Lüttich: Hintergründe und der Tag danach

Benjamin Herman (31), der Todesschütze von Lüttich, hatte zwei Tage Freigang. Eigentlich verbüßte er noch eine Haftstrafe von 12 Jahren für eine ganze Reihe Diebstähle, teilweise mit Gewalt. Herman hatte bereits mehrmals Hafturlaub oder Freigang. Trotz einer langen kriminellen Vorgeschichte und auch nach Verstößen gegen die Vorschriften bei solchen Ausgängen wurden ihm für diese Woche zwei Tage Freigang ermöglicht. Doch was löste seinen Amoklauf aus. Nach Ansicht der Bundesstaatsanwaltschaft weisen Elemente der Ermittlungen auf einen Terrorakt hin.

Nachdem Benjamin Herman am Dienstagvormittag mitten in Lüttich zwei Polizistinnen und einen in einem Auto sitzenden Studenten erschossen hatte, schien er einfach nur auf weitere Polizisten zu warten. Er flüchtete sich zwar mit einer Geisel in eine Schule, schien jedoch den Kindern nichts antun zu wollen.

Als eine Spezialeinheit der Polizei anrückte, schickte Herman seine Geisel, eine Putzfrau des Waha-Lyzeums, einfach weg und begab sich mit seinen beiden zuvor erbeuteten Polizeiwaffen auf die Straße. Dort brüllte er „Allahu Akbar“ und schoss um sich. Bevor er durch Polizeikugeln getroffen wurde und starb, verletzte er insgesamt vier weitere Polizisten (und nicht nur zwei, wie am Dienstag gemeldet wurde). Einer der Beamten schwebte zeitweise in Lebensgefahr.

Die belgische Staatssicherheit hatte, wie am Dienstagabend bekannt wurde, Hinweise darauf, dass sich Benjamin Herman im Gefängnis habe radikalisieren lassen, sprich, dass er sich in der Haft radikalen Moslems angeschlossen haben soll. Trotz zwei verschiedener Aktennotizen in dieser Hinsicht stuften ihn die Sicherheitsdienste als „kleinen Fisch“ ein. In seiner Zelle wurde kein Koran und kein Gebetsteppich gefunden, wie einige Medien noch immer melden. Nutzte er seinen „Allahu Akbar“-Ruf nur, um Polizisten anzulocken? Wollte er sein verkorkstes Leben auf diese Weise beenden?

Offenbar verdichten sich Hinweise darauf, dass Herman in der Nacht vor seinem Amoklauf in Lüttich einen ehemaligen Zellengenossen und Ex-Dealer erschlagen haben soll. Was löste das alles aus? Aussichtslosigkeit? Hass auf den Staat und als Symbol dieses verhassten Staates auch Hass auf die Polizei? Dies werden weitere Ermittlungen ergeben müssen. Auf jeden Fall hat die Bundesstaatsanwaltschaft in Brüssel ein Terrordossier gegen Benjamin Herman eröffnet.

Warum wurde Herman Freigang gewährt?

Benjamin Herman stammte aus dem idyllischen Rochefort in der Provinz Namür, geriet jedoch gemeinsam mit seinem Bruder früh auf die schiefe Bahn. Schon als Minderjähriger verübte er Diebstähle und schon damals war er recht gewaltbereit. Hinzu kam eine Drogensucht. Mehrere Aufenthalte in einer Jugendhaftanstalt und später in Gefängnissen schienen ihn nicht zu heilen. 2010 verübte er während eines Hafturlaus einen Überfall auf einen Blumenladen, für den er auch verurteilt wurde.

2016 verübte er während einer vorzeitigen Entlassung mit strengen Auflagen einen Einbruchdiebstahl, was seine Bewährung beendete. Jetzt sollte er noch bis 2020 in Haft bleiben. Insgesamt wurden ihm 14 Hafturlabe und 11 Freigänge gewährt. Jetzt stellt sich die Frage, ob dies alles so richtig war, angesichts der Tatsache, dass Benjamin Herman mehrmals gegen die entsprechenden Auflagen verstieß und sogar währenddessen weiter Straftaten beging.

Laut Bundesjustizminister Koen Geens (CD&V), der direkt oder indirekt Zustimmung für Hafturlabe oder Freigänge von Häftlingen geben muss (auch im Fall Benjamin Herman), seien alle Regeln strikt eingehalten worden. Man müsse schließlich einen Häftling, der in zwei Jahren entlassen wird, auf das spätere Leben in Freiheit vorbereiten. Diese Haltung aber stößt auf Kritik, denn gerade im Fall des Todesschützen von Lüttich hätten alle Vorzeichen in Richtung Probleme gewiesen. Man dürfe Häftlinge, bei denen Risiken auf der Hand liegen (siehe auch Aktennotiz zur Radikalisierung), vorzeitig oder unter Auflagen freilassen, so die Kritik aus Politik und Gesellschaft.

"Modus operandi weist auf Terror hin"

Bei einer Pressekonferenz der Bundesstaatsanwaltschaft hieß es am Mittwochmittag, dass „verschiedene Elemente auf einen terroristischen Anschlag hinweisen“ könnten. Die Bundesstaatsanwälte Eric van Der Sypt und Wenke Roggen (Foto oben) gaben an, dass der modus operandi in Richtung IS-Dramaturgie weise: „Der modus operandi, den der IS regelmäßig ins Internet stellt, der ‚Allahu Akbar‘ rufende Täter und die Tatsache, dass er in Kontrakt mit radikalisierten Elementen stand, unterstreichen dies.“

Man gehen derzeit allen Hinweisen nach und verfolge auch die IS-Pisten, so die Staatsanwälte. Untersucht werde auch, ob der Täter alleine handelte und ob er unter Drogeneinfluss stand. Auch nach dem Motiv für den Anschlag werde noch gesucht. Sicher sei, dass der es Täter gezielt auf Polizisten abgesehen habe.