Ende des Ersten Weltkriegs: Das VRT/RTBF-Funkhaus steht auf einem geschichtsträchtigen Gelände

Das große belgische Funkhaus an der Reyerslaan in Brüssel/Schaarbeek, in dem seit den 1960er Jahren die beiden öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten VRT für die niederländisch-sprachigen und RTBF für die frankophonen Belgier untergebracht sind, steht auf einem Gelände, dass in den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Jetzt, genau 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, beleuchtet die VRT diesen Teil der Geschichte als Teil der Erinnerung.

Der Funkturm des VRT/RTBF-Gebäudes ist von weiten Teilen Brüssels aus zu sehen und ist zweifellos eine Landmarke in der belgischen Hauptstadt. Doch als das Gebäude errichtet wurde, war es umstritten, denn der Standort, auf den die Wahl gefallen war, hatte in den beiden Weltkriegen eine wichtige und tragische Rolle gespielt. Auf dem damaligen Schießplatz der belgischen Armee waren in beiden Kriegen Todesurteile vollstreckt worden. Dort wurden zum Beispiel Spione und Widerstandskämpfer erschossen, Menschen, die weit über die Grenzen Belgiens hinaus als Helden im Kampf gegen die deutschen Besatzer gefeiert wurden und bis heute werden.

Entstehung

Die Entstehung des Schießplatzes, „Tir National“ genannt, geht auf die Gründung des belgischen Königsreichs zurück. Damals wurden die hohen Offiziere der noch jungen Armee, zumeist Adelige, vom König ernannt, doch auch die reiche Mittelschicht wollte sich an der Verteidigung des Landes beteiligen. Deshalb wurden schon 1831 Bürgerwehren gegründet, die als ziviles Gegenstück zur Armee sogar im Grundgesetz vermeldet waren. Doch auch die Soldaten der Bürgerwehren mussten das Schießen üben. Dazu wurde zunächst am Dailly-Platz in Schaarbeek (Foto unten) am grünen Rand von Brüssel eine Schießanlage errichtet, doch diese erwies sich rasch als zu klein und doch zu nah am bewohntem Gebiet. Etwas weiter entfernt jedoch befand sich ein Feld in einer noch völlig unbewohnten Gegend, das Plateau von Linthout im Weiler Kattepoel. Damals gab es die Reyerslaan noch nicht - sie entstand erst 1909, sondern lediglich der Adamsweg, von dem heute nur noch ein ganz kleiner Teil am Rande der RTBF-Seite des Geländes ersichtlich ist.

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1886 begann der Bau des neuen Schießplatzes und drei Jahre später wurde das Gebäude eröffnet. Entstanden war ein großer militärischer Komplex auf einem etwa 20 Hektar großen Gelände mit Schießbahnen und einem zweistöckigen Gebäude in dem eine weiter 600 Meter lange Schießbahn eingerichtet wurde.

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Volksbelustigung

Der „Tir National“ wurde schnell zu einem beliebten Ort für die reichere Bevölkerung Belgiens. Öffentliche Schießwettbewerbe mit bis zu 6.000 gemeldeten Schützen aus den zivilen Bürgerwehren lockten zahllose Zuschauer auf das Gelände und im Laufe der Zeit wurden dort auch Cafés und Bistrots eröffnet. In zunehmendem Maße nutzte aber auch die reguläre belgische Armee diese Anlagen zu ihren Schießübungen. Die Armeeangehörigen nannten ihre Kameraden aus dem Bürgerwehren übrigens abschätzig „Schön-Wetter-Soldaten“, denn die Bourgeoisie ging nur an sonnigen Wochenendetagen am „Tir National“ üben…

Kriegsbeginn 1914

Im Zuge des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs 1914 wurden die Bürgerwehren aufgelöst. Die Armee hatte in diese „Freizeitsoldaten“ kein Vertrauen und die deutschen Besatzer sahen sie als bewaffnete Zivilisten an und machten Jagd auf sie. Doch den „Tir National“ wussten die Deutschen sehr wohl zu nutzen. Sie brauchten einen Ort am Brüsseler Stadtrand, an dem sie ohne neugierige Blicke Exekutionen durchführen konnten. Unter den dort von Erschießungskommandos während des Ersten Weltkriegs auf dem heutigen VRT/RTBF-Gelände exekutierten Opfern waren zwei sehr prominiente Frauen: Edith Cavell, eine britische Krankenpflegerin und Gabrielle Petit, eine Widerstandskämpferin aus dem belgischen Tournai. 

