Löwen und Neuss: Friedensglockenspiel - Europäisches Projekt mit Blick auf die Zukunft

Am vergangenen Sonntag wurde in der Parkabtei in Löwen ein neues Glockenspiel eingeweiht, dessen erste Klänge an diesem Tag, genau 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, erklingen konnten. Dieses Glockenspiel ist der Nachguss des am 25. August 1914 durch der von deutschen Truppen verursachten Feuersbrunst zerstörten Originals. Das neue Instrument konnte durch ein Crowdfunding hergestellt werden, an dem sich auch die Stadt und die Bürger von Neuss beteiligt hatten, schließlich waren Neusser Einheiten an der Brandschatzung damals wesentlich beteiligt. Bei der Einweihung dieses Friedensglockenspiels lag der Fokus neben Freundschaft und Versöhnung aber auch auf dem Blick in die Zukunft - auch der Zukunft Europas.

Unter den Rednern der Einweihung des neuen Friedensglockenspiels am Sonntag, den 11. November, waren neben Vertretern der Stadt Löwen (Leuven) auch einige hochranginge Gäste aus Neuss, sowie die belgische EU-Kommissarin Marianne Thyssen (CD&V/EVP). Sie, und auch Löwens scheidender Bürgermeister Louis Tobback (SP.A), blickten angesichts dieses 100. Waffenstillstandstages und dieser neuen Freundschaft zwischen Bürgern aus zwei Städten und Ländern, die sich einst in Kriegen gegenüberstanden und die sich jetzt versöhnlich die Hand reichten, auch in die Zukunft der Europäischen Union.

EU-Kommissarin Thyssen bewunderte die Tatsache, dass sich Neuss und Löwen 100 Jahre nach so viel Leid so nahe gekommen sind: „Es ist engagierten Bürgerinnen und Bürgern aus Neuss und Löwen zu verdanken, die durch diese Geste der Versöhnung, der Vergebung und der Freundschaft ein Band geknüpft haben, das dem europäischen Friedensprojekt ganz konkret Gestalt verleiht. Denn die europäische Zusammenarbeit gründet auf einem jahrhundertealten Anliegen, nämlich unserem von Gewalt erschütterten Kontinent Frieden, Freiheit, politische Stabilität und Demokratie zu bringen.“ 

„Krieg zwischen den Mitgliedstaaten der EU ist heute undenkbar. Doch es droht eine neue Gefahr. Nämlich, dass wir den Frieden für selbstverständlich halten. Frieden ist nie selbstverständlich. Frieden ist eine Aufgabe, an der wir unermüdlich arbeiten müssen.“

Marianne Thyssen, EU-Kommissarin für Arbeit und Soziales

Doch Thyssen äußerte in diesem Zusammenhang auch Sorgen: „Krieg zwischen den Mitgliedstaaten der EU ist heute undenkbar. Doch es droht eine neue Gefahr. Nämlich, dass wir den Frieden für selbstverständlich halten. Frieden ist nie selbstverständlich. Frieden ist eine Aufgabe, an der wir unermüdlich arbeiten müssen. Ganz bestimmt heute, in einer Zeit, in der die weltweite Ordnung Risse bekommt und sich manche von Multilateralismus abwenden.“ Wir müssen aufpassen, so Marianne Thyssen, dass morgen nicht wieder alles anders werde. Deshalb sei das, was gerade hier geschehe, so wunderbar: „In Vielfalt vereint - diese drei Worte beschreiben, worum es in Europa geht.“

„Kleinstaaterei“

Brüssels bald aus dem Amt scheidender Bürgermeister Louis Tobback äußerte sich ähnlich, wenn auch ohne Manuskript ungleich deftiger. Er stellte fest, dass sich eine „Kleinstaaterei“ andeute, in der auch innerhalb der EU-Mitgliedstaaten wieder viele Länder ihr eigenes Süppchen kochen würden und in denen vieles laut und unverblümt in Frage gestellt würde. Demokratien und Rechtsstaaten würden sich von Multilateralen abwenden und seien heute nicht mehr solidarisch mit jenen, die Hilfe brauchen würden.

Doch viele dieser Menschen in diesen Ländern seien in ihrer Geschichte selbst Flüchtlinge gewesen, die andernorts aufgenommen würden. Tobback freute sich darüber, dass diese Initiative zum Bau des Friedensglockenspiels für die Parkabtei in Löwen für so viel neue Freundschaft gesorgt hat. 40 kleine und große Glocken wurden dazu neu gegossen. Doch Louis Tobback und die Stadt Löwen hatten eine 41. Glocke herstellen lassen, die der Stadt Neuss geschenkt wurde (Foto unten).

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Die deutschen Redner, Volker Timmermann zum Beispiel, der Vertreter des deutschen Botschafters in Belgien, oder auch Reiner Breuer, der Bürgermeister von Neuss, bemerkten immer wieder, dass sie in diesem Land und in dieser Stadt, die so seht unter Deutschland im vergangenen Jahrhundert leiden musste, so freundlich und freundschaftlich empfangen wurden und werden. Timmermann wurde an dieser Stelle sogar ganz persönlich: „Bei vielen Feierlichkeiten in Belgien hat man eigentlich immer das angenehme Gefühl, bei Freunden zu sein. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, was ihrer Stadt von Deutschland und in deutschem Namen angetan wurde. Das Projekt, das die Bürger von Leuven und Neuss zusammengebracht hat, ist auch in dieser Hinsicht exemplarisch.“

„Mögen Frieden und Eintracht durch diese Glocken wachsen“

Inschrift auf den beiden großen Glocken des Friedensglockenspiels

Ähnlich äußerte sich auch Reiner Breuer, der Bürgermeister von Neuss: „40 Glocken erklingen nun auch hier in Leuven wieder in Harmonie in einem ganz besonderen Instrument, dem Carrillon. ‚Mögen Frieden und Eintracht durch diese Glocken wachsen‘, das ist auf den beiden großen Glocken in lateinischer Sprache zu lesen und ich schließe mich diesem Wunsch an. Aus diesem grenzübergreifenden Projekt ist eine noch junge Freundschaft zwischen unseren beiden Städten entstanden. Die kulturelle Zusammenarbeit verbindet, das von den Flammen des Ersten Weltkriegs getrennt wurde. Ich hoffe, dass dieses Band der Freundschaft noch stärker wird und vielleicht für andere Städte, Regionen und Länder beispielhaft sein kann.“

Breuer überreichte Leuven eine erst zwei Tage in seiner Stadt beschlossene „Neusser Erklärung“. Darin stellen sich der Rat und die Verwaltung der Stadt „stellvertretend der historischen Verantwortung Deutschlands für die Gräueltagen des Jahres 1914. Dankbar ergreifen wir die ausgestreckte belgische Hand der Versöhnung. Zusammen mit unseren Nachbarn und Freunden in Leuven fühlen wir uns der Arbeit an einer Zukunft in Frieden, Solidarität und Freiheit in einem gemeinsamen Europa verpflichtet.“

„Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute“

Friedrich Schiller in „Das Lied von der Glocke“

Für Luc Rombouts (Foto), der die ersten offiziellen Klänge des Friedensglockenspiels ertönen lassen durfte und der so viel Energie in dieses Projekt hatte fließen lassen, war dieser Tag so etwas, wie Weihnachten und Ostern zusammen. Nach jedem Lied, das er vor den draußen vor der Abtei zuhörenden Menschen aus Löwen und Neuss aber auch aus anderen Städten und Regionen spielte, winkte er vom Glockenturm hinunter. Unter den Liedern war übrigens auch das „Neusser Heimatlied“… 

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