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"Geben Sie mir drei Minuten Ihrer Zeit!"

„Treffen und Entdecken“ war das Motto der diesjährigen „Media Fast Forward“, eine Art Medienkonferenz und Technologiemesse, die die neuesten Ideen und Erfindungen der Medienwelt in Flandern präsentiert. Doch auch internationale Zusammenarbeit wurde letzten Freitag im Kulturtempel Bozar in Brüssel vorgestellt. Lesen Sie hier „in drei Minuten“, was Hörer und Zuschauer künftig erwartet.

Während die Gewerkschaften auf den Straßen vor dem Bozar in Brüssel lauthals protestierten, versuchten die Medienmacher drinnen, den Lärm mit Hilfe ihrer Mikrophone zu übertönen. An moderner innovativer Technologie hierfür sollte es im Bozar am Freitag jedenfalls nicht fehlen.

Neben Diskussionen darüber, welche Formate im letzten Jahr gut funktionierten und welche nicht und über die interaktive Zukunft der Medien und ihr Publikum, stellten rund 40 Start-ups auf der so genannten Innovationsstraße in der Horta Halle im Herzen des Jugendstil-Gebäudes ihre neuesten Produkte vor. Zumeist Prototypen, die sie 2018 bauten. Einige müssen noch umgesetzt, andere nur noch als Produkt auf dem Markt eingeführt werden wie das „Hybrid-Radio“, das intelligente Radio, mit dem der Hörer künftig interaktiv „kommunizieren“ können wird. Es ist ein Projekt, das die VRT gemeinsam mit anderen Medienunternehmen und Radiomachern aus Europa, darunter der deutschen Technologiefirma Konsole Labs GmbH aus Berlin, dem Rundfunkproduzenten rbb Berlin-Brandenburg, dem Institut für Rundfunktechnik (IRT) aus München und Radioplayer aus Großbritannien, entwickelt hat.

„Wir haben mit europäischen Partnern versucht herauszufinden, was das Radio von morgen sein könnte“, erklärt Klaas Baert von der Abteilung für Technologie und Innovation der VRT. Er steht vor einem Stand mit einem riesen großen Pappradio, in dem ein Auto Display eingebaut ist. Auf diesem ist zu sehen, welches Musikstück gerade gespielt wird. Außerdem hat der VRT-Radiokanal Radio 1 die Information um weitere Angaben, zum Beispiel über den Sänger und das Stück selbst, ergänzt. Gerade kommt auch noch der Bericht eines Hörers herein – in Echtzeit, der für jeden zu lesen ist. Über DAB (Digital Audio Broadcasting) kann sehr detaillierter Inhalt angezeigt werden.

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Der Hörer ist König

Gibt es schon lange, sagen Sie jetzt? „Wir reichern das Ganze aber noch mit einer Webseite an“, so Klaas. „Wir laden gleichzeitig die Webseite hoch, während Sie Radio 1 hören. Sie können die Musiknummer auch kaufen und mit anderen teilen.“ So wird quasi eine Verbindung zwischen dem normalen UKW-Programm und dem Internet gelegt. "Hybrid-Radio kombiniert lineares Radio mit Radio-On-Demand“. Das Radio geht mit dem Hörer „in Interaktion“. Es werden Umfragen ausgestrahlt, mit denen die Radiobetreiber ermitteln, welche Nummer als nächstes gespielt werden soll. „Heute ist David Bowie-Tag. Der Hörer kann direkt über das Radio abstimmen, was er als nächstes von Bowie hören will. Der Wunsch wird registriert und die nächste Nummer ist diejenige, die das Publikum auserwählt hat. Wir können das dann noch mit Youtube und Spotify ergänzen. Außerdem wird dem Hörer ermöglicht, eine Radiopause einzulegen und das Stück später auf einem anderen Gerät weiter anzuhören.“

„Als VRT sind wir vor allem daran interessiert, mit dieser Interaktion zwischen Hörern und Redaktion zu experimentieren“, fährt Klaas fort. Der Knopf für UKW-Rundfunk, DAB oder Internetradio wird übrigens überflüssig. Das Gerät sucht sich selbst das beste Signal.

„Diesen Prototypen könnte man schon morgen in ein Auto einbauen“, schwärmt Klaas. „Derzeit haben wir viele Bausteine – die verschiedenen Technologien existieren schon. Die Bausteine müssen wir jetzt nur noch zu einem einzigen Produkt zusammensetzen.“ Dafür müssten alle Beteiligten in die gleiche Richtung gehen und zusammenarbeiten, betont Klaas noch.

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„Wir wollen das als Standard etablieren, den Radiostationen nutzen können, um dem Publikum künftig neue Funktionen anbieten zu können“, ergänzt der deutsche Kollege Maximilian Knop, Geschäftsführer von Konsole Labs GmbH aus Berlin. So könnte die Redaktion dem Hörer auf Basis seines Nutzerverhaltens weitere Musikvorschläge machen. Eine Win-win-Situation für Hörer und Redaktion, meint Knop.

