"An die Bevölkerung", die belgische Zeit in Neuss von 1918 bis 1926

Am Ende des Ersten Weltkriegs vor rund 100 Jahren und nach dem Waffenstillstand im November 1918, der mit dem Versailler Vertrag definitiv besiegelt wurde, besetzten alliierte Truppen Teile des Rheinlands. Zwischen Dezember 1918 und Januar 1919 zogen belgische, britische, amerikanische und französische Truppen das gesamte linksrheinische Rheinland ein und sie besetzten zudem vier rechtsrheinische Brückenköpfe. Nordwestlich von Düsseldorf quartieren sich belgische Truppen ein - z.B. in Neuss. Die Stadt Neuss zeigt dazu eine hochinteressante Ausstellung, die auch mithilfe der flämischen Stadt Löwen (Leuven) zustande kam.

Noch bis zum 31. März 2019 zeigt das Stadtarchiv Neuss die sehenswerte Ausstellung „An die Bevölkerung“. Die ist die erste Ausstellung, die sich mit der belgischen Besetzung von Neuss beschäftigt. Für viele Neusser ist diese Zeit, die von Dezember 1918 bis Januar 1926 dauerte, vielleicht noch nie ein Thema gewesen und doch hat sie bis heute Nachwirkungen. Das Stadtarchiv Neuss baute diese Ausstellung auf Basis von drei Themenbereichen auf, die sich untereinander ergänzen: „Kriegsende und Besatzung“, „Alltag unter der Besatzung“ und „Besatzer und Besetzte“.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Foto: Andreas Kockartz

Einen roten Faden bieten hier Plakate und Verordnungen aus der damaligen Zeit, Originaldokumente aus dem Neusser Stadtarchiv. Ergänzt wird diese Dokumentation über eine Kooperation mit dem Stadtarchiv von Löwen (Leuven) in der belgischen Provinz Flämisch-Brabant. Diese Stadt war während des Ersten Weltkriegs von deutschen Truppen besetzt, auch von Einheiten aus Neuss. Löwen hatte vor der Neusser Ausstellung ein ähnliches Projekt, dass sich „Aan de Bevolking“ nannte, die exakte niederländische Übersetzung des Neusser Ausstellungstitels… Einige dieser Plakate sind auch jetzt im Neusser Stadtarchiv zu sehen. Diese nicht immer friedlichen und positiven Zeiten in dieser gemeinsamen Geschichte haben heute, gut 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, für eine neue Freundschaft zwischen beiden Städten gesorgt, in der die Ereignisse von damals aufgearbeitet werden.

Interessant ist auch, dass die Neusser Ausstellungskuratoren Dokumente im belgischen Armeemuseum in Brüssel konsultieren durften. Dabei handelte es sich um Archivdosen, die seit Jahrzehnten nicht geöffnet wurden und die bis dahin noch gar nicht ausgewertet worden sind. Einige dieser Archive wiesen kyrillische Schriften auf. Dies war historisches belgisches Archivmaterial, dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg nach Berlin schafften, von wo aus sie später durch die Sowjettruppen nach Moskau gebracht wurden. Mitarbeiter des AMSAB-Instituts für Sozialgeschichte in Gent entdeckten sie dort 1992 und ab 2002 wurden sie Belgien wieder zurückgegeben.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Foto: Andreas Kockartz

Die belgische Zeit in Neuss bedeutete für die dortige Bevölkerung nicht immer ein reines Zuckerschlecken. Die belgischen Besatzer waren fordernd und streng, während es in der deutschen Bevölkerung im Allgemeinen immer mehr rumorte. Die Ausbeutung durch die alliierten Besatzer war nur ein Teil der Sorgen. Das Deutsche Reich hatte den Krieg verloren, litt aber unter den Beschlüssen des Versailler Vertrags. In diesen politisch wirren Zeiten traten die Belgier mitunter harsch auf. Rebellionen und Sabotage vor allem im Krisenjahr 1923 wurden mit Geiselnahmen, Verhaftungen, Haftstrafen und mitunter auch mit Todesurteilen geahndet.

