einrichtung. Nur den Lehrbetrieb sollten Besucher nicht unbedingt stören. Einige Male im Jahr bietet der Tourismusverband von Antwerpen Führungen durch das Gebäude, von denen sich einige direkt an Kunstinteressierte richtet. Mitten im kleinen Teich direkt vor dem Haupteingang eröffnet eine Skulptur von Folon (Foto unten) den Reigen dieser Werke. Der Kopf der Figur ist ein Buch, das auf das historische Gebäude schaut.