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"Hotel Mama" wird in Belgien immer beliebter bei Jungerwachsenen

Zwanzigjährige Belgier wohnen immer länger im Elternhaus. Das belegen die Zahlen des europäischen Statistikamtes. Und der Trend ist in unserem Land deutlich ausgeprägter als in den Nachbarländern. Schuld hieran ist die wirtschaftliche Situation vieler Jungerwachsenen. "Je unsicherer ihrer Situation,  desto selbstverständlicher ist es für junge Menschen, den Auszug aus dem Elternhaus zu verschieben", sagt Professor für Soziologie Dimitri Mortelmans (UA).

Jeder Dritte 25- bis 30-jährige Belgier wohnt noch bei den Eltern. In Deutschland ist das ähnlich, aber in den Niederlanden und in Frankreich sind es nur 20 Prozent der Jungerwachsenen, die noch im „Hotel Mama“ zu Hause sind.

Am ausgeprägtesten ist der Unterschied zwischen den skandinavischen und den südeuropäischen Ländern. In Dänemark, Schweden oder Finnland ist es zum Beispiel sehr ungewöhnlich, dass 25- bis 30-Jährige noch zu Hause leben, während dies in Griechenland, Spanien oder Italien eher die Regel als die Ausnahme ist.

Die niedrigsten Zahlen finden sich in Dänemark (4%), Finnland (6,6%) und Schweden (9%). Am höchsten ist der Anteil der noch im Elternhaus wohnenden Jungerwachsenen in  Kroatien (75,4%), Griechenland (72,3%) und Malta (71%).

In Italien bauen Eltern ein sehr gemütliches und warmes Nest für ihren Nachwuchs

Laut Professor Mortelmans ist dies teilweise kulturell bedingt. "Es geht um das Verhältnis zwischen jungen Menschen und ihren Eltern", erklärt der Soziologe. "Dann wird auf das Klischeebild von "la mama" in Italien verwiesen, wo Eltern ein sehr gemütliches und warmes Nest für junge Menschen bauen.“

Auch der wirtschaftliche Kontext erklärt diese Unterschiede weitgehend. "In Skandinavien gibt es viele Prämien für junge Menschen, die allein leben wollen", sagt Mortelmans. "Dann wird der Schritt natürlich schneller gesetzt, wenn man diese Prämien und die daraus folgende Einkommenssicherheit hat.“

In Belgien wohnen noch mehr Söhne als Töchter bei den Eltern

In Belgien stieg die Zahl der „Hotel Mama“-Bewohner in den letzten 8 Jahren stark (die Statistiken gelten für 2010 und 2017) von 21 auf 32,7 Prozent. Besonders ausgeprägt ist dies bei männlichen Jungerwachsenen. Damit ist Belgien neben Ländern wie Spanien, Irland und Zypern einer der europäischen Spitzenreiter. In Irland stieg die Zahl der 25- bis 30-Jährigen, die noch zu Hause leben, sogar von 36 Prozent im Jahr 2010 auf 47,4 Prozent im vergangenen Jahr.

Experten verweisen als Erklärung für dieses Phänomen auf immer teurere Immobilienpreise und die Tatsache, dass junge Erwachsene heutzutage eine perfekt eingerichtete Wohnung bevorzugen. Das macht die Miete einer eigenen Wohnung natürlich teurer. Gleichzeitig war auch Belgien in den vergangenen Jahren von einer Wirtschaftskrise betroffen, während die Regierung alle Arten von Leistungen kürzte, einschließlich Arbeitslosengeld für diejenigen, die gerade ihren Hochschulabschluss gemacht hatten.

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