Jugendstil: Brüssel ehrt Victor Horta

2018 steht kulturell im Zeichen des belgischen Jugendstil-Architekten Victor Horta (1861-1947). 20 Kultureinrichtungen widmen dem Meister der „Art Nouveau“, wie der Jugendstil hierzulande genannt wird, unter dem Oberbegriff „Horta Inside Out“ Ausstellungen, Konferenzen, Lesungen und Stadtwanderungen.

Wie kein anderer hat der in Gent geboren Victor Horta das Stadtbild der belgischen Hauptstadt Brüssel geprägt. Einige seiner mit Schnörkeln und Gusseisen verzierten großbürgerlichen Stadthäuser stehen seit 2000 auf der Welterbeliste der Unesco. Gut 70 Jahre nach dem Tod des weltbekannten Architekten feiert Brüssel nun seinen Jugendstilmeister mit einem ganzjährigen Event: "Horta Inside Out".

Horta verdiene, dass man sein Werk und sein kreatives Genie ein ganzes Jahr lang würdige, meinten die Organisatoren. Mehr als 20 Kultureinrichtungen nehmen an der Hommage teil. Auf dem Programm stehen Ausstellungen, Konferenzen, Festivals und Führungen durch Brüssel, die den Besucher auf die Fährte des Initiators des Jugendstils in Belgien setzen. Im Oktober wird ihm und dem Jugendstil, auch Art Nouveau genannt, sogar eine Buchmesse gewidmet.

Horta gehört wieder allen

Gestorben ist der Liebhaber der Arabesken und floralen Ornamentlinien am 8. September 1947. Dass die Gedenkfeiern nicht bereits im Herbst gestartet sind, sondern ausschließlich im Jahr 2018 stattfinden, hat einen pragmatischen Grund. Seit Anfang Januar sind die Rechte an Bild und Werk nicht mehr geschützt. In Belgien erlischt der Urheberschutz 70 Jahre nach dem Tod eines Autors ab Ende des laufenden Kalenderjahrs. Nun gehöre Horta wieder allen, meinte einer der Organisatoren.

Horta (Foto) hat in Brüssel verstärkt ab 1892 gewirkt. Nach seinen Jahren in London und den USA, wohin er vor dem Ersten Weltkrieg geflüchtet war, kehrte er wieder in die belgische Hauptstadt zurück. Doch wandte er sich nach der Blütezeit des Jugendstils, die von 1890 bis etwa 1910 dauerte, von den Blumenmotiven und runden Linien ab und entwarf Bauten in einer bereinigten und klassizistischen Formensprache. Zu diesen Spätwerken gehört auch der Zenralbahnhof mitten im Zentrum der Stadt.

Einfache Herkunft

Der Sohn eines Schusters wurde am 6. Januar 1861 in Gent als eines von zwölf Kindern aus zwei Ehen geboren. Erstmals in Kontakt mit der Architektur kam er, als er als Junge seinem Onkel auf einer Baustelle half. Womit die Weichen gestellt waren. Nach der Schule schrieb er sich zum Studium der Architektur und der Schönen Künste ein.

Nach anfänglichen Jahren der Armut wendete sich ab 1892 sein Schicksal. Jeder, der in Brüssel Geld und Ansehen hatte, wollte sich von ihm ein Stadthaus entwerfen lassen. Die meisten Auftraggeber waren Freimaurer, denn der katholischen Mehrheit Belgiens waren die runden Linien zu sinnlich.

Horta hat in Brüssel rund 30 Jugendstil-Häuser erbaut. Davon haben 22 die Kriegszeiten und den unkontrollierten Modernisierungswahn zwischen den 50er und 70er Jahren überlebt. Zu jenen, die nur noch auf Archivbildern existieren, gehört das "Haus des Volkes". Der Riesenkomplex aus Geschäften, Cafés und Veranstaltungssälen wurde von der belgischen sozialistischen Partei in Auftrag gegeben und musste Mitte der 60er Jahre einem über 25-stöckigen Bürokomplex weichen.

Unesco-Welterbeliste

Im Jahr 2000 wurden vier der Horta-Bauten auf die Unesco-Welterbeliste gesetzt, darunter die Stadthäuser Van Eetvelde und Tassel (Foto oben) sowie das heutige Horta-Museum, das ehemalige Wohnhaus des in Brüssel beerdigten Baumeisters. Sie sind Gesamtkunstwerke im Stil der Art Nouveau: freiliegende Gusseisenelemente, Glasdachkonstruktionen, organische Formen, geschwungene Linien.

Zu den Höhepunkten von "Horta Inside Out" gehört neben Ausstellungen im Horta-Museum auch die Werkschau im Kunstmuseum BOZAR. Dort wird ab Ende April unter dem Titel "A Work in Progress" daran erinnert, dass Horta auch den riesigen Kunsttempel entworfen hat. (Quelle: dpa)