#metoo: Schwere Vorwürfe gegen Kulturpapst Jan Fabre

In einem offenen Brief erheben 20 ehemalige und aktuelle Mitarbeiter sowie Praktikanten der Tanzkompagnie Troubleyn von Allround-Künstler Jan Fabre schwere Vorwürfe gegen Choreografen und Regisseur. Diese Vorwürfe betreffen sexuelle Belästigung, Einschüchterung, öffentliche Erniedrigung und anderes mehr. Die Vorwürfe gelten nicht nur Jan Fabre selbst, sondern auch Troubleyn als Arbeitgeber, denn dort habe man dessen Verhalten nie kritisiert. Stattdessen, so die Unterzeichner des offenen Briefes, eher weggeschaut.

Der offene Brief der (Ex-)Mitarbeiter und Praktikanten von Troublyn erschien um Mitternacht auf der Webseite des Kulturmagazins Rekto:Verso. Anlass für das fünfseitige Schreiben ist ein Interview hier bei der VRT mit Jan Fabre vom 27. Juni 2018, in dem er behauptete, dass es Zustände, wie in zahlreichen #metoo-Schilderungen weltweit geschildert, in seiner Kompagnie nicht gebe. Fabre reagierte damit auf eine Studie der Universität von Gent (UGent) im Auftrag von Flanderns Kulturminister Sven Gatz (Open VLD).

Dort hieß es, dass jede vierte Frau alleine im Kultursektor in Flandern im vergangenen Jahr Opfer grenzüberschreitenden Handlungen sexueller Art - körperlich oder psychisch - ausgesetzt war. Fabre sagte dazu wörtlich, dass so etwas in seiner Tanzgesellschaft „in 40 Jahren Bestehen nie ein Problem gewesen ist. Niemals!“

„Lüge“

Diese Aussage ist nach Ansicht der Unterzeichner des offenen Briefes gegen Jan Fabre und Troubleyn eine glatte Lüge. Dort heißt es dazu: „In zwei Jahren Zeit haben insgesamt sechs Leute die Türe hinter sich zugezogen, nach dem sie direkt von Fällen von sexuell übergreifenden Verhalten waren und dagegen protestierten - Fälle, wie sie oft als #metoo beschrieben werden.“

Laut den Vorwürfen soll Fabre jahrelang Tänzerinnen erniedrigt haben, auch öffentlich während Proben. Auch Mitarbeiter, die gegen diese Art des Umgangs mit Kolleginnen protestierten, seien später Opfer von derartigen Angriffen geworden. Neben erniedrigenden Sprüchen gegen Tänzerinnen habe es auch oft rassistische Bemerkungen von Jan Fabre gegen Einzelne gegeben. Der erste der vielen zitierten Fälle ist gut 15 Jahre alt, der aktuellste fand wohl noch dieses Jahr statt. 

„Kein Sex, kein Solotanz“

Ehemalige Mitglieder der Tanzkompagnie berichten zudem von einer gängigen Praxis bei Jan Fabre: „Kein Sex, kein Solotanz.“ Hinzu kommt noch der Vorwurf, dass Fabre Tänzerinnen dazu nötigte, für ihn bei sexuell grenzwertigen Fotoshootings Modell zu stehen. Fabre brauchte wohl solche Fotos als Vorlage für Kunstwerke. Dabei soll Fabre Drogen und Alkohol angeboten haben, damit die Frauen „sich freier fühlen“ sollten. Wer dabei nicht mitmachte, wurde im Nachhinein bei Tanzaufführungen in der Rollenverteilung benachteiligt.

Öffentlicher Prozess?

Bei Troubleyn bedauert man, dass diese Vorwürfe in einer Reaktion auf den offenen Brief bei Rekto:Verso über die Medien geäußert würden und nicht in einem Gespräch. Dies sei ein unehrlicher öffentlicher Prozess, in dem Jan Fabre an den Schandpfahl genagelt werde, ohne jegliche Form von Möglichkeiten zur Verteidigung. Die Vorwürfe seien anonym und damit kaum nachzuverfolgen. Im Zuge von #metoo habe man überdies die internen Prozeduren in solchen Zusammenhängen verschärft, so Troubleyn abschließend.

Inzwischen hat Landeskulturminister Gatz eine Prüfung der Vorwürfe gegen Jan Fabre angekündigt. Jan Fabre genießt als bildender Künstler, Regisseur, Kurator und Choreograf weltweit ein sehr hohes Ansehen, auch wenn Teile seines Werkes durch eine mitunter recht provokative Form umstritten sind. 

Was passiert jetzt nach dem offenen Brief?

Nach dem auch die Gewerkschaften aus dem Kulturbereich den Fall Jan Fabre unter die Lupe nehmen (dort ist die Rede von vielen Mitarbeitern aus diesem Sektor, die aufgrund von zeitlich begrenzten Arbeitsverträgen erpressbar sind und kaum aufmupfen), hat das Arbeitsauditorium von Antwerpen, wo die Tanzgesellschaft Troubleyn ihren Sitz hat, eine Untersuchung aufgenommen.

„In Absprache mit der Staatsanwaltschaft haben wir beschlossen, eine Untersuchung wegen Gewalt, Nötigung und unerwünschtem sexuellen Verhalten am Arbeitsplatz aufzunehmen. Wir werden den Inhalt des offenen Briefes analysieren und den Inspektions- und Polizeidiensten den Auftrag erteilen, dies für uns genauer zu untersuchen.“, so Arbeitsauditor Pieter Wyckaert.