Märtyrerinnen

Am 12. Oktober 1915 wurde die englische Krankenschwester Edith Cavell am „Tir National“ von einem deutschen Erschießungskommando standrechtlich erschossen. Cavell, bis heute in ihrer britischen Heimat als Märtyrerin und Heldin hochverehrt, wurde wegen Hochverrats und Fluchthilfe für alliierte Soldaten zum Tode verurteilt. Mit diesem vollstreckten Urteil aber sank das internationale Ansehen des deutschen Kaiserreichs enorm.

Edith Louise Cavell (geboren 1865) schloss 1895 ihre Ausbildung als Krankenpflegerin im London Hospital ab und wurde 1907 Oberin an der Krankenpflegeschule Berkendael in Brüssel. Dieses Institut wurde nach der Invasion der Deutschen in Belgien von den Besatzern übernommen und vom Deutschen Roten Kreuz verwaltet. Vor der Besetzung versorgte Edith Cavell und das hiesige Rote Kreuz in dieser Einrichtung Soldaten aller am Ersten Weltkrieg beteiligter Länder. Doch Cavell trat als britische Staatsbürgerin einer Untergrundorganisation bei, die verwundeten alliierten Soldaten (Belgiern, Franzosen und Briten) zur Flucht in die Niederlande verhalf. Nicht zuletzt entlockte die Nonne und Krankenpflegerin deutschen Verwundeten die eine oder andere kriegswichtige Information, die sie an die Alliierten weitergab.

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Edith Cavell (Foto oben) und ihre Mitstreiter konnten bis zu 200 Soldaten zur Flucht verhelfen, bevor sie verraten und am 5. August 1915 von den Deutschen verhaftet wurde. Sie wurde gemeinsam mit 34 weiteren Personen wegen eines „Verbrechens zum Schaden für die deutschen Streitkräfte“ insbesondere der Verletzung des Paragraphen 90 (Absatz 1, Satz 3) des Reichsstrafgesetzbuches (RSTGB) der „Zuführung von Mannschaften an den Feind“ angeklagt und zum Tode verurteilt. Cavell gab die ihr zur Last gelegten Taten offen zu, denn sie wollte als gläubige Christin nicht lügen.

Eine Aussetzung des Urteils oder eine Begnadigung, um die sich der amerikanische und der spanische Botschafter sowie der Papst bemühten, wurde abgelehnt. Am 12. Oktober 1915 wurde sie gemeinsam mit dem Belgier Philippe Baucq am Schießplatz der Brüsseler Gemeinde Schaarbeek, wo heute das VRT-Funkhaus steht, erschossen. Der deutsche Mediziner und Dichter Gottfried Benn war bei der Hinrichtung in seiner Funktion als Amtsarzt zugegen. Im Zuge dessen wurde auch der einzige Deutsche, der hier zu Tode kam, erschossen. Dabei handelte es sich um einen jungen Soldaten, der sich geweigert hatte, auf Cavell zu schießen. Dieser wurde nur Minuten nach ihr noch vor Ort und ohne Urteil exekutiert… 

Gabrielle Petit

Gabrielle Petit (geboren 1983) stammte aus einer Arbeiterfamilie und wurde nach dem frühen Tod ihrer Mutter in einem katholischen Internat in Brugelette aufgezogen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs lebte sie in Brüssel, arbeitete als Verkäuferin und meldete sich sofort als Krankenschwester beim Roten Kreuz. Als sie 1914 ihrem verwundeten Verlobten, Maurice Gobert, zur Flucht über die Grenze in die Niederlande verhalf, begann ihre Spionagetätigkeit. Was sie während dieser Reise über die deutsche Armee erfuhr, gab sie an den britischen Geheimdienst weiter. Dieser gab ihr eine kurze Ausbildung und mit Hilfe einer mehrerer falscher Identitäten sammelte sie Informationen über deutsche Truppenbewegungen. Sie verhalf vielen Männern über die niederländische Grenze und verteilte Untergrundzeitungen.

Gabrielle Petit wurde verraten und von den Deutschen im Februar 1916 festgenommen. Trotz des Angebots eines milderen Urteils weigerte sie sich, andere Widerstandskämpfer zu verraten. Am 1. April 1916 wurde auch sie am „Tir National“ vor ein Erschießungskommando gestellt. Ihre Leiche wurde zunächst auf dem Gelände des „Tir National“ beerdigt. Anders als bei Edith Cavell wurde ihre Geschichte erst nach dem „Großen Krieg“ bekannt und sie selbst zur Nationalheldin. Im Mai 1919 gab es für sie eine nationale Bestattungsfeier und im Beisein der belgischen Königin Élisabeth wurden ihre sterblichen Überreste und die zweier Mitstreiter vom Schießplatz aus auf den städtischen Friedhof Schaerbeek übergeführt.

