Selbst die N-VA entscheidet sich fürs "Vatersöhnchen". Wer hätte das gedacht?

Eine dritte Generation der französischsprachigen industriellen Familie Frère ist zum Regenten in der Nationalbank ernannt worden. Steuerexperte Michel Maus läßt das kritisch an "la Belgique à papa" denken. Das ist in der belgischen Geschichte, vor allem bei der flämischen Bewegung, ein starkes Schimpfwort, um die französischsprachigen "Söhne von..." zu kritisieren, die in allerlei Schlüsselpositionen gehoben werden.

Sehen Sie ihn auf dem Foto? Cédric Frère? Er schüttelt die Hand des Königs. Sein Vater steht auf der linken Seite. Sein Großvater Albert Frère sehen Sie in der Mitte lächeln. Nun, bester Leser, Cédric Frère ist also ein Enkel des wallonischen Großindustriellen Albert Frère, der mit einem Vermögen von 6,2 Milliarden Euro an vierter Stelle auf der Liste der reichsten Belgier steht. Ja, höre ich Sie denken, und was ist daran so Besonderes? Nun, Cédric Frère ist kürzlich von Finanzminister Johan Van Overtveldt (N-VA, flämische Regionalisten), zum Regenten in den Regentenrat der Nationalbank ernannt worden.

Damit tritt Cédric Frère in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters. Drei aufeinanderfolgende Generationen der Frères, die zum Regenten der Nationalbank ernannt werden. Da kann man doch die Augenbrauen runzeln.

Der Regentenrat der Nationalbank ist nicht irgendeine Quasselbude von Emporkömmlingen der Industrie, sondern ein Schlüsselorgan von einem der wichtigsten Einrichtungen in unserem Land.

Ein Sitz in der Bank ist wichtig, wenn man von außerhalb der Politik Einluss auf die Beschlussfindung haben will. Schließlich ist es der Regentenrat, der die Kontrolle über die Nationalbank ausübt und Gedanken über die Nationalbank, die Geldpolitik und die Wirtschaftslage in Belgien und in der Europäischen Union austauscht (also Empfehlungen ausspricht).

Der Regentenrat besteht aus dem Gouverneur, den Direktoren und 10 Regenten, wobei 5 Regenten durch Organisationen aus Handel, Industrie oder durch die Zivilgesellschaft bestimmt werden und fünf durch die Regierung. Eine dieser Regierungsernennungen betrifft also Cédric Frère. Finanzminister Johan Van Overtveldt (N-VA) verteidigte die Ernennung im VRT-Radio, indem er schamlos behauptete, dass der Regentenrat der Nationalbank ein Spiegelbild der sozial-wirtschaftlichen Kräfte darstelle und dass Cédric Frère der Vertreter des Unternehmertums im französischsprachigen Belgien sei.

Ferner ließ Minister Van Overtveldt, einst war er Journalist, noch wissen, dass er nur einem Verfahren folge und dass Cédric Frère auf Vorschlag der französischsprachigen liberalen Partei MR ernannt worden sei. Beim Hören von derartigem Nonsens wäre der Journalist Johan Van Overtveldt der Erste gewesen, der eine giftige Bemerkung gemacht hätte.

Über die Ernennung des dritten Frère zum Regenten der Nationalbank sollten wir uns doch alle wundern. Das Unternehmen Albert Fère und Söhne ist jedenfalls keine Dorfmetzgerei, sondern ein finanziell mächtiger Konzern, dem es anscheinend ohne jegliche Probleme gelingt, die Politiker soweit um den Finger zu wickeln, dass er einen Familiensitz in der Nationale Bank für die Familie Frère warm halten kann.

Und wenn der Einfluss der Familie Frère so weit reicht, dann kommt natürlich auch die folgende Frage auf: Wie wird die Politiek reagieren, wenn die Familie Frère andere Sachen fragt?

Und dass die Familie Frère großen Einfluss hat, ist deutlich. So wollte niemand im Regentenrat öffentlich Kritik an der Ernennung üben.

Keine Kritik von Seiten der N-VA oder der Opposition?

Das gleiche gelte für die Politik. Weder von Seiten der Regierungsparteien noch aus der Opposition würde Kritik laut. 

Die einzige Ausnahme habe Hendrik Vuye (ehemaliges N-VA-Mitglied, jetzt parteiloser Parlamentarier) gemacht, der über Twitter habe wissen lassen, dass er den Finanzminister im Parlament in dieser Sache befragen wolle.

Mit der Enrnennung von Cédric Frère scheint es, als sei die alte politische Kultur nie wirklich weggewesen.

Viele der heutigen Generation von Politikern hätten in den vergangenen Jahren ihre Stimme erhoben und die Politik der politischen Ernennungen kritisiert. Jetzt aber feststellen zu müssen, dass diese Kritiker politischer Ernennungen schamlos die gleiche Richtung einschlügen, sei recht schockierend, sagt der Autor dieses Textes, Michel Maus.

Prof. Dr. Michel Maus ist Dozent (VUB) und Anwalt für Steuerrecht.

Die VRT veröffentlicht regelmäßig Gastbeiträge, Analysen und Meinungen und will auf diese Weise einen Beitrag zur öffentlichen Debatte liefern. Die VRT möchte damit verschiedene Stimmen zu Wort kommen lassen. Die Gast-Autoren sind für den Inhalt ihrer Texte verantwortlich.