Yorick Jansens

Stromnetzbetreiber Elia geht von fehlenden Megawatt Elektrizität aus

Inzwischen häufen sich die Aussagen, dass im November in Belgien lokal zeitweise der Strom abgeschaltet werden muss, weil die Kapazitäten nicht ausreichen. Der Grund liegt an der Tatsache, dass im November sechs der sieben Kernreaktoren wegen Unterhalts- oder Reparaturarbeiten vom Netz genommen sein werden. Beobachter werten die Lage übrigens als künstlich herbeigeführt. Kraftwerksbetreiber Engie Electrabel verhandele gerade mit der belgischen Bundesregierung über die entstehenden Kosten beim geplanten Atomausstieg.

Laut einer Pressemitteilung des belgischen Hochspannungs-Netzbetreibers Elia reichen die Kapazitäten im kommenden November auch dann nicht aus, wenn alle anderen Quellen in Belgien aktiviert werden und wenn alle Möglichkeiten zum Import von Elektrizität aus dem benachbarten Ausland angezapft werden.

Noch Mittwoch hieß es aus Regierungs- und Elia-Kreisen, dass man zusätzliche 750 Megawatt „gefunden habe“, doch nur wenige Stunden später wurde davor gewarnt, dass im November noch weitere rund 1.000 Megawatt fehlen würden.

Elia gab an, mit allen Beteiligten, Regierung(en), Energieproduzenten usw. daran zu arbeiten, dass ausreichend Elektrizität vorhanden sein wird, um auch kältere Novembertemperaturen bestehen zu können, doch gänzlich seien lokal begrenzte Stromabschaltungen nicht ausgeschlossen. Elia geht sogar noch weiter und befürchtet auch im Januar und Februar Stromknappheiten, ohne jedoch näher darauf einzugehen.

„Schachspiel mit dem Premierminister“

Guido Camps, ehemaliger Leiter der belgischen Energie-Regulierungsbehörde CREG, ist der Ansicht, dass die drohende Stromknappheit im November künstlich herbeigeführt werde. Das Timing, fast alle Kernreaktoren in den beiden Atomkraftwerken Tihange (Prov. Lüttich) und Doel (Prov. Antwerpen) gleichzeitig von Netz zu nehmen, sei vom Kraftwerksbetreiber Engie Electrabel (ein französischer Versorgungskonzern) beschlossen worden und sehe reichlich verdächtig aus. Überdies solle man nicht Bundesenergieministerin Marie-Christine Marghem (MR) dafür den schwarzen Peter zuschieben, sondern Premierminister Charles Michel (ebenfalls MR).

Dieser verhandele gerade direkt mit dem französischen Energiemulti über die Kosten des Atomausstiegs und Engie Electrabel habe nicht unbedingt vor, sich finanziell großzügig am Rückbau der Kernkraftwerke zu beteiligen. 

„Das sind alles Zeichen dafür, dass hier ein ernstes Machtspiel im Gange ist.“

Guido Camps, ehemaliger GREG-Leiter

Laut Camps belaufen sich die Kosten dafür auf rund 10 Milliarden Euro, eine Summe, für die Electrabel Provisionen anlegen müsse. Dies wiederum sei nicht im Sinne von Mutterkonzern Engie:

„Die Planung für das nicht zur Verfügung stehen der Kernreaktoren erfolgt nicht auf Drängen des Kontrollorgans für Nuklear-Anlagen FANC. Dieses Timing scheint sehr ungeschickt und auch das ans Tageslicht kommen der entsprechenden Meldungen ist seltsam. Wir sehen gleichzeitig, dass die Elektrizitätspreise deutlich höher geworden sind. Das sind alles Zeichen dafür, dass hier ein ernstes Machtspiel im Gange ist.“ 

„Das Licht wird nicht ausgehen“

Nach Ansicht des ehemaligen Energieregulators ist Electrabel wohl gerade nicht zufrieden mit dem Lauf der Dinge: „Ich sehe genug Elemente, die nicht im Vorteil von Electrabel sind. Wahrscheinlich ist dies der Eröffnungszug in einem Schachspiel gegen den Premierminister. Das Ziel ist natürlich, die Kraftwerke länger arbeiten zu lassen. Je länger sie drehen, desto besser für Electrabel. Die Unkosten bei abgeschriebenen Kernkraftwerken sind nämlich sehr niedrig.“

Guido Camps ist der Ansicht, dass Premier Michel hier rasch Stellung nehmen müsse - auch öffentlich, denn Electrabel verhandele nicht mit Fachministern, sondern nur mit dem Regierungschef selber.

Überdies geht Camps nicht davon aus, dass im November ein Abschaltplan zum Stromsparen nötig wird. Es werde sicher zu einer auffälligen Entwicklung in diesem Dossier kommen: „Meine Prognose ist, dass es keinen Strommangel geben wird. Das Licht wird nicht ausgehen. Auf hoher Ebene wird noch etwas passieren und im Hintergrund werden die Verhandlungen über die nuklearen Provisionen absolut eine Rolle dabei spielen.“ 

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