"Allah am Kleiderhaken"

Jede Muslimin sollte ganz sie selbst sein dürfen, sagt die Genter Stadtbeirätin der Grünen (Groen) Elke Decruynaere und fordert die Zulassung des Kopftuches in Schulen. Aus demselben Grund könnte man es auch einfach verbieten. Kommentar von Jan Segers in Het Laatste Nieuws. Aus dem Niederländischen von U. Ne.

Kein Wort, kein Kleidungsstück, kein Symbol weckt heftigere Emotionen als das Kopftuch. Die Diskussion hierüber ist uralt und dennoch schafft man es nicht, sie beizulegen. Die Frage, ob das Kopftuch auf der Straße, am Arbeitsplatz, hinter öffentlichen Schaltern und im Klassenzimmer  zugelassen ist, spaltet alle klassischen Parteien, von den Sozialdemokraten über die Christdemokraten bis hin zu den Liberalen. So war es vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren und so ist es heute immer noch. Die Parteien am äußersten Rand haben den Vorteil von Klarheit. Die N-VA (flämische Regionalisten, Red.!) und der Vlaams Belang (flämische rechtsextreme Partei, Red.!) sind dagegen. Groen hingegen hält das Tragen des Kopftuches für “supersympathisch” und deutet dies als einen klar erkennbaren Ausdruck von „Superdiversität“, die die Partei „superbegeistert“ unterstützt. Aus Gründen der aufrechten Überzeugung? Natürlich. Doch dass diese Haltung der Partei auch einen Stimmengewinn verschafft, vor allem in Städten wie Gent und Antwerpen, ist mehr als ein Atout. Das Kopftuch ist eine Goldgrube vor Wahlen, sowohl für diejenigen, die ausdrücklich für als auch für solche, die radikal dagegen sind.

Die grüne Genter Stadtbeirätin Elke Decruynaere regte gestern erneut eine Diskussion an, die in ihrer Stadt schon seit 1989 (Sic.! Es muss 1999 heißen, Red.) lebt. Damals hatten die Liberalen, Sozialisten und Grünen das Ruder in der Regierung übernommen. Die liberalere Gesinnung verbannte alle religiösen Symbole aus den öffentlichen Einrichtungen. Die Behörden sollten von nun ab neutral sein. Das Argument, das die Regierung von damals benutzte, um Kreuze und Kopftücher aus den öffentlichen Einrichtungen zu verbannen, war genau dasselbe, das die grüne Stadtbeirätin jetzt für eine Zulassung des Kopftuches anbringt: Den Menschen erlauben, so zu sein, wie sie sind, ohne religiösen oder sozialen Druck. Knapp dreißig Jahre später droht man, die Uhr zurückzudrehen. Der Kontext ist ein anderer als damals – damals ging es um die Befreiung aus den Fesseln der katholischen Kirche, heute um den Würgegriff des Islam, der nach Auffassung einiger, unserer freien Gesellschaft langsam die Luft abschnürt - aber die grundlegende Frage ist dieselbe. Welchen Platz darf eine religiöse Gesinnung im öffentlichen Raum einnehmen? Hängt man Allah vor den Schultoren für eine Weile an den Nagel? Oder darf er mit in den Matheunterricht und ist seine Anwesenheit in der Französisch- und Englischstunde  Pflicht?

Es wurde schon so oft gesagt - hier, aber auch woanders: Diese Diskussion handelt nicht von einem Kleidungsstück. Wenn das Kopftuch bei demjenigen Widerstand hervorruft, der es nicht trägt, liegt das daran, dass er von der prominenten Anwesenheit des Glaubens im Leben junger Musliminnen, also im Leben von Kindern, ausgeht. Dieses Kopftuch liefert den Beweis dafür, welch große Rolle die Religion bei der eigenen Identität, dem Selbstwertgefühl und Wohlbefinden spielt. Das Verständnis hierfür beginnt bei diesem einen Kleidungsstück, aber wo endet es? Wie weit sind wir bereit, mitzuziehen? Könnten Groen und Sie, Frau Stadtbeirätin, das auch einmal näher erklären, bevor die Gegenseite wieder den Hashtag #soumission (dt. Unterwürfigkeit) herauskramt?

Natürlich kann das Manöver der Genter Grünen nicht getrennt von den bevorstehenden Kommunalwahlen gesehen werden. Die Abschaffung des Kopftuchverbotes genießt auch bei den Antwerpener Grünen von Wouter Van Besien Vorrang in der Wahlkampagne. Groen ist ohne Komplexe auf Stimmenfang der Muslime. Gelingt es dort in Gent nicht mehr, die Liberalen mit ins Boot zu holen, steht der Ersatz bereits in den Startlöchern. Die christdemokratische CD&V von Mieke Van Hecke ist dafür. Werfen sie das Wörtchen Kopftuchverbot in den Ring und in Gent zeichnet sich eine neue linke Front ab. In Antwerpen ist das meines Erachtens nicht anders. Die CD&V von Kris Peeters hat mit strengen religiösen Überzeugungen kein Problem. Alle Religionen sind willkommen. Jede Stimme zählt. Letztlich dreht sich die Diskussion, die Elke Decruynaere gestern wieder aufnahm, nicht nur um die Seele 14-jähriger muslimischer Mädchen, sondern auch um die Wahlstimme ihrer älteren Geschwister und ihrer Eltern. Das ist nicht verboten, aber sprechen Sie es doch einfach aus!

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