Belgischer Wachposten in Emmerich/Foto KLM-MRA

Rheinlandbesetzung, Ruhrkampf und das Duisburger Attentat

Auf Grundlage der Verfügungen des Waffenstillstandes vom 11. November 1918 nach dem Ersten Weltkrieg besetzten zwischen Dezember 1918 und Januar 1919 belgische, britische, amerikanische und französische Truppen das gesamte linksrheinische Rheinland und vier rechtsrheinische Brückenköpfe, sowie die am Rhein gelegenen Städte Köln, Koblenz, Mainz und Kehl. Nordwestlich von Düsseldorf quartieren sich belgische Truppen ein - z.B. in Neuss, zwischen Düsseldorf und Bonn britische Einheiten, zwischen Bonn und Koblenz amerikanische Kontingente und südlich von Koblenz waren dies französische Truppen. 

Rechts des Rheins wurde ein zunächst 10 Kilometer, ab Januar 1920 ein 50 Kilometer breiter entmilitarisierter Streifen geschaffen. Das Rheinlandabkommen vom 28. Juni 1919 schuf den "Interalliierten Hohen Ausschuss für die Rheinlande", die sogenannte „Rheinlandkommission“. Diese Kommission hatte ihren Sitz in Koblenz - wo auch das Hauptquartier der französischen Truppen lag -  und den Vorsitz führte der französische Oberokmmissar Paul Tirard, der die oberste exekutive, legislative und juristische Gewalt ausübte.

In den deutschen Zivilbehörden war die „Rheinlandkommission“ durch regionale Delegierte vertreten. Das Ruhrgebiet wurde in den Nachkriegsjahren zwischen 1919 und 1923 von Streiks und anderen politischen Unruhen erschüttert. Im großen kommunistischen Aufstand von 1920 bekämpfte eine über 120.000 Mann starke „Rote Armee“ Polizei, zivile Bürgerwehren und die Truppen der „Besatzer“. Eine zweite politisch unruhige Phase erlebte vor allem das Ruhrgebiet im sogenannten „Ruhrkampf“. 

Umfassende Besetzungen und Abfuhr von Rohstoffen

Französische und belgische Truppen marschierten am 8. März 1921 in das bisher nicht zu ihrer Besatzungszone gehörende Gebiet um die Städte Düsseldorf, Duisburg, Hamborn und Mühlheim ein. Rund zwei Jahre später, zwischen dem 11. und 16. Januar 1923, ebenfalls besetzten französische und belgische Einheiten das Ruhrgebiet. Die französische Regierung verlangte Garantien für die deutschen Kriegsentschädigungen und wollte das Ruhrgebiet quasi Pfand für die Reparationszahlungen halten. Dabei spielten auch wirtschaftliche Interessen der Siegermächte, vor allem der Belgier und der Franzosen eine Rolle. Das betraf in erster Linie eine Versorgung mit der im Ruhrgebiet reichlich vorhandenen Kohle, die die Industrie der beiden Länder für sich nutzen wollte.

Die belgischen Truppen hatten zuerst ihre Kommandozentrale in  Sterkrade und später in Duisburg. Sie besetzten und kontrollierten das Gebiet zwischen Lippe und Emscher am Rhein bis Hervest (Dorsten), Marl und Buer. Das Hauptquartier der französischen Truppen lag in Düsseldorf auf der anderen Rheinseite von Neuss, wo ebenfalls belgische Einheiten einquartiert waren. In die von den Amerikanern aus Protest gegen den Völkerrechtsbruch durch Belgien und Frankreich geräumte linksrheinische Besetzungszone rückten ebenfalls französische Truppen ein. Die Briten verhielten sich in dieser Frage neutral.

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Belgische Soldaten auf einer Rheinbrücke in Düsseldorf/Foto KLM-MRA

Im Juli 1923 waren 80.000 französische und 7.000 belgische Soldaten auf deutschem Boden stationiert. Daneben waren rund 10.000 französische und etwa 1.000 belgische Eisenbahner in den besetzten Gebieten im Einsatz, um den Abtransport der benötigten Rohstoffe und materiellen Kriegsentschädigungen zu gewährleisten.

Widerstand

Am 19. Januar 1923 erhielten die Beamten an Rhein und Ruhr von der Reichsregierung und den Landesregierungen Preußens, Bayerns, Hessens und Oldenburgs die Anweisung, sich lediglich an die Anordnung der eigenen Regierungen zu halten. Maßnahmen, die im Widerspruch zum Rheinlandabkommen standen, sollten ebenfalls nicht befolgt werden. Damit war der passive Widerstand gegen die besetzenden Siegermächte ausgerufen.