Unter anderem am Sint-Jansplein in Brüssel steht heute eine Statue zur Erinnerung an die junge Heldin (Foto unten). Ein weiteres Denkmal wurde in ihrem Geburtsort Tournai errichtet. Gabrielle Petit ist übrigens die erste Frau aus der belgischen Arbeiterklasse, für die in Brüssel ein Denkmal errichtet wurde.

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Der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach

Auch die deutsche Wehrmacht nutze den „Tir National“ für Exekutionen aller Art und im Gegensatz zur Reichswehrsehr 14-18 oft auch ohne reguläre Urteile. Unter den hier erschossenen Personen waren im Dritten Reich auch viele politische Gefangene. Auch während des Zweiten Weltkriegs wurden hier bekanntere Zeitgenossen erschossen. Darunter waren die beiden jüdischen Brüder Youra und Alexander Livchitz. Diese hatten einen Zug angehalten, der auf dem Weg vom Sammelplatz an der Kaserne Dossin in Mechelen zum Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war. Dabei konnten viele jüdische Gefangene entkommen. Die beiden Brüder aber wurden gefasst und Anfang 1944 am „Tir National“ erschossen.

Auf einem kleinen Gelände hinter dem VRT/RTBF-Funkhaus befindet sich ein Ehrenfriedhof, auf dem 365 Widerstandskämpfer aus den beiden Weltkriegen beerdigt sind. In 38 weiteren Gräbern dort sind die sterblichen Überreste von unbekannten Personen beerdigt worden. Bis heute konnten diese Leichen nicht identifiziert werden. Dieser Ehrenfriedhof, auch Ehrenfeld genannt, ist über den eingangs erwähnten Adamsweg und über den Hinterausgang der RTBF zu erreichen. Diese Anlage ist übrigens öffentlich zugänglich. Heute sind dort nicht mehr viele sterbliche Überreste begraben, denn die meisten Leichen wurden im Laufe der Jahre umgebettet und zu Friedhöfen in den Heimatorten der Toten gebracht.

Eine kleines Denkmal gegenüber den zentralen VRT/RTBF-Eingang erinnert übrigens an einige Brüsseler Radiomacher, die im alten Funkhaus am Flagey-Platz in Elsene und an versteckten Orten in Brüssel illegale Sendungen gemacht haben. Einige von ihnen wurden verraten oder auch nur zufällig entdeckt und entweder in ein KZ gesteckt oder aber zum Tode verurteilt und exekutiert - auch hier am Schießplatz.

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Das Funkhaus

Der Bau des VRT/RTBF-Funkhauses an der Stelle des ehemaligen Schießplatzes und Exekutionsgeländes war seinerzeit sehr umstritten, denn das Gelände galt als Ort des Gedenkens an Helden und Märtyrer des belgischen Volkes. Die heute zu sehenden Denkmale die an die hier erschossenen Opfer aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und an den „Unbekannten belgischen politischen Gefangenen erinnern, sowie das Ehrenfeld, stehen unter Denkmalschutz. Schon damals wurde vereinbart, dass die Bauherren diese Relikte zur Erinnerung an die tragischen Ereignisse von damals (14-18 und 40-45) in Ehren halten müsse.

Das heutige Funkhaus hat übrigens auch bald ausgedient und wird ebenfalls abgerissen. Hinter den heutigen Anlagen der beiden Sender entsteht ein neues modernes Gebäude, dass 2022 bezogen werden soll. Dieser Neubau reicht bis an die Hecke des Ehrenfeldes. Der Sendeturm bleibt aber stehen, denn er steht ebenfalls unter Denkmalschutz und wurde von den Sendern als Monument in die Verantwortung der Denkmalschutzbehörden der Region Brüssel-Hauptstadt übergeben.  

Dem Bau zum Opfer werden wohl auch einige Außenbauten des Schießplatzes fallen. Dazu gehören einige aus Zement und Ziegelstein gebaute Tunnel in den Schutzwällen des Schießplatzes, durch die die Soldaten hindurchschießen mussten (Foto unten). Heute sind diese Wälle und Tunnel Tummelplätze für zahlreiche Tiere, wie einige nur noch wenig scheue Füchse. Genau 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und kurz vor dem Abriss des aktuellen Funkhauses erinnert der flämische Rundfunk VRT mit Führungen an die damalige Geschichte. 

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