Kommentar in Het Laatste Nieuws: "Chauvinismus"

In den Nationalelfen dieser WM verschmelzen alle Farbklänge. Tous ensemble! (dt.: “Alle zusammen!”, Red.!) Bis zwei türkischstämmige Deutsche mit ‘ihrem‘ Präsidenten Erdogan posieren. Nationalität ist ein dehnbarer Begriff. Kommentar von Jan Segers in Het Laatste Nieuws. Aus dem Niederländischen von U. Neumann.

3:0. Gegen England oder gar Tunesien hätte das vielleicht den Beginn einer Euphorie zur Folge gehabt, aber das war Panama. "Hapje vooraf" (dt.: "Ein Appetithappen"), "Amuse-gueule" (dt.: "Eine Gaumenfreude"). Pflicht erfüllt. Danke Ihnen, Romelu Lukaku. Vielleicht war Filip Dewinter (flämischer Nationalist, Politiker des Vlaams Belang, Red.!) während des Spiels der Roten Teufel mit seinem deutschen Schäferhund Gassi. Doch hätte er Lukaku Tore für Belgien schießen sehen können, was hätte er dann wohl gedacht? Nicht schlecht für einen "Neger"? Dass Dewinter dieses Wort letzte Woche im Parlament absichtlich ausgrub, (…) entlarvt ihn einmal mehr als den Rassisten, den der Rest der Partei nicht mehr sein will, oder nicht?  Doch diesen Mann einfach aus dieser Partei zu werfen, nein, das wäre von dem adretten Vorsitzenden Tom Van Grieken zu viel verlangt - fünf Monate vor den Wahlen in Antwerpen. Es hätte ihn doch nur die Stimme von einem paar Prozent anderer Rassisten gekostet. Könnte der deutsche Schäferhund sprechen, er hätte sein Herrchen angeblafft: 'Zum kotzen (sic)'.

Packender als die Provokation von Filip Dewinter und viel konfrontativer ist die Frage, warum sich Romelu Lukaku in Belgien – viel stärker als bei Manchester United in England – noch immer für jede verpasste Torchance rechtfertigen muss. Warum er in der Pause (0:0) gegen Panama Kritik wie ein Magnet anzieht und nach dem Schlusspfiff (3:0) von zumeist den gleichen Fans auf Händen getragen wird, nachdem er zwei Tore geschossen hat. Lukaku sollte es besser nicht wagen, die beiden offenen Chancen, die er gegen Tunesien bekommen wird und die eine gegen England zu vermasseln. Dann wird er doch wieder dunkler sein als ein Weißer - nein, kein weißer – Stürmer, der eine solche Torchance vergibt! Diese Art des unausgesprochenen Unterschiedes scheint im Jahr 2018 absolut Vergangenheit zu sein. Doch für eine wichtige Minderheit der Belgier ist es das noch immer nicht. Und wird es nie sein, ist zu befürchten.

In zwei Tagen findet das Spiel Serbien-Schweiz statt. Theoretisch zieht dann folgende Elf aufs Feld:  Mvogo, Akanji, Djourou, Rodriguez, Xhaka, Behrami, Dzemaili, Shaqiri, Drmic, Gavranovic und Seferovic - plus der Trainer Vladimir Petkovic. Für die Schweiz, gut. Nicht so für Serbien. Dies zeigt, wie heute in Nationalmannschaften alle Klänge und Farben harmonisch und mit Erfolg  - 1:1 gegen Brasilien - verschmelzen. Tous ensemble! Nationalität ist ein dehnbares Wort. Nur einer von den drei Schweizern in der Auswahl ist einheimisch. Einer von dreien in dieser Auswahl ist nicht einmal in der Schweiz geboren, hat aber die schweizer Staatsbürgerschaft erworben. Staatsangehörigkeit ist nicht mehr stets etwas, mit dem man geboren wird, sondern immer häufiger etwas, was man erwirbt oder was einem für Geld angeboten wird  - siehe die kenianischen Läufer, die Leichtathletik-Medaillen für Katar oder die Türkei gewinnen. Ein Länderturnier hat etwas archaisches.

 Wer Mexikaner, Isländer, Panamaer oder Portugiesen ihre Hymne singen hört, kommt zu dem Schluss, dass Patriotismus nicht gestorben ist. Doch politische Schlußfolgerungen daran zu knüpfen, ist reines Wunschdenken. Auch in Belgien gibt es Politiker, die bei der ‘Superdiversität’ der Roten Teufel eine neue ideale Gesellschaft sehen, eine neue belgische Identität, eine mehrfache kosmopolitische Identität. Wäre das so, würden sich die goldenen Jahre der Roten Teufel nicht nahtlos mit den goldenen Jahren der N-VA überschneiden. Chauvinismus auf den Fußballtribünen ist keine Form von modernem Belgizismus. Wie brüchig diese neuartige Gemeinsamkeit ist, wissen inzwischen die Deutschen. Ihre Starspieler Özil und Gündogan posierten vor der WM mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. 'Mein Präsident', nannte ihn Gündogan. Toller Spieler, aber seither ist er für die Fans kein Deutscher mehr. Es leben die WM!