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Wie ernst ist die Lage? Russen überflogen die Godetia bewaffnet

Die belgische Marine wurde in dieser Woche plötzlich durch einen russischen Jagdbomber aufgeschreckt. Das Kampfflugzeug war mit Raketen bewaffnet. Der Zwischenfall ereignete sich im Baltischen Meer und bedeutet eine neue Eskalation in der Konfrontation zwischen Russland und dem Westen.

Das belgische Marineschiff Godetia wurde am Donnerstagmorgen im Baltischen Meer drei Mal durch zwei russische SU-24 Jagdbomber, die in niedriger Flughöhe passierten, aufgeschreckt. Auf den Fotos der belgischen Marine ist eindeutig zu erkennen, dass die russischen Maschinen bewaffnet waren. Sie hatten Raketen unter ihren Tragflächen, was man bei der Marine auch „dirty wings“ nennt. Die Raketen waren vermutlich vom Typ Ch-25. Das ist eine Luft-Boden-Rakete mit einer Reichweite von 10 bis 40 Kilometern, je nach Version, die auch gegen Schiffe eingesetzt werden kann.

Die Godetia ist für die Russen interessant, weil sie derzeit das Kommandoschiff einer Nato-Flotte von Minenräumern im Norden ist. Fünf andere Minenräumschiffe der Nato-Mitgliedstaaten befanden sich also zu dem Zeitpunkt ebenfalls im Baltischen Meer.

Einen Tag zuvor hatten die Russen übrigens auch schon versucht, nah an die Godetia heranzukommen, um Fotos von dem Schiff zu machen. Am Mittwoch hatten sich die Russen mit einem U-Boot nah an die Godetia herangewagt und sich ganz offensichtlich an der Oberfläche gezeigt. Der Marine zufolge sei das ungewöhnlich.

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"Ich will nicht der Anstifter des Dritten Weltkriegs sein"

Der Kapitän der Godetia, Peter Ramboer, hat das Kommando über die Minenräumflotte der Nato. Er gab, als die russischen Bomber die Godetia überflogen, an die anderen Schiffe den Befehl, nichts zu unternehmen, um eine Falscheinschätzung zu vermeiden. “Ich will nicht der Anstifter des Dritten Weltkriegs sein, nur weil eine falsche Einschätzung gemacht wurde,” sagte der Kapitän gegenüber der VRT am Samstag während eines Besuchs des Verteidigungsministers Sander Loones (N-VA) auf der Godetia. 

Es ist nicht das erste Mal, dass Nato-Schiffe von russischen Militärmaschinen in niedriger Flughöhe überflogen werden. Das war der Fall im April 2016, ebenfalls im Baltischen Meer, mit dem amerikanischen Destroyer USS Donald Cook. Damals handelte es sich um den gleichen SU-24 Bomber, aber unter den Tragflächen befanden sich keine Raketen.

Indem sie ihre Bomber nun aber bewaffnen, üben die Russen noch mehr Druck auf die Nato aus. Diese Taktik ist gefährlich. Das sei ein eindeutiges Signal der Russen gewesen: „Schaut, was wir können, was wir uns trauen“, so Kapitän Ramboer. Die Gefahr, dass hier etwas aus dem Ruder laufen kann, nimmt damit zu. Ein Kapitän darf in solch einem Fall eigenständig entscheiden, das Flugzeug herunterzuholen, wenn er der Meinung ist, dass sein Schiff bedroht wird. Der Kapitän der USS Cook hatte 2016 entschieden, nichts zu unternehmen, weil die russischen Flugzeuge nicht bewaffnet waren.

Die Russen mussten sich allerdings bei ihrem Überflug über die Godetia am Donnerstag keine Sorgen machen, denn das Schiff ist nicht für die Abwehr feindlicher Angriffe ausgerüstet, ebensowenig die anderen Nato-Schiffe, die sich in der Nähe befanden. Das war vielleicht auch der Grund dafür, dass die Russen dieses Mal sehr wohl bewaffnet über die Godetia hinwegflogen.

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Das Ganze hätte schief gehen können

Trotzdem hätte das Ganze schief gehen können, denn die belgische Fregatte Louise Marie war zu diesem Zeitpunkt im Baltischen Meer mit einem Luftabwehrmanöver zugange. Das Manöver wurde abgebrochen, um den schwedischen Kampfflugzeugen, die einen Angriff  auf die Louise Marie ausführen sollten, die Möglichkeit zu geben, die russischen Bomber abzufangen.

Dem Kapitän von der Louise Marie, Kristof van Belleghem, zufolge träten die Russen jetzt viel entschlossener auf: “Es wird immer häufiger. Wir stellen fest, dass die russische Aufstellung gegenüber unseren Militäreinheiten stets entschiedener ist.“ Man müsse damit vorsichtig sein, um Missverständnisse und Unglücke zu vermeiden, so der Kapitän der Louise Marie abschließend. 

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