Im FoMu: "Harry Gruyaert - Retrospektive"

Das Fotografie-Museum in Antwerpen, auch als FoMu bekannt, wartet in diesen Tagen mit einer umfassenden Retrospektive zum Leben und Wirken des belgischen Fotografen Harry Gruyaert auf. Diese Retrospektive zeigt Bekanntes von Gruyaert aber auch eher unbekannte oder verkannte Arbeiten. Darunter sind auch Auftragsarbeiten, die ihm und einigen Kollegen von der Agentur Magnum vermittelt wurden. Harry Gruyaert ist seit Langem Mitglied in dieser hochangesehenen Fotoagentur.

Harry Gruyaert, geboren 1941 in Antwerpen, ist zweifellos einer der bekanntesten Fotografen Belgiens. Mit dieser Retrospektive präsentiert das Fotografiemuseum seiner Heimatstadt einen umfassenden Querschnitt durch dessen Werk, der so manche Überraschung birgt. Gruyaert gehört zu den Pionieren der Farbfotografie. Seit 1982 gehört er zum erlauchten Kreis ein der renommierten Fotoagentur Magnum.

Harry Gruyaerts Umgang mit Farben, Licht und Schatten bietet ein unglaubliches und für so gut wie jedes Foto einmaliges Universum. Sein Foto am Strand von Ostende zum Beispiel ist eine regelrechte Ikone. Genau wie bei mehreren älteren und großen Farbabzügen auf Basis von Kodachrome-Diafilmen erkennt man beim näheren Betrachten die Pigmente der Zusammenstellung der entsprechenden Negative. Diese lassen so manches Bild wie ein Gemälde erscheinen. Gerade bei Fotos wie dem Ostende-Bild wird man regelrecht an die berühmten Wolkengemälde des britischen Malers John Constable (1776-1837) erinnert…

©Harry Gruyaert / Magnum Photos

Geschichtenerzähler

Harry Gruyaert reist um die Welt und ist ständig auf der Suche nach der Schönheit des Alltäglichen. Mit seiner Art der Bildkomposition erzählt er Geschichten oder er regt dazu an, selbst Geschichten zu den Fotos zu erfinden.

Das FoMu unterstreicht Gruyaerts Werk anhand von drei Bilderserien: „Rivages“ (2003) ist eine Bildersammlung, in der der Horizont und das Meer im Mittelpunkt stehen. Im gerade erst veröffentlichten Buch „East West“ (2017) werden Moskauer Stadtporträts aus dem Jahr 1989 neben Farbfotos von Las Vegas und Los Angeles aus dem Jahre 1981vorgestellt. Seine konzeptuelle Bilderserie „TV Shots“ (1974), die als eine Videoinstallation dargestellt wird sieht der Fotograf als ein durch und durch journalistisches Werk an.

Doch das FoMu in Antwerpen zeigt in der Gruyaert-Retrospektive viel mehr als diese drei Schwerpunktreihen. So kommen frühe Schwarz-Weiß-Reportagen zum Tragen und auch Werbefotos für das Modehaus Hermès. Eine wunderbare Idee der Kuratoren ist auch das Ausstellen aller Umschläge der Taschenbücher der Romane des belgischen Kriminalautors Georges Simenon für den englischen Verlag Penguin Books, zu denen sich nebenbei das jeweilige Originalfoto gesellt.

Auftragsarbeiten werden zu Kunst

Nicht zuletzt sind auch Auftragsarbeiten für die Industrie zu entdecken, die Guyraert und einige seiner Magnum-Kollegen von ihrer Agentur vermittelt bekamen. Auch hier rückt der fotografische Meister aus Antwerpen durch seinen Bildaufbau und sein Zusammenspiel von Licht, Farbe und Schatten nüchterne Industrieansichten in die Nähe von Kunstwerken.

„Harry Gruyaert - Retrospektive“ bietet ein Gesamtbild der Karriere eines gefeierten Fotografen. Dem einschlägig vorbelasteten Betrachter werden Vergleiche zu anderen Fotografen einfallen, aber auch zu Malern und Filmemachern. Die französischen Fotografen Robert Doisneau und Henri Cartier-Bresson kommen zum Vorschein, aber auch Maler wie John Constable oder Canaletto. Und einiges lässt an die Zeit erinnern, als der deutsche Regisseur Wim Wenders gemeinsam mit seinem Kameramann Robby Müller noch Filme machte, in der Zeit und Raum noch eine Rolle spielten durften.

Mehr als nur eine Ausstellung

Alles in Allem ist „Harry Gruyaert - Retrospektive“ eine wunderbare Ausstellung, die Bilder zeigt, die die Augen öffnen. Man muss Harry Gruyaert nicht vorher kennen, um sich von seiner Kunst einfangen lassen zu können.

Wer nach dem Besuch der Gruyaert-Retrospektive noch Zeit und Muße für weitere Entdeckungen hat, dem sei ebenfalls im FoMu die Ausstellung „Collection In Transit“ empfohlen. Hier werden Teile der umfassenden Sammlung in einem gelungenen Szenario vorgestellt und zwar von den Anfängen der Fotografie bis heute, wo es auch um die Konservierung von historischen Fotos geht.

„Harry Gruyaert - Retrospektive“ (noch bis zum 10.06.2018) und „Collection In Transit“ (in dieser Form noch bis zum 10.02.2019), FoMu, Fotomuseum der Provinz Antwerpen, Waalsekaai 47, 2000 Antwerpen. Mehr Info bietet die Webseite des Museums.