Klimamarsch in Belgien in aller Munde

Fast alle Zeitungen in Belgien bringen auf ihrer Titelseite Fotos vom Klimamarsch am gestrigen Sonntag. "Schon mit 70.000" titelt die Zeitung De Standaard, “Wach gerüttelt von Kindern”, schreibt Het Nieuwsblad. Gazet Van Antwerpen macht daraus einen “Rekordmarsch für das Klima" und De Morgen unterstreicht: „Demonstranten erhöhen Druck auf die Politik“.

Gazet Van Antwerpen: "Protest ist keine Untergangsstimmung“

In Flandern gibt es eine breite Unterstützung für einen ehrgeizigeren Klimaplan. Die Weigerung Flanderns, sich Ländern anzuschließen, die mehr für das Klima tun wollen, ist immer schwerer zu verteidigen, schreibt Kris Vanmarsenille in Gazet Van Antwerpen. Ich mache bei dieser Untergangsstimmung nicht mit, sagt unterdessen der Vorsitzende der flämischen Regionalisten (N-VA) Bart De Wever. Er plädiert für einen Ökorealismus. Doch selbst der realistischste Ökorealist weiß, dass keine Zeit mehr zu verlieren ist, betont Vanmarsenille.

Die Klimademonstranten fordern keine Transition, sondern Maßnahmen. Das hat nichts mit Untergangsstimmung zu tun. Die verbreitet die N-VA schon selbst in ihren Reden über die Millionen Flüchtlinge, die unsere Gegend überfluten würden. Gestern gingen in Brüssel 75.000 Menschen auf die Straße. Sie sind davon überzeugt, dass die Welt gerettet werden kann, wenn die Politik nur den Mut hat, die Menschen, die Industrie und die Landwirtschaft zu lenken. Das ist keine Untergangsstimmung, sondern Demonstrieren. Ein solches Signal kann kein Politiker mehr negieren.

Het Laatste Nieuws: "Eine breite Unterstützung"

Auch het Laatste Nieuws spricht von einer breiten Unterstützung unter der Bevölkerung für einen ehrgeizigeren Klimaplan. Es wäre nicht das erste Mal, dass etablierte Parteien wichtige gesellschaftliche Tendenzen zu spät und zu langsam erkennen, so Luc Van der Kelen. Das scheint auch wieder mit der Klimapolitik der Fall zu sein. Man schaue nur nach der Wahlkampagne der N-VA. Zu einem Zeitpunkt, da der größte Klimaprotest überhaupt durch Brüssel zieht und junge Leute Woche für Woche weiter auf die Straße gehen, ist nicht das Klima das Thema, sondern der Konföderalismus. Die flämische Umweltministerin, Joke Schauvliege, befürchtet, dass es nicht genug Rückhalt für einschneidende Klimamaßnahmen in der Bevölkerung gibt. Nach dieser beeindruckenden Demonstration kann man so etwas wohl kaum noch weiterhin behaupten.

Im Frühjahr wählen wir ein neues Parlament und hoffentlich schnell Regierungen, bei denen die Klimapolitik die absolute Priorität hat. Eine Klimapolitik, die auf Fakten basiert, wisschenschaftlichen Erkenntnissen und rationalen Erwägungen. Es ist keine Zeit zu verlieren. Die Gelegenheit ist da und die Unterstützung im Volk hierfür noch nie so groß gewesen. Es wäre unverzeihlich, dies nicht zu nutzen.

De Morgen: "Die echten Panikmacher"

Die aktuelle und die letzte Regierung haben nur wenig Ehrgeiz und Mut bei der Suche nach Lösungen für das Klimaproblem gezeigt, ist Bart Eeckhout von De Morgen überzeugt. Das Argument, dass die Lösungen manchmal unbequem sind, ist nur ein Vorwand, um wieder nichts zu unternehmen.

Wer Klimamärsche beobachtet, sieht viel fröhliche Kampflust. Die echten Panikmacher sind diejenigen, die jetzt verlauten lassen, dass eine Klimapolitik schwere Aufopferungen verlangt, die ganz besonders die einfache, arbeitende Bevölkerung trifft. Wer jetzt immer noch für Untätigkeit plädiert, bläst ins gleiche kurzsichtige, zynische Horn wie diejenigen, die in der Vergangenheit gesagt haben, dass sich die Staatsschulden wieder von selbst auflösen. Das könnte ein Moment werden, in dem sich Bürgern, Wissenschaftler und Politiker in einer Allianz vernünftiger Menschen zusammentun, heißt es in De Morgen.

La Libre Belgique: „Ein Kampf mit langem Atem“

Auch wenn die Veranstalter und Teilnehmer des Klimamarsches allen Grund haben, sich zu beglückwünschen, liegen sie falsch, wenn sie glauben, dass der Kampf damit gewonnen ist. Mehr als je zuvor fordert der Kampf gegen die Erderwärmung einen langen Atem und Ausdauer.

So ist der Kontext auf belgischer Ebene schon nicht sehr günstig, heißt es im Editorial von La Libre Belgique. Die Zeit der geschäftsführenden Regierung, die das Regieren auf föderaler Ebene paralysiert, ist zweifelsohne einer der schlechtesten Momente, um klare, schnelle und handfeste Maßnahmen von ihr zu fordern. Vor den Wahlen im Mai wird wohl nichts oder so gut wie nichts erreicht werden, befürchtet die Zeitung.

Die Demonstranten wissen, dass der Kampf nicht der einiger Wochen ist. Seinen eigenen ökologischen Fußabdruck reduzieren, kann aber bereits jeder auf seine Weise und sofort und das ist sehr gut. Um den Appetit der Menschheit für fossile Brennstoffe jedoch zu bremsen oder zu stoppen, bedarf es noch Jahre oder sogar Jahrzehnte. Das sollte man besser wissen, um eine Enttäuschung zu vermeiden.

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