Kommentar in De Standaard: "Türkischer Iftar ist nicht gleich türkischer Iftar"

Am Samstag (sic!) veranstaltete Fedactio in Antwerpen einen Iftar-Abend. Lokalpolitiker, darunter Bürgermeister Bart De Wever, waren anwesend. Der türkische Veranstalter steht der Gülen-Bewegung nahe. Hundert Kilometer weiter organisierte Ülkü Ocagi (Idealisten Herd), ein Dachverband der umstrittenen Grauen Wölfe, in Waterschei (ein Stadtteil von Genk, Red.!) ebenfalls  ein Iftar in Anwesenheit von Lokalmatadoren. Dieser Iftar ging mit Wahlaufrufen für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan einher, schreibt Bart Brinckman in einem Kommentar in De Standaard an diesem Montag.  Aus dem Niederländischen von U. Neumann.

Die eine Initiative verläuft geräuschlos, die andere verpflichtet die anwesenden Politiker, Rechenschaft abzulegen. Das Thema bleibt ein heikles Thema. Dass letztes Jahr rund 75 Prozent der Belgier mit türkischen Wurzeln in einem umstrittenen Referendum für den türkischen Präsidenten stimmten, erhöhte die Empfindlichkeiten. Der Putschversuch von 2016, in dem Erdogan seinen Widersacher Fetullah Gülen der Mittäterschaft beschuldigt, hat seine autoritäre Ader – sowohl in demokratischer Hinsicht als auch in religiöser – hervortreten lassen. Das macht den Westen misstrauisch.

Dennoch ist es weiterhin wichtig, den Ursachen für diesen Erfolg nachzugehen. Dabei spielt der Begriff Selbstwertgefühl eine Rolle. Erdogan vereinfachte das Leben der Türken in der Diaspora: Leichter Reisen, leichter ein Haus kaufen, leichter vom Wehrdienst freikaufen. Er ging aber vor allem schamlos auf das schleichende Minderwertigkeitsgefühl ein. Trotz jeder Menge Möglichkeiten, fühlen sie sich bei mehreren Punkten benachteiligt. Er bedient das Thema schwierige Integration.

Gemeinsam mit dem Thema Identität als neue Schnittmenge, wird dies schnell zum Problem. Als Lösung wird dann die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft vorgeschlagen. Dabei konzentriert man sich auf "falsches Wahlverhalten": Ein guter belgischer Türke darf nur einen guten Präsidentschaftskandidaten wählen. Außerdem ist nicht sicher, ob die Maßnahme integrationsfördernd wirkt. Wer weiß, vielleicht lassen Türken ihre belgische Staatsbürgerschaft fallen oder die Türkei erleichtert die Wahlbedingungen für ehemalige Landsleute.

Eindeutige Lösungen gibt es nicht. Eine gesunde Wachsamkeit ist sicher nicht verkehrt, aber es hilft, wenn sich Politiker nicht in Reden verlieren, die die Angst vor der türkischen Anwesenheit weiter schüren und wenn sie Kollegen mit türkischen Wurzeln nicht  verdächtigen, ein doppeltes Spiel zu spielen. Sie müssen sich ständig für türkische Angelegenheiten verantworten, auf die sie als Politiker in Flandern keinen Einfluß haben. Dabei wird ihre Arbeit als Stadtbeirat unmöglich gemacht. Ferner hat Integration eine andere Zielsetzung als Assimilationspolitik. Vielleicht sollten flämische Politiker einmal klarstellen, was sei eigentlich von der türksichen Gemeinschaft erwarten.