100 Jahre Erster Weltkrieg: Mehr Zivilopfer in Belgien als ursprünglich angenommen

Der Erste Weltkrieg, hier auch der „Große Krieg“ genannt, forderte in Belgien wesentlich mehr zivile Opfer als bisher bis in die 2000er Jahre hinein angenommen. Grund für diese Feststellung ist eine wissenschaftlich angelegte Zählung der zivilen Todesopfer in unserem Land zwischen 1914 und 1918. Die Zahlen stammen aus der sogenannten „Namensliste“, einer Zählung, die das Flanders Fields Museum im westflämischen Ypern seit einiger Zeit, genauer zum Anlass der Gedenkfeiern zu 100 Jahre Erster Weltkrieg durchführt. 

Bisher ging man in Belgien davon aus, dass während des Ersten Weltkriegs hierzulande etwa 5.600 Zivilisten bei Kampfhandlungen und unter kriegsrelevanten Umständen ums Leben gekommen waren. Doch wissenschaftlich untermauerten Zählungen zufolge liegt die tatsächliche Zahl der zivilen Todesopfer des „Großen Krieges“ bei mindestens 24.000 Zivilbürgern. Das Flanders Fields Museum führte bereits seit 2011 eine minutiöse Zählung dieser Opfer durch, ein Vorgang, der Ende 2015 abgeschlossen werden konnte.

Doch woher kommt dieser große Unterschied zwischen den bisher bekannten Zahlungen und den vorläufigen Ergebnissen der aktuellen „Namensliste“? Bisher trugen Historiker in diesem Zusammenhang lediglich Rechnung mit den ersten Kriegsmonaten 1914, als die deutschen Truppen in Belgien als Reaktion auf den hiesigen Widerstand äußerst brutal mit Mord und Brandschatzung - z.B. in den sogenannten Märtyrerstädten Visé, Andenne, Sambreville-Tamines, Aarschot, Dendermonde und Löwen (diese Gräueltaten sind auch unter dem Begriff „Rape of Belgium“, die „Schändung Belgiens“) bekannt. 

Seit 2015 suchen die Wissenschaftler nach genaueren Angaben zum Tod von rund 300 Seeleuten und von rund 400 Opfern von Explosionen von Bomben oder Granaten unmittelbar nach dem Krieg.

Doch auch in den folgenden Kriegsjahren verloren belgische Zivilisten ihr Leben in Kampfhandlungen oder unter anderem Umständen. Der Krieg und die damit zusammenhängenden Entbehrungen für die betroffenen Zivilisten führten z.B. zu einer Typhusepidemie, die rund 1.000 Todesopfer mit sich brachte. Daneben sorgte laut Flanders Fields Museum die Zwangsarbeit, die belgische Bürger im eigenen Land oder in Deutschland auf Befehl der Besatzer verrichten mussten, nicht „nur“ für rund 2.000 Tote sondern für mindestens 8.000 Opfer.

Die Schlussoffensiven haben zudem 1918 in Westflandern viele Dörfer in den Frontabschnitten völlig zerstört, wobei weitere rund 2.300 Zivilisten ihr Leben verloren. Bombardierungen und Artilleriebeschuss von allen Seiten haben zudem weitere mindestens 7.000 Menschenleben gefordert, so die Erkenntnisse dieser Zählungen.

Seit 2015 suchen die Wissenschaftler nach genaueren Angaben zum Tod von rund 300 Seeleuten und von rund 400 Opfern von Explosionen von Bomben oder Granaten unmittelbar nach dem Krieg. Das größte Problem stellte laut Pieter Trogh, dem Projektleiter der „Namensliste“, die Suche nach zwischen 1914 und 1918 ins Ausland geflohenen und dort verstorbenen oder ums Leben gekommenen Landsleuten dar.

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