Deportationszüge: Muss die belgische Bahn Holocaust-Opfer entschädigen?

In den Niederlanden wurde jetzt beschlossen, dass die dortige Staatsbahn Holocaust-Opfer oder deren Nachkommen entschädigen muss, die während der Nazizeit mit niederländischen Zügen in die Vernichtungslager in Osteuropa transportiert wurden. Es sei an der Zeit, dass sich auch die belgische Bahngesellschaft NMBS/SNCB mit diesem Thema beschäftigt. Dieser Ansicht sind die jüdischen Verbände in unserem Land aber auch das Holocaust-Museum in Mechelen.

Vor etwa drei Jahren wurde bekannt, dass die Niederländischen Staatsbahnen (NS) während der Nazizeit dafür bezahlt wurden, um mehr als 100.000 Juden mit Zügen ins Sammellager Westerbork in der Provinz Drenthe zu befördern. Von dort aus wurden diese in die Vernichtungslager der Nazis in Deutschland und Polen transportiert - auch mit Zügen. Die niederländische Eisenbahn erklärte sich erst nach einem Rechtsstreit mit einem Holocaust-Überlebenden, der in einem solchen Zug ins KZ gebracht wurde, dazu bereit, Vergütungen auszuschütten. Eine Kommission muss sich jetzt damit befassen, wer dafür in Anmerkung kommt.

„Mehr als 28 Züge sind von der Kaserne Dossin aus nach Auschwitz-Birkenau gefahren.“

Christophe Busch, Direktor des Holocaust-Museums Kaserne Dossin

Auch die belgische Eisenbahn hat sich mit Bahntransporten an der Deportation von Juden und anderen den Nazis unliebsamen Menschen beteiligt. Christophe Busch, der Direktor des Holocaust-Museums Kaserne Dossin in Mechelen, sagte, dass in unserem Land rund 25.000 Menschen vom dortigen Sammellager aus mit Zügen in die Vernichtungslager gebracht wurden: „Mehr als 28 dieser Züge sind von der Kaserne Dossin aus nach Auschwitz-Birkenau gefahren.“

„Nachforschungen haben ergeben, dass es mit Sicherheit Wege gab, diese Deportationen zu verweigern, doch das ist nicht passiert.“

Christophe Busch, Direktor des Holocaust-Museums Kaserne Dossin

Diese Deportationen, so Busch, seien mit belgischen Fahrzeugen und mit belgischen Personalen durchgeführt worden, so Christophe Busch: „Eigentlich ist dies ein Teil der Geschichte des ‚willigen Belgien‘. Nachforschungen haben ergeben, dass es mit Sicherheit Wege gab, diese Deportationen zu verweigern, doch das ist nicht passiert. Es wurde einfach ausgeführt, worum die deutschen Besatzer gebeten hatten.“ 

Vor einigen Jahren hat die belgische Bahngesellschaft NMBS/SNCB den Opfern des Holocaust eine Entschuldigung für die Rolle der Bahn bei den damaligen Deportationen angeboten. Ein früherer Vorstandsvorsitzender der Bahn hatte diese Ereignisse „die dunkelste Periode in der Geschichte der Bahngesellschaft“ genannt, doch weiter ist nichts in dieser Sache passiert.

„Eine Entschädigung wäre dabei ein wichtiges Signal. Alle Details dieser Geschichte ans Tageslicht zu bringen, ist ein noch stärkeres Signal.“

Christophe Busch, Direktor des Holocaust-Museums Kaserne Dossin

Kaserne Dossin-Direktor Busch ist der Ansicht, es würde der belgischen Bahn gut zu Gesicht stehen, sich dieses Teils der Geschichte anzunehmen: „Eine Entschädigung wäre dabei ein wichtiges Signal. Alle Details dieser Geschichte ans Tageslicht zu bringen, ist ein noch stärkeres Signal.“

Dem schließen sich auch die jüdischen Verbände in Belgien und auch Bart Somers (Open VLD), der Bürgermeister von Mechelen an, dessen Stadt sich ihrer Verantwortung zum gleichen Thema gestellt hat und die aus dem Sammellager Kaserne Dossin ein heute international renommiertes Holocaust-Museum hat gestalten lassen. 

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