Trotz zahlreicher Verhaftungen befolgten die Beamten, die privaten Unternehmer und die Arbeiterschaft diesen Widerstand entschlossen. Aufständische Zivilisten organisierten sich und führten Sabotageaktionen durch, die vor allem den Eisenbahnverkehr betrafen. Die Militärregierung verhängte scharfe Strafen - Haftstrafen aber auch Todesurteile. In den ersten Wochen der Ruhrgebietsbesetzung kamen durch diesen passiven und in geringerem Maße auch aktiven Widerstand die Kohlenlieferungen an die Siegerländer Belgien und Frankreich fast ganz zum Erliegen. 

Das Attentat auf einen belgischen Militärzug von Duisburg

Am 30. Juni 1923 explodierte bei der Überquerung der Duisburg-Hochfelder Eisenbahnbrücke in einem belgischen Militärzug mutmaßlich eine Bombe, die mit einem Zeitzünder versehen gewesen sein soll. Acht Menschen starben, viele weitere wurden verletzt. Die genaue Zahl der Verletzten und Toten schwankte aber. Möglicherweise lag das daran, dass einige der Schwerverletzten später in Krankenhäusern noch gestorben waren. Für die betroffenen belgischen Truppen stand fest, dass dies nur ein Attentat gewesen sein konnte. Die deutschen Behörden und die Tageszeitungen in den besetzten Gebieten blieben dahingehend aber eher zurückhaltend und vermuteten als Ursache auch einen defekten Gasbehälter der Beleuchtungsanlage eines der explodierten Waggons als Ursache für die Explosion.

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Einige der Opfer dieses vermeintlichen Anschlags von Duisburg/Foto: KLM-MRA

Als Folge des Attentats und der mutmaßlichen deutschen Urheberschaft, erließ der für den Brückenkopf in Duisburg verantwortliche belgische General Beaurain schon einen Tag später mehrere Verordnungen für die Stadt. Dazu gehörte z.B. das zeitweise Verbot jeglichen Personenverkehrs mit Zügen oder  Straßenbahnen. Zudem galt eine nächtliche Ausgangssperre und eine Ausweispflicht. Zudem wurde das gesamte von Belgiern und Franzosen besetzte Gebiet vom Rest des Deutschen Reiches abgeriegelt und die Grenzkontrollen zwischen den beiden Regionen wurden verschärft.

Erbarmungslose Besatzer bis zum Londoner Abkommen

Die Besatzungsmächte versuchten neben Verhaftungen und Gerichtsverfahren die wirtschaftliche Ausbeutung mit Waffengewalt, Geiselnahme, Beschlagnahmungen und Zwangsversteigerungen zu erreichen. Im erbarmungslosen Kampf von Inflation, Arbeitslosigkeit und zunehmender Verarmung der Arbeiter versuchten die Besazungsmächte, die Bevölkerung mit massiver Propaganda für sich zu gewinnen. Doch nur der passive Widerstand wurde am 26. September 1923 von der neuen Reichsregierung unter Gustav Stresemann (1878-1929) abgebrochen.

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Belgische Panzerwagen in einer nicht näher genannten deutschen Stadt/Foto: KLM-MRA

Die Zwangsmaßnahmen der fremden Herrschaft blieben noch bis zum nächsten Jahr in Kraft. Erst die Ratifizierung des Londoner Abkommens durch Deutschland am 30. August, das vom 16. Juli bis zum 16. August 1924 verhandelt wurde, ermöglichte eine nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtete Regelung der Reparationszahlungen nach dem sogenannten „Dawes-Plan“ (Der Dawes-Plan vom 16. August 1924 regelte die Reparationszahlungen Deutschlands an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges. Diese sollten sich an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Weimarer Republik orientieren. Namensgeber des Plans: der Finanzexperte und spätere US-Vizepräsident Charles G. Dawes (1856-1951).

Am 11. Oktober 1924 begann die Räumung der durch die französischen und belgischen Truppen besetzten Gebiete, die sich bis August 1925 hinzog. Erst im Januar 1926 begann die Räumung der nördlichen Besatzungszone mit Köln als Zentrum. Es dauerte aber noch bis zum 30. Juni 1930, bevor auch die letzten Truppen der Siegermächte deutschen Boden verlassen hatte.

Auch die Besetzung von Ruhrgebiet und Rheinland nährte in Deutschland den Boden für den Faschismus und für die Nationalsozialisten. Somit war diese Zeit auch eine Art Vorbote des Zweiten Weltkriegs.

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