Kinderarmut: Ein Armutszeugnis der Regierung?

Die an diesem Dienstag vom Familienamt „Kind & Gezin“ veröffentlichten Zahlen zur sozialen Benachteiligung von Kindern machten die armselige Politik der flämischen und der belgischen Regierung deutlich, reagiert Decenniumdoelen, eine gemeinnützige Organisation zur Armutsbekämpfung in Flandern und Brüssel. Aus der Statistik von Kind & Gezin geht hervor, dass knapp 14 Prozent der Kinder in Flandern zwischen 0 und 3 Jahren in sozial benachteiligten Verhältnissen aufwachsen. Die Zahlen gehen aus der Statistik für 2017 hervor und sie sind höher als im Jahr davor.

Aus der Statistik geht auch hervor, dass die Wahrscheinlichkeit, in Armut geboren zu werden, vor allem für Kinder von nicht belgischen Müttern groß ist. Die flämische Ministerin für Armutsbekämpfung, Liesbeth Homans von den flämischen Regionalisten (N-VA), wollte kurz nach Bekanntwerden der Zahlen zunächst noch nicht reagieren und erst die Statistik genauer unter die Lupe nehmen, hieß es.

"Immer mehr Menschen sind von den Tafeln abhängig, immer mehr Menschen müssen Sozialhilfe beantragen, die Wartelisten für Sozialwohnungen werden stets länger...", betont indes Decenniumdoelen. "Die Wirtschaft wächst und die armen Menschen bluten weiter. Die größten Leidtragenden hiervon sind die Kinder."

Kinderarmut könnte vermieden werden, so das Netzwerk noch. "Die flämische und die föderale Regierung müssen hierfür ihre Versprechen einlösen. Die föderale Regierung hat aber ihre Versprechen zur Erhöhung der Beträge für Sozialhilfen nicht erfüllt. Bei den Stromrechnungen und den Mietpreisen wurde nichts unternommen. Flandern hat seine Möglichkeiten zur Begrenzung der Energie- und Mietpreise nicht genutzt. Seither steigen beide Rechnungen bis zur Verzweiflung vieler Mieter."

Die Zahlen zeigten keine Trendwende, sondern ließen vielmehr auf ein Versagen der Politik schließen: "Eine Politik, die nicht strukturell gegen Armut vorgeht und hunderttausende verzweifelte Familien und tausende verzweifelte Kinder zurückläßt."

8 von 10 Kindern leben in "schlechten Wohnungen"

Krankenschwestern und Helfer von “Kind en Gezin” haben bei ihren Kontakten mit Familien Zeichen von sozialer Benachteiligung festgestellt. Sie verglichen das Monatseinkommen der Familien, die Ausbildung und das Arbeitsleben der Eltern, die Wohnung, die Gesundheit des Kindes und inwieweit es in seiner Umgebung stimuliert wird miteinander. Das seien wichtige Punkte im Kampf gegen Kinderarmut, so der wissenschaftliche Berater von "Kind en Gezin", Diederik Vancoppenolle.

Wenn eine Familie bei drei Kriterien oder mehr schwach abschneidet, spricht Kind en Gezin über ein Kind, das sozial benachteiligt ist. Der so genannte Index für soziale Benachteiligung gibt an, dass im letzten Jahr genau 13,76 Prozent der flämischen Kinder in Armut aufwuchsen. Das sind 0,94 Prozentpunkte mehr als 2016.

Bei mehr als  8 von 10 Kindern haben die Eltern ein zu geringes Einkommen, sind arbeitslos oder nur schlecht ausgebildet. Die Kinder wohnen in "schlechten Wohnungen". Insbesondere bei Kindern von nicht belgischen Müttern ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie in Armut geboren werden. Hier liegt der Index bei 33,5 Prozent. Das ist viel höher als bei Kindern mit einer Mutter belgischer Herkunft. Bei Letzteren beträgt der Index 6,1 Prozent.

Kinderarmut in Antwerpen am höchsten

Die Schere der sozialen Benachteiligung unter Kindern hat in allen flämischen Provinzen zugenommen. Doch die Unterschiede zwischen den Provinzen sind groß. In Antwerpen leben zum Beispiel 17,6 Prozent der jungen Kinder zwischen Null und drei Jahren in Armut. Flämisch-Brabant hat mit 8,3 Prozent die niedrigste Zahl.