Der Stress ist nicht das Problem. Viele können nur nicht damit umgehen!

Stress ist gut? Ja, sagt Elke Van Hoof, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Freien Universität in Brüssel VUB in der flämischen Zeitung De Standaard. „Ein stressfreies Leben ist der schnellste Weg zum Hirntod“, so die Wissenschaftlerin.

Sie und einige andere Psychologie- und Psychiaterkollegen wollen weg vom Negativ-Image, mit dem Stress immer wieder assoziiert wird. Solange Stress nicht missbraucht werde, sei dieser gut für den Menschen, behaupten mehrere Psychologen. Der Stress halte unseren Motor am Laufen. „Ohne Stress keinen Erfolg und kein Glück“, schreibt auch Suzan Kuijsten in einem Buch mit dem Titel „Gek op stress“ (dt. „Verrückt nach Stress“). Stress sei unser Anpassungsmechanismus. Dank des Stresses könnten wir mehr leisten, heißt es weiter. Wenn die Stresshormone steigen, ist das Reaktionsvermögen offenbar besser. Und im täglichen Leben sorge Stress für mehr Energie. Das beginne bereits beim Aufstehen.

Schulstress ist gut für die Entwicklung

Van Hoof habe neulich sogar noch die Direktion einer Grundschule in ihrer Nähe kontaktiert, schreibt De Standaard. Die Schule wirbt für eine “stressfreie Erziehung”. „Damit beschneide Sie die Entwicklung von Kindern. Außerdem schaffen Sie eine absolut nicht machbare Erwartung.“

Stress führe zu physischen, psychischen und sozialen Veränderungen und spiele eine wichtige Rolle in unserer persönlichen Entwicklung. „Wir lernen neue Dinge am besten in einem Zustand ausreichender körperlicher Spannung kombiniert mit einem emotionalen Anstoß.“ Und es dürfe nicht nur positive Emotion gehen, denn dann veränderten wir nichts und lernten auch nichts hinzu. „Wenn Sie Stress eliminieren, verhindern Sie die eigene Weiterentwicklung Ihrer Talente und Qualitäten. Sie kommen aus Ihrer Komfortzone nicht heraus und landen in einem Verwirrungsmodus. Ohne Stress würden wir im Leben nichts erreichen.“

Liegen dann etwa all die Lebenscoaches, die Ihnen helfen wollen, Ihren Stress abzubauen falsch? Schließlich besorgt uns Stress oft schlaflose Nächte, Atemprobleme und Nackenschmerzen und kann bis hin zum Burnout führen. Der Stress sei nicht das Problem, sondern der Mangel an Erholung, sagt Kuijsten. Anhaltender Stress sei toxisch. Nach jedem Stresshoch müsse ein Erholungsmoment folgen. Die Hormone müssten wieder ausgeglichen werden. „Schauen Sie sich nur die Tiere an. Die haben kein Problem mit Stress. Nachdem ein Löwe auf der Jagd war, schläft er Stunden lang, um das Fleisch zu verzehren.“

„Die Menschen haben das vergessen. Wir haben es geschafft, aus dem nützlichen Stresssystem etwas Zerstörerisches zu machen.“

Wie wir uns am besten erholen, wissen wir auch nicht mehr. „Wer denkt, dass Candy Crush spielen, ein Selfie machen oder einen lustigen Film ansehen, Entspannung bedeutet, irrt sich. Wir verwechseln Spaß mit Erholung. Wir denken sogar, dass Sport Erholung ist. Ein Fußballspiel ist keine Erholung. Auch nicht, wenn wir es uns einfach nur vom Sofa aus ansehen. Vergnügen ist auch Stress.“

Die Langeweile suchen. Seele und Körper baumeln lassen. Das sei laut Kuijsten Entspannung.

Angst vor Stress ist Stress

Die meisten von uns seien schlecht trainiert, um mit Stress umzugehen, findet Van Hoof. Sie haben Angstpsychosen vor Stress entwickelt.

Muskelmasse aufbauen, um mit Stress umzugehen, ist ihre Lösung. Gesund essen, ausreichenden Schlaf und Bewegung bereiten Sie auf Stress vor. Sie müssen sich täglich mindestens 30 Minuten am Stück bewegen und das mit mäßiger Intensität, rät Van Hoof. Das Ganze müsse langsam aufgebaut werden. „Gehen Sie in der Mittagspause mit Kollegen eine halbe Stunde spazieren oder joggen!“

Auch für einen Bürojob braucht man Muskeln. Wenn jemand zu viele Stresshormone produziert, übersäuert der Körper. Laktat sammelt sich in den Muskeln an. Das tut weh. Mit ausreichender Muskelmasse kann das Laktat wieder abgebaut werden. Genauso wichtig sind die Muskeln für die mentale Erholung. Mit der Bewegung werden Serotonine und DHEA freigesetzt, Stoffe, die dem Hippocampus helfen. Der bremst die Produktion des Stresshormons Kortisol.

„Um Stress zu bewältigen, brauchen Sie alle 45 Minuten einen Erholungsmoment“, wird Van Hoof in De Standaard zitiert. Der müsse nicht lange dauern. „Machen Sie zum Beispiel eine Atemübung von einer Minute und das drei Mal hintereinander. Das tolle ist, dass unser Erholungssystem viel schneller arbeitet als unser Stresssystem.“

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