Henry van de Velde (dpa)

Henry van de Velde, Wegbereiter für das Bauhaus

Der belgische Maler, Architekt und Designer Henry van de Velde (3. April 1863/Antwerpen - 25. Oktober 1957/Zürich) gilt als Impulsgeber der Moderne. Van de Velde verband Architektur mit Design und Kunst, gründete in Weimar das Bauhaus mit und sorgte dafür, dass Walter Gropius 1919 zum Leiter dieses Instituts werden konnte. 100 Jahre Bauhaus fußen also auch auf dem Schaffen eines Belgiers.

Wer an Weimar denkt, der mag in erster Linie an Goethe und Schiller denken, denn diese. Stadt ist untrennbar mit den beiden Dichtern verbunden. Doch Weimar ist auch die Stadt des flämischen Architekten und Designers Henry van de Velde aus Antwerpen. Henry van de Velde studierte ab 1882 Malerei an der Akademie der Schönen Künste in Antwerpen. Nach seinem Studium zog es ihn zunächst nach Paris, wo in den Jahren 1884 und 1885 bei dem Porträtisten Émile Auguste Carolus-Duran arbeitete. In Paris schloss sich van de Velde der impressionistischen Künstlergruppe „L’Art Indépendant“ (Die unabhängige Kunst“) an, wechselte aber 1888 zur Gruppe „Les Vingt“ („Die Zwanzig“), zu der auch Auguste Rodin, der Belgier James Ensor aus Ostende und Paul Signac gehörten.

Im Laufe der Jahre allerdings zweifelte Henry van de Velde mehr und mehr an der Malerei, in der er sich nicht verwirklicht fühlte. Mitte der 1890er Jahre brach er mit der Malerei und widmete seine Schaffenskraft mehr und mehr der angewandten Kunst und der Architektur. Hier wurde er zu einem Erneuerer der Moderne. Heute gilt Henry van de Velde als einer der vielseitigsten Künstler des Jugendstils. Seine stil- und materialübergreifenden Arbeiten in überwanden jegliche Grenzen der Formsprachen des späten 19. Jahrhunderts.

Henry van de Veldes entscheidende Schaffensphase vollzog sich in Weimar, wo er von 1907 bis 1915 Direktor der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar war. Dieses Institut wurde von Walter Gropius, der dort 1919 die Geschicke übernahm, zum Bauhaus-Institut umgewandelt (Foto unten). Henry Van de Velde kam über Düsseldorf und das Ruhrgebiet nach Weimar. Ende des 19. Jahrhunderts fertigte er verschiedene Objekte für den Kunstsammler Harry Graf Kessler an, durch den es zu Kontakten mit Karl Ernst Osthaus kam, dem Gründer des Folkwang Museums. Van de Velde begleitete die Entwicklung des Museums, dass sich zunächst den Künstlern der „Düsseldorfer Malerschule“ widmete. Doch der gebürtige Antwerpener gestaltete Räume im Jugendstil und beriet Osthaus auch beim Erwerb von Werken von Künstlern aus seiner belgischen Heimat oder auch aus Frankreich.

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An Sachsens Hofe

In Sachsen wurde Henry van de Velde zu einer Art Protegé von Großherzog Wilhelm Ernst, für den er zwischen der Jahrhundertwende und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs entwarf der Architektur-Autodidakt Gebäude und Ausgestaltungen für Industrie- und Handwerksbetriebe im Jugendstil. Hier verband er Pragmatismus und Nutzen, in dem er auch einfache Gebrauchsgegenstände mit zeichnete und herstellen ließ, was nicht zuletzt den Absatz solcher Gegenstände steigen ließ, die das von ihm beeinflusste Kunstgewerbe und -handwerk produzierte. Im Zuge dessen kamen auch Verwaltungsgebäude und Wohnhäuser zu seinem Schaffen hinzu.

Mit Bauten wie dem Nietzsche-Archiv, dem Haus „Hohe Pappeln“ in Weimar oder auch der „Villa Esche“ in Chemnitz machte sich Van de Velde einen Namen. Doch 1917 vertrieb ihn die während des Ersten Weltkrieges immer heftiger werdende Ausländerfeindlichkeit in Deutschland aus seiner neuen Heimat. Henry van de Velde ließ sich wieder in Belgien nieder und übernahm eine Professur für Architektur in Gent. Er wurde zudem als Kurator zu den Weltausstellungen von Paris (1925) und New York (1939) gerufen

Für seine Rolle während der Zeit der deutschen Besatzung wurde Henry van de Velde nach dem Zweiten Weltkrieg auch in seinem Heimatland Belgien angefeindet. Als Architekt half er beim Wiederaufbau nach den Luftangriffen im Zuge des Angriffs auf Belgien und er kooperierte mit dem „Referat für Kunstschutz“ der deutschen Militärverwaltung in Brüssel. Das verziehen ihm seine Landsleute nicht. Henry van de Velde wanderte 1947 in die Schweiz aus.

1957 starb er nach kurzer Krankheit im Alter von 95 Jahren in Zürich. Seine Asche wurde in aller Stille neben dem Grab seiner Frau auf dem Friedhof von Tervuren bei Brüssel beigesetzt. Van de Velde hatte seinen eigenen Grabstein bereits 1943 entworfen. Er hinterließ ein Werk, das bis heute Zeichen setzt und ohne das so manche Entwicklung in der Kunst- und Architekturgeschichte wohl anders ausgesehen hätte. Bei den Feierlichkeiten zu 100 Jahre Bauhaus in Deutschland sollte nicht vergessen werden, dass auch sich diese Kunstrichtung durch seinen Anschob entwickeln konnte. 

"De Boekentoren", Universitätsbibliothek Gent, ein Bauwerk von Henry van de Velde © Clément Philippe - creative.belgaimage.be

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