Washington Post greift Thema 'Euthanasie bei Kindern in Belgien' auf

Ein Kommentar in der Washington Post hat das umstrittene Thema Euthanasie bei Kindern in Belgien aufgegriffen. Belgien ist das einzige Land weltweit, in dem aktive Sterbehilfe auch für Kinder jeden Alters möglich ist. In den vergangenen beiden Jahren wurde die Sterbehilfe bei drei Minderjährigen (17, 9 und 11 Jahre) hierzulande genehmigt.

"Children are being euthanized in Belgium", lautet der Titel des Kommentars in The Washington Post. Der Autor beruht sich auf den offiziellen Bericht der zuständigen Kommission, der im Juli veröffentlicht wurde. In dem Artikel in der Washington Post wird befürchtet, dass künftig noch viel mehr Kindern eine Injektionsspritze verabreicht würde.

In dem Kommentar/Meinungsbeitrag wird auch Luc Proot zitiert. Er ist ein Mitglied der Belgischen Kommission für Euthanasie und war nicht gerade überrascht von dem großen Interesse der ausländischen Presse an dem Thema.  Das sagte er an diesem Donnerstagmorgen im VRT-Radio.

"Wir hatten vermutet, dass das internationale Interesse nach dem Bericht groß sein würde. Im  Ausland ist die Opposition gegen Euthanasie nach wie vor besonders groß. Für Patienten im Endstadium ist man hier und da offen, aber das ist für Psychiatrie-Patienten und Kinder, auch wenn sie sich im Endstadium befinden, nicht der Fall. Das ist fast überall ein "not done".

Große Unterschiede im amerikanischen und belgischen Gesundheitssystem

Proot unterstrich vor allem die außergewöhnlichen Umstände der Euthanasiefälle. "Es handelte sich um Kinder mit einem somatischen, keinem psychischen Leiden, die sich im Endstadium befanden. Das ist in Belgien vollkommen legal. Der Gesetzgeber gibt den Fachleuten eindeutige Kriterien an die Hand, um Euthanasie bei Kindern im Endstadium zu beurteilen. Die Eltern müssen auch ihre Zustimmung geben und angesichts des Leidens dahinter stehen."

"The Washington Post hatte mich angerufen und es war zwischen den Zeilen gleich klar: Sie konnten überhaupt nicht verstehen, dass wir erst alle therapeutischen Mittel ausschöpfen. Amerikaner können nicht glauben, dass wir das bezahlen können. Unsere Krankenversicherung ist natürlich ganz anders als ihre organisiert. Ich habe das zu erklären versucht.“

Euthanasietourismus?

Der Autor des Stückes hat erkennen lassen, dass Euthanasie bei Kindern in Belgien zunehmen würde. "Natürlich wird das noch geschehen, aber sicher nicht in großer Anzahl", so Proot. "Es handelt sich immer noch um Kinder, die in Behandlung in Universitätszentren sind, in denen lange um ihr Leben gekämpft worden ist.“

Auch die Befürchtung, dass Ausländer nach Belgien kommen könnten, um hier Euthanasie durchführen zu lassen, sei unberechtigt. "Sie müssen eine echte Arzt-Patienten-Beziehung aufbauen, bevor Sie mit einem Euthanasieverfahren beginnen können. Die Befürchtung, die manche haben, dass Ausländer hierher kommen könnten, ist also total ungerechtfertigt."

Das Gesetz

Das Gesetz zur aktiven Sterbehilfe wurde 2002 vom belgischen Parlament erlassen.

2014 wurde die Altersbeschränkung für aktive Sterbehilfe in Belgien aufgehoben. Seit der Neuerung haben auch Minderjährige das Recht, von ihrem behandelnden Arzt aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Dies ist aber nur dann möglich, wenn das Kind explizit darum bittet, die Eltern dies genehmigen, Ärzte die Leiden des Kindes als unerträglich und nicht zu lindern eingestuft haben sowie ein psychologisches Gutachten die Zurechnungs- und Urteilsfähigkeit des Kindes bestätigt.

Die drei Kinder, bei denen seither die aktive Sterbehilfe genehmigt wurde, litten an unterschiedlichen Krankheiten: In einem Fall handelte es sich um einen Gehirntumor, in einem anderen Fall um Mukoviszidose und in einem weiteren um eine schwere Muskelerkrankung. Man sei in den drei Fällen "sehr sorgfältig vorgegangen" heißt es in dem Bericht der zuständigen Kommission.

Das Sterbehilfegesetz ist auch in Belgien nicht unumstritten. So würde in drei von 100 Fällen Euthanasie bei Erwachsenen aufgrund psychischer Leiden durchgeführt. Das geht aus einer Statistik in einem Bericht des zentralen Euthanasieausschusses aus dem Jahr 2016 hervor. Kritiker haben sich danach zum Beispiel immer wieder Fragen zur Euthanasie im Falle psychischer Krankheiten gestellt.