Beim „Carplay“ würde das bedeuten: wenig Ablenkung des Fahrers und ein Angebot der Informationen, die auf den Fahrer zugeschnitten sind. „Er soll auf einen Blick erkennen, was für ihn wichtig ist. Dazu gehört die Verkehrssituation in seiner Umgebung, vielleicht sein Musikwunsch und Interaktionen, die er mit nur einem Klick ausführen kann.“

„Wir bauen Services für die Sender ein. Ziel ist es, ihnen ein Servicepaket, eine Vielzahl von technischen Möglichkeiten an die Hand zu geben, so dass sie auf einen Schlag das Radio verbessern und den Bezug zu den Hörern vergrößern können.“

Und weil das Projekt ein gutes Beispiel für eine europäische Zusammenarbeit in der Forschung und Technik ist, wird es mit Geldern des europäischen Forschungs- und Entwicklungsprogramms Horizon 2020 unterstützt.

Infos auch unter: www.hradio.eu.

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Klaas Baert MFF2018©STUDIONUNU

„Verkaufen Sie drei Minuten Ihrer Zeit“

Neben Klaas stehen die Keppens-Zwillinge vom Start-up Trimiday. Sie haben eine Plattform entworfen, auf der sich Konsumenten und Markenunternehmen treffen sollen. Auf der einen Seite können die Konsumenten in einer App drei Minuten ihrer Zeit pro Tag, das heißt ihr Interesse an einer Marke, verkaufen. Deshalb der Name 'Trimiday', „three minutes a day“. Auf der anderen Seite stehen die Firmen, die echtes Interesse an ihrem Produkt wünschten. Die Plattform ist eine Art moderner Medien-Marktplatz oder -Tauschbörse und funktioniert irgendwie wie eine Partnerschaftsagentur. Der Kunde gibt auf der Plattform seine Interessenbereiche ein und der Computer erstellt ein Profil. Der Kunde vergibt der zu ihm passenden Marke jeden Tag drei Minuten seiner Zeit und Aufmerksamkeit und sammelt damit Punkte. Als Gegenleistung darf er mit den Punkten zum Beispiel eine Zeitlang kostenlos Netflix schauen oder er bekommt eine kostenlose Eintrittskarte fürs Kino.

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Die Keppens-Zwillinge UNe/VRT

Die Keppens-Brüder, der eine Elektro-Ingenieur, der andere Software-Spezialist, nennen ein Beispiel: „Die Firma macht einen neuen Reklamespot und testet zwei Versionen in unserem Panel. Danach weiß sie, welcher Spot für welche Gruppe am besten funktioniert. Sie verkaufen Ihre Zeit und die Firma bekommt die Aufmerksamkeit von beispielsweise zwanzig Personen mit ähnlichem Profil.“

„Läuft ein Spot im Fernsehen, sehen das zwar viele, aber die meisten erreicht die Reklame nicht wirklich. In unserer App schauen sich die Verbraucher die Reklame jedoch mit Interesse an. Die Personen öffnen die App und diejenigen mit dem passenden Profil bekommen den Spot zu sehen. Nur wenn sie sich den Spot anschauen bekommen sie einen Punkt, sonst nicht.“

„Drei Minuten Werbung am Tag sei doch nicht viel“, so Bart Keppens. „Viele Werbeblöcke im Fernsehen dauerten ja schon sechs Minuten. Der Verbraucher wird also über die App direkt für sein Interesse „entlohnt“. „12.000 Menschen benutzen die App heute schon, unser Ziel sind mindestens 200.000 Nutzer.“

Im Trend: „Virtual reality“

Etwas weniger marketingorientiert ist der virtuelle Inhalt von RMDY. Wir Besucher können mit Hilfe von digitalen Medien in eine virtuelle Umgebung eintauchen, die wir wie Realität empfinden. Mit der „Virtual Reality-Brille“ scheint das Fliegen über Landschaften fast Wirklichkeit zu sein. Die VR-Brille funktioniert wie ein Flugsimulator. Dreht sich der Pilot in Richtung Sonne, fühlt er sogar ihre Wärme. Auch Wind ist zu spüren, sobald die Ventilatoren aktiviert sind. Einer der wichtigsten Kunden von RMDY ist das flämische Technologie-Bildungszentrum Technopolis in der Nähe von Mechelen. Dort kann der Besucher die VR-Brille sogar mit Gleitschirm als multidimensionales Erlebnis ausprobieren.

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Virtual reality im Technopolis UNe/VRT

Doch die VR-Inhalte von RMDY können auch gut zu Trainingszwecken eingesetzt werden, erklärt der Mitbegründer von RMDY,  Joris Uytterhaegen. „In der Petrochemie könnte man zum Beispiel ein Training durchführen, das realitätsnah, aber in einer absolut sicheren Umgebung stattfindet.“ Bei Assessment-Beurteilungen oder Abschlussprüfungen ist ein VR-Inhalt ebenfalls von Nutzen. „In der virtuellen Umgebung kann man genau überprüfen, wie viel der Bewerber wirklich von seinem Fach versteht“, so Uytterhaegen.

An einem anderen Stand der Medienmesse kann der Besucher mit der VR-Brille in einen virtuellen Operationssaal eintauchen. Die Technik sei ideal für das Training von Ärzten, heißt es hier. Im  Gesundheitsbereich gebe es noch so viele Möglichkeiten, erzählt auch Matthias Esprit vom COUSTEAU STUDIO, das eine VR entwickelt hat, mit der Kindern die Angst vor der Spritze beim Arzt genommen werden soll. Die Kinder werden in eine parallele virtuelle Welt „versetzt“ und spüren die echte Spritze zumeist nicht. Auch bei unangenehmen Untersuchungen in der Krebstherapie könne eine solche Technik dem Patienten ein wenig Erleichterung verschaffen.

Rechts im Bild: Matthias Esprit UNe/VRT
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