Verkehrsstudie: Brüssel schneidet schlecht ab

Das deutsche "Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie" erstellte im Auftrag von Greenpeace eine Studie zum Thema Verkehr und Lebensqualität und verglich dabei 12 europäische Städte. Brüssel landet hier auf dem 8. Rang und schneidet in gleich 5 von 21 Punkten als schlechteste Stadt ab. Die besten Noten erhielt die dänische Hauptstadt Kopenhagen.

Das Wuppertal Institut untersuchte 21 Punkte aus dem Bereich täglicher Verkehr und Verkehrsnachhaltigkeit in 13 europäischen Städten im Hinblick auf das öffentliche Nahverkehrs-Angebot, auf Verkehrssicherheit, Luftqualität, Mobilitätsmanagement durch politische Maßnahmen, sowie Anteil und Umgang von und mit Radfahrern und Fußgängern.

Dabei zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen schlecht ausgebauten Nahverkehrs- und Radwegenetzen und der Luftverschmutzung. Die Studie wurde auf Basis von Zahlen und Statistiken der kommunalen Umwelt- und Verkehrsbehörde erstellt.

Kopenhagen führt die Rangliste vor Amsterdam und Oslo an. Das Schlusslicht bildet Rom, noch hinter Moskau.

Brüssel kommt auf den 8. Rang und Berlin belegt mit Rang 10 ebenfalls einen Platz im hinteren Drittel. Beide Metropolen schneiden vor allem wegen mangelnder Verkehrssicherheit und eines schlechten ÖPNV-Angebots relativ schlecht ab.

Autostadt Brüssel

Nach der Studie ist die belgische und europäische Hauptstadt Brüssel eine autofreundliche Stadt. Mehr als 40 % aller Bewegungen werden hier mit dem Auto oder einem anderen individuellen motorisierten Verkehrsmittel zurückgelegt. In dieser Hinsicht schneidet nur Rom mit seinen vielen Zweitakt-Motorrollern ab. Ein „Lockmittel“ für Autos in Brüssel ist wohl auch die Tatsache, dass hier die Parkplätze im vergleichenden Durchschnitt günstiger sind, als in vielen anderen Hautstädten oder Metropolen. Nicht zuletzt leidet die Verkehrsqualität in Brüssel auch darunter, dass viele Unternehmen Dienstwagen und Firmenwagen für ihr Personal zur Verfügung stellen - teilweise als Teil des Lohns oder Gehalts.

Trotz dieser recht negativen Parameter belegt Brüssel hier im Vergleich den 4. Platz in Sachen Luftqualität. Dies allerdings hat einen Haken. Da sich die Wuppertal Institut/Greenpeace-Studie auf offizielles Zahlenmaterial der Behörden beruft, fließen hier auch Mängel ein. In der belgischen Hauptstadt sind nur sehr wenig Messstationen aktiv und nur zwei von ihnen messen an wichtigen und vielbefahrenen Verkehrsachsen. Z.B. in der Belliardstraat im Regierungs- und Europaviertel liegen die Werte, wenn gemessen wird, um ein Vielfaches höher, als der zulässige EU-Wert. Kein Wunder also, so auch Greenpeace, dass der Umweltverband „Client Earth“ in dieser Hinsicht Anzeige gegen Brüssel erstattete…

Öffentlicher Nahverkehr und die Leihräder

Etwa ein Drittel aller Wege in der Stadt legen die Brüsseler mit Bussen oder Bahnen zurück. Das entspricht einer Bewegung pro Einwohner und pro Tag. Damit belegt die Hauptstadt den vorletzten Platz. Das liegt nicht am Fahrpreis, der im Durchschnitt unter 2 € pro Fahr liegt (je nach gewählten Ticketsystem oder -angebot).

Damit belegt die Hauptstadt den vorletzten Platz. Das liegt nicht am Fahrpreis, der im Durchschnitt unter 2 € pro Fahr liegt (je nach gewählten Ticketsystem oder -angebot). Hauptgrund ist laut Studie die Tatsache, dass die Verkehrsanbieter zu wenig Haltestellen anbieten: 2,55 Haltestellen pro Quadratkilometer. Besonders betroffen davon ist der Stadtrand.

Zum Zeitpunkt der Studie wurden in Brüssel insgesamt 5.264 Leifahrräder angeboten und zwar in der Hauptsache von Villo (kommunal) und von der belgischen Bahn (Blue Bike). Nur in London, Paris und Berlin stehen mehr dieser Fahrräder zur Verfügung. Trotzdem werden hier nur rund 3 % aller Verkehrsbewegungen mit dem Rad zurückgelegt. In Kopenhagen, Spitzenreiter in dieser Hinsicht, werden 29 % aller Wege per Rad zurückgelegt.

Das Brüssel hier so schlecht abschneidet, hat mehrere Gründe: Ein zu kleines Radwegenetz von nur 154 km (Kopenhagen: 416 km), mangelnde Verkehrssicherheit und eine entsprechend hohe Unfallgefahr mit entsprechend hoher Zahl an Unfällen (2016 wurden 221 Radfahrer pro 10.000 gefahrenen Kilometern angefahren.

Verkehrspolitik

Nach der Wuppertal Institut/Greenpeace-Studie steht Brüssel im Bereich Verkehrsplanung nur auf dem 11. von 13 Plätzen. Analysiert wurden hier Punkte wie Zahl der Parkplätze für Autos oder Stellplätze für Fahrräder, die Verkehrssicherheit, die Breite der Radwege, die Einrichtung von Umweltzonen und die Möglichkeit, Verkehrswege oder Verkehrsbewegungen per App zu planen.

Brüssels regionaler Verkehrsminister Pascal Smet (sp.a - kl. Foto) weist hier gegenüber VRT NWS in erster Linie mit dem Finger in Richtung Pendler: „Das Problem wird vor allem von Pendlern verursacht, die alleine mit dem Wagen nach Brüssel kommen und so das gesamte Straßennetz in Brüssel überlasten.“ Viele könnten den Zug nehmen, so Smet, doch noch immer ist das Brüsseler Vorstadt- und S-Bahnnetz nicht fertig ausgebaut.

Damit weist der Brüsseler Verkehrsminister einen weiteren Stolperstein an: Die Vielzahl der betroffenen Behörden und Regierungsinstanzen. Verkehrspolitik ist in Belgien Ländersache, doch die belgische Bahn (NMBS/SNCB) wird vom Staat verwaltet. Zudem besteht die Region Brüssel-Hautstadt aus insgesamt 19 Gemeinden, die allesamt ihre eigene lokale Mobilitätspolitik führen. „In Brüssel tun wir, was wir können, doch die Bundesregierung muss auch in ihren öffentlichen Nahverkehr investieren.“

Die Region investiert in den kommenden 10 Jahren rund 5,2 Mia. € in die Mobilität. Das betrifft z.B. zwei neue Tramlinien und weitere Radwege. In Sachen Umweltzone jubelt Smet alleine schon über die Tatsache, dass diese in Brüssel überhaupt erst eingeführt werden konnte. Ab 2025 werden Dieselautos, die über der Euro-5-Norm liegen, aus Brüssel verbannt. Doch eine Stadt, die nach der Expo Brüssel 58 zur Autostadt wurde, könne man nicht von jetzt auf gleich verändern. Allerdings hätte man schon viele Jahre früher damit beginnen sollen, hier aktiv zu werden, so der flämische Sozialist.