Tote und Verletzte bei Schießerei in Lüttich

Bei einer Schießerei in der Innenstadt von Lüttich sind am Dienstagvormittag vier Personen ums Leben gekommen. Ein mit einem Messer bewaffneter Mann, ein 36 Jahre alter Belgier auf Freigang aus der Haft, hatte auf zwei Polizistinnen eingestochen und diese tödlich verletzt. Er nahm ihnen ihre Waffen ab, schoss zwei weitere Polizisten an und tötete eine vorbeifahrende Autofahrerin, deren Wagen er stehlen wollte. Anschließend nahm der Täter eine Frau als Geisel. Kurz danach konnte die Polizei den Mann „neutralisieren“. Die Bundesstaatsanwaltschaft hat inzwischen ein Terrordossier eröffnet.

Die Umstände der tödlichen Schießerei in Lüttich am Dienstagvormittag wurden im Rahmen einer Pressekonferenz am Mittag mitgeteilt. Sicher ist, dass ein mit einem Messer bewaffneter Mann gegen 10 Uhr 30 am späten Vormittag rücklings auf zwei Polizistinnen eingestochen hat, wobei die Beamten schwer verletzt worden. Er tötete beide mit ihren eigenen Waffen. Danach  erschoss der Mann eine 22 Jahre alte Frau, deren Wagen er stehlen wollte. Anschließend hat der Täter eine Putzfrau einer nahegelegenen Schule als Geisel genommen.

Die Ordnungskräfte waren offenbar schnell vor Ort und Spezialkräfte der Polizei konnten den Täter in der Schule, in die er sich mit seiner Geisel geflüchtet hatte, „neutralisieren“. Der Vorfall fand in der Innenstadt am Boulevard d’Avroy (Fotos unten) statt und zwar am Café des Augustins in unmittelbarer Nähe des Waha-Lyzeums und der wichtigen Kreuzung zur Fußgängerzone Lüttichs (Fotos unten).

Das Krisenzentrum des belgischen Innenministeriums und der Nationale Sicherheitsrat beobachteten die Lage und die Ermittlungen und die Not- und Hilfsdienste waren rasch vor Ort. Ein Zusammenhang mit Terrorismus wurde zunächst nicht ausgeschlossen, so unsere frankophonen Kollegen der RTBF. Gegen Mittag wurde bekannt, dass die Bundesstaatsanwaltschaft tatsächlich im Bereich Terrorismus ermittelt. Neben den vier Toten, inklusive Täter, sind auch zwei Verletzte zu beklagen. Dabei handelt es sich um weitere Polizisten.

Die Schulkinder des betroffenen Waha-Lyzeums sind in Sicherheit und wurden von Polizisten und anderen Hilfskräften in zwei nahegelegene Gebäude von Schulen der Provinz Lüttich gebracht. Die gesamte Umgebung des Tatortes ist weiträumig abgesperrt. Lüttichs Bürgermeister Willy Demeyer (PS) begab sich an den Tatort koorndiniert die Sicherheitskräfte vor Ort.

Kurz nach dem Vorfall meldete sich Premierminister Charles Michel (MR) zu Wort und sagte, dass seine Gedanken bei den Angehörigen der Opfer seien. Der Regierungschef begab sich am Mittag zum Krisenzentrum der Bundesregierung, wo er gemeinsam mit Bundesinnenminister Jan Jambon (N-VA) die Ermittlungen begleitet und beobachtet.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

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Wer war der Täter?

Bei dem Täter soll es sich ersten Ermittlungen zufolge um den 31 Jahre alten Benjamin Herman aus Rochefort in der Provinz Namür handeln. Herman hatte eine für mehrere Stunden gültige Ausgangserlaubnis während einer Haftstrafe und sollte Dinge regeln, die nur außerhalb des Gefängnisses möglich sind. Der Mann habe bereits 11 solcher Freigänge erhalten und auch schon 14 Mal einen Hafturlaub - stets ohne Probleme, so die Staatsanwaltschaft.

Er sitzt eigentlich eine 15jährige Haftstrafe wegen einer ganzen Reihe von gewalttätigen Diebstählen in der Haftanstalt von Marche-en-Famenne in der Provinz Luxemburg ab. Herman galt als gewaltbereit, aber nicht als in irgend einer Form als radikal. Über die Motive des Täters herrscht völlige Unklarheit, doch Justiz und Polizei gehen von einem Terrorakt aus und ermitteln in dieser Hinsicht.

Weitere Straftaten?

Nach Meldungen belgischer Tageszeitung hat der Täter von Lüttich möglicherweise zwei weitere Straftaten verübt, seit er sich auf freiem Fuß befand. In Marche-en-Famenne fand die Polizei am Montag den 30 Jahre alten Michael W. mit eingeschlagenem Schädel in dessen Wohnung. Der Mann soll ein früherer Bekannter aus dem Drogenmilieu sein, mit dem Benjamin Herman früher zu tun hatte. Vielleicht hatte Herman noch eine alte Rechnung mit seinem ehemaligen Dealer offen…

Zudem wurde in der Nacht zum Dienstag in Hermans Heimatstadt Rochefort in das Geschäft eines Juweliers eingebrochen. Auch hier sucht die Polizei inzwischen nach einer Verbindung zu Benjamin Herman.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter, dass den Täter mit den beiden erbeuteten Polizeiwaffen zeigt)

Trauer in ganz Belgien

Premier Michel, König Philippe, Innenminister Jambon und Justizminister Geens begaben sich am Nachmittag nach Lüttich zum Tatort. Seit Bekanntwerden des Vorfalls bezeugen viele Politiker aus Bund und Ländern den Opfern dieser brutalen Tat und deren Angehörigen, Freunden und Kollegen ihr Beileid, darunter auch Bundesaußenminister Didier Reynders (MR), Entwicklungshilfeminister Alexander De Croo (Open VLD) und N-VA-Parteichef und Bürgermeister von Antwerpen, Bart De Wever.

Alle Reaktionen widmen sich zudem den ermittelnden Beamten und den Sicherheitskräften vor Ort, die schließlich auch mit dem gewaltsamen Tod von Kollegen fertig werden müssen. Nicht zuletzt bezeugen Polizeieinheiten aus dem Ganzen Land ihren getöteten und verletzten Kollegen ihre Anteinnahme.

Inzwischen folgen auch Beileidbezeugungen aus dem Ausland. Unter anderem richteten Italiens Staatspräsident Antonio Tajani und die britische Premierministerin Theresa May tröstende Worte an die Angehörigen der Opfer und an das belgische Volk. Weltweit öffnen die Webseiten internationaler Medien mit dem Drama in Lüttich, darunter BBC und CNN oder Le Parisien in Frankreich und auch ARD und ZDF widmen dem Thema Schlagzeilen und Berichte.