3.798 Mal hat es in letzten 5 Jahren in Belgien Probleme mit Implantaten gegeben

Genau 3.798 Mal ist in den letzten fünf Jahren in Belgien etwas bei Patienten schief gelaufen, denen Medizinprodukte implantiert wurden. In 72 Fällen sei der Verlauf sogar tödlich gewesen. Die meisten Fälle wurden allerdings nie publik. “Wir wollen den Menschen jetzt auch nicht unnötig Angst einjagen”, reagiert das zuständige Bundesinstitut in Belgien. “Idealerweise müssten wir jetzt Daten mit Erklärungen veröffentlichen, aber wir haben die Mittel hierzu nicht.“

Die moderne Medizin kommt heute wohl kaum noch ohne Implantate und Prothesen aus, seien es nun künstliche Hüften oder Brustimplantate. Doch fehlerhafte Medizinprodukte wie Implantate verursachen immer häufiger Verletzungen und auch Todesfälle, geht aus einer Untersuchung eines internationalen Konsortiums für Investigative Journalisten (ICIJ) hervor.

Die Journalisten deckten auf, dass weltweit 1,7 Millionen Menschen durch Verfahren mit Implantaten verletzt worden seien und sogar 83.000 Todesfälle registriert wurden. Der Grund: Die Produkte, die implantiert würden, seien kaum oder gar nicht getestet oder verkehrt angebracht worden.

In Belgien haben Investigativjournalisten von Knack, De Tijd und Le Soir die Hilfsmittel unter die Lupe genommen. Auch hierzulande ist das ein gigantisch großer Markt. Letztes Jahr erstattete das Bundesinstitut für Kranken- und Invalidenversicherung, RIZIV/INAMI die Kosten für mehr als 220.000 Implantate. Das ergibt einen Gesamtbetrag in Höhe von einer halben Milliarde Euro.

Und auch in Belgien läuft hin und wieder etwas mit den Implantaten schief. So hätten allein im vergangenen Jahr 4.676 Patienten ihre Hüft- oder Knieprothese wegen anhaltenden Schmerzen oder Infektionen auswechseln lassen müssen.

Handelt es sich tatsächlich um Schäden durch Medizinprodukte, dann muss das dem belgischen Institut für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet werden. Und hier gehen jedes Jahr immer mehr Meldungen ein.

Innerhalb von fünf Jahren sind 3.798 Berichte über Zwischenfälle eingegangen. In 72 Fällen seien Patienten sogar gestorben, darunter “wahrscheinlich” drei in Zusammenhang mit Problemen mit dem Implantat.

Auch in Deutschland seien im vergangenen Jahr zahlreiche Verletzungen, Todesfälle und andere Probleme im Zusammenhang mit Medizinprodukten registriert worden. In Deutschland nennt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mehrere Gründe für die Zunahme der Meldungen: Einerseits steige die Zahl der Medizinprodukte. Andererseits steige aber auch die Zahl der Meldungen bei Problemen. Es gebe ein deutlich verbessertes Meldeverhalten von Ärzten und Kliniken, sagte BfArM-Sprecher Maik Pommer der Presseagentur dpa.

Fehlende Mittel

Über die Probleme wird nach außen hin nicht kommuniziert. In den USA ist die Information hingegen frei im Netz zu finden. Selbst die Mitglieder des RIZIV-Ausschusses erhalten diese Informationen nicht, obwohl das belgische Institut für Arzneimittel und Medizinprodukte die „optimale Unterrichtung der Bevölkerung“ auf ihre Fahnen schreibt. „Es handelt sich um lose Informationen, bei denen der kausale Zusammenhang erst noch festgestellt werden muss“, wird Hugues Malonne vom belgischen Institut für Arzneimittel und Medizinprodukte in der Zeitung Knack zitiert.

„Wir wollen dem Publikum nicht unnötig Angst einjagen. Unter idealen Umständen veröffentlichen wir mehrere Daten mit den dazugehörigen Erklärungen. Doch das wäre ein riesengroßes Stück Arbeit, für die uns die Mittel fehlen."

Kontrollverlust

Insgesamt arbeiten beim belgischen Institut nur 43 Experten, die sich mit Implantaten beschäftigen. Bei der RIZIV sind es gar nur neun Personen. Sie sollen über die Sicherheit von einer halben Millionen Implantaten wachen. Zu Beginn der Legislatur sah die Situation noch düsterer aus. Damals waren nur knapp 12 Fachleute beim belgischen Institut und fünf bei der RIZIV hierfür zuständig.

Das Kabinett von Gesundheitsministerin Maggie De Block (Open VLD) untersucht derzeit die Lage, heißt es im Kabinett. Das Kabinett hat inzwischen auch noch bekannt gegeben, dass das belgische Institut für Arzneimittel und Medizinprodukte im nächsten Jahr 14 weitere Beamte hinzubekäme, die sich mit Implantaten beschäftigen sollen.

Die ausgewerteten Daten der Investigativjournalisten tragen den Namen "Implant Files" und haben in zahlreichen Ländern für Aufsehen gesorgt.

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