Aus Dokumenten und öffentlichen Verordnungen in der Ausstellung „An die Bevölkerung“ ist die Stimmung in der damaligen Zeit zu erkennen.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter) 

Foto: Andreas Kockartz

Doch die Ausstellung befasst sich auch mit dem Leben der Menschen in Neuss, auch mit dem der belgischen Soldaten. Die Kommandantur hatte z.B. Postkarten mit Neusser Motiven angefertigt, die die Soldaten nach Hause schickten. Die Bevölkerung selbst hielt nicht viel von dieser Art der Idylle und ignorierte diese Postkarten weitgehend.

(Lesen Sie bitte unter der Postkarte (beide Seiten) weiter)

Stadtarchiv Neuss
Stadtarchiv Neuss

Die belgischen Soldaten kamen aus allen Landesteilen Belgiens und viele Dokumente die Truppen betreffend sind denn auch entweder in Niederländisch für die Flamen oder in Französisch für die Wallonen verfasst. Offizielle Verordnungen, die sich an alle richteten, wiesen als dritte Sprache auch Deutsch auf. Neben Postkarten fertigte die belgische Armee aber auch eigene Fotos an, wie z.B. die anschließend zu sehende Aufnahme von Soldaten aus der westflämischen Ortschaft Bachten de Kupe, die übrigens während des Ersten Weltkriegs schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Stadtarchiv Neuss

Die Ausstellung „An die Bevölkerung“ richtet sich in erster Linie an die Neusser, die hier vieles aus ihrer Geschichte erfahren, dass sie bestimmt noch nicht wussten. Ein besonderer Punkt in dieser Geschichte ist z.B. das Ende der Besatzung, also die Zeit, in der die Belgier abzogen und die ersten Tage danach. Auch wenn sich die Belgier als Besatzungsherren nicht immer als die freundlichsten Zeitgenossen erwiesen hatten, was ja nach der schweren Kriegszeit in ihrer eigenen Heimat nicht unbedingt verwunderlich war, hinterließen sie keinen allzu schlechten Eindruck. Dies unterstreicht auch die Aufforderung des damaligen Bürgermeisters der Stadt Neuss, Heinrich Hüpper (siehe Illustration unten), der dazu aufrief, die Häuser zu beflaggen, nicht nachtragend zu sein („Deshalb wollen wir dem abziehenden Gegner heute nicht Worte des Hasses nachrufen…) und der am 1. Februar 1926 eine „Nacht der Befreiung“ veranstalten ließe, um diese Zeit hinter sich zu lassen.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Stadtarchiv Neuss/Foto: Andreas Kockartz

Einen für die Neusser ganz konkreten und bis heute sichtbaren Aspekt liefert die Ausstellung mit einem Bildschirm, der zahlreiche Fotos von Häusern zeigt. Dies sind Gebäude, in denen belgische Soldaten einquartiert wurden oder die zum Zwecke des dauerhaften Aufenthalts der belgischen Besatzer damals gebaut wurden. Nicht wenige Neusser wissen wohl nicht, dass die heute in einem solchen Haus leben… (Fotos unten) Auch dies zu entdecken, lädt das Stadtarchiv Neuss ein. „An die Bevölkerung“ richtet sich aus geschichtlichem Aspekt auch bei weitem nicht nur an Neusser, sondern an alle, die heute in dem damals besetzten Gebiet leben. Und auch Belgier sollten sich die Mühe machen, hierher zu kommen, denn es ist auch ein Stück weit ihre Geschichte.

Stadtarchiv Neuss, Oberstraße 15, 41460 Neuss.

Die Ausstellung ist von Montag bis Freitag, 9-18 Uhr, geöffnet. Führungen können unter ++49(0)2131-904250 oder stadtarchiv@stadt.neuss.de vereinbart werden.

Sternstraße 90/Foto: Stadtarchiv Neuss
Schorlemmerstraße 73/Foto: Stadtarchiv Neuss

Weitere Nachrichten