Nemo-Link: Der erste Strom fließt von Belgien nach Großbritannien

In der Nacht zum Donnerstag ist die erste Hochspannungslinie zum Transport von Strom zwischen Belgien und Großbritannien in Betrieb genommen worden. Zur Premiere wurde Elektrizität von Belgien nach Großbritannien geschickt. Dieses Nemo-Link genannte Projekt verbindet den Hafen von Zeebrügge mit Richborough über zwei Hochspannungskabel, die durch die Nordsee gelegt wurden. Diese Kabel sind 140 Kilometer lang und mehr als 12.000 Tonnen schwer. 

Das Hochspannungskabel, 130 km der beiden Kabelstränge liegen in der Nordsee, ermöglicht den Transport von bis zu 1.000 Megawatt Strom, in etwa die Kapazität eines einzigen Kernreaktors. Unweit von Brügge wird das „Nemo-Link-Project“ an das belgische Stromnetz angeschlossen. Bis das Projekt ausgereift war, vergingen 10 Jahre Forschung, Planung und Bau. Mit rund 600 Mio. € hat die Entwicklung zu Buche geschlagen. Die Kosten teilen sich die Betreiber aus Belgien und Großbritannien, der belgische Hochspannungs-Netzbetreiber Elia und British National Grid.

Jetzt wurde diese Anlage in Betrieb genommen. Dabei floss in der Nacht zum Donnerstag Strom von Belgien aus in Richtung Britische Inseln nach Richborough bei Sandwich in Kent. Insgesamt wird bei dieser Premiere 1 Gigawatt (1.000 MW) Strom nach Großbritannien geleitet. Chris Peeters, der CEO von Belgiens Netzbetreiber Elia, sagte dazu am Donnerstagmorgen im VRT-Frühstücksradio, wann Strom über diese Leitung laufen wird: „Die Strompreise liegen in Großbritannien im Augenblick etwas höher, weshalb jetzt Elektrizität in diese Richtung läuft.“ Würde aber in Belgien Stromknappheit herrschen oder wäre Strom in England billiger, nehme Elektrizität den Weg in die Gegenrichtung. 

„Die Strompreise liegen in Großbritannien im Augenblick etwas höher, weshalb jetzt Elektrizität in diese Richtung läuft.“

Elia-CEO Chris Peeters

In dieser Hinsicht ist Nemo Link für unser Land eine Erleichterung, wie Peeters andeutete: „Für uns ist das sehr wichtig. Wir haben mit Spannung darauf gewartet, zumal wir in diesem Winter schon so viele Schwierigkeiten hatten. In diesem Sinne sind wir froh darüber, dass wir dies in Belgien jetzt in den problematischsten Momenten in Anmerkung bringen können.“ Damit reagierte Peeters auf die Tatsache, dass Kraftwerksbetreiber Engie Electrabel gerade einige Meiler in den Kernkraftwerken wegen Reparaturen und Unterhaltsarbeiten gleichzeitig heruntergefahren hat, was für eine gewisse Angst vor Stromausfällen in Belgien sorgte.

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Durch diese Kabel fließt der Strom im Nemo Link

Auf die Frage von VRT NWS, ob der Brexit, der Austritt der Briten aus der Europäischen Union, der möglicherweise sogar ungeplant verlaufen wird, auf das Projekt Nemo Link eine Auswirkung haben kann, antwortete Elia-CEO Peeters: „Zurzeit müssen wir noch darauf warten, was die Folgen sein können. Auch danach wird Energie weiter fließen, doch der Mechanismus wird vielleicht etwas anders gestaltet sein, abhängig davon, wie die Einigung zwischen dem Vereinigten Königreich und Europa aussehen wird.“

„Auch nach dem Brexit wird die Energie weiter fließen, doch der Mechanismus wird vielleicht etwas anders gestaltet sein, abhängig davon, wie die Einigung zwischen dem Vereinigten Königreich und Europa aussehen wird.“

Elia-CEO Chris Peeters

Die Verbindung ist auch wegen der unterschiedlichen Zeitzonen interessant: Wenn in Belgien gegen 17 Uhr am späten Nachmittag der Höhepunkt des Strombedarfs erreicht wird, ist es in Großbritannien erst 16 Uhr. Wenn dann in Belgien ein Stromengpass entsteht, könnte man Elektrizität via Nemo Link aus Großbritannien importieren. Wenn in Belgien der Höhepunkt des Verbrauchs vorbei ist, beginnt er auf den britischen Inseln gerade. Bei einem ähnlichen Problem bei den Briten könnte dann Belgien Strom dorthin exportieren.

Das System Nemo Link kann auch nützlich werden, wenn es um Ökostrom geht. Wind- und Sonnenenergie können noch nicht gespeichert werden und sie kann grundsätzlich auch nur dann Strom produzieren, wenn es windig bzw. sonnig ist. Je nach Wetterlage kann über den Nemo Link Strom in beide Richtungen transportiert werden. Das gilt übrigens auch für Ökostrom, der von den Windgeneratoren in Offshore-Parks in der Nordsee produziert wird.

„Nach dem derzeitigen Stand der Dinge in Sachen Atomausstieg bleibt Belgien ein Netto-Strom-Importeur“

Elia-CEO Chris Peeters

Traditionell ist Strom in Belgien etwas teurer als in den Nachbarländern, doch Nemo Link könnte als weitere internationale und grenzüberschreitende Stromleitung laut Elia-CEO Peeters eine Preissenkung mit sich bringen. Nach dem derzeitigen Szenario zum Atomausstieg in Belgien 2025 sieht es wohl so aus, dass unser Land in Sachen Elektrizität ein Netto-Importeur bleiben wird, so Peeters: „In dieser Hinsicht ist Nemo Link ebenfalls wichtig.“  

Bisher ist Belgien mit Hochspannungslinien mit den Niederlanden, mit Frankreich und mit Luxemburg international verbunden. An einer weiteren Stromtrasse, die unser Land mit Deutschland verbindet, wird gerade mit Hochdruck gearbeitet. Die Nemo-Link-Verbindung mit Großbritannien ist eine weitere wichtige Ergänzung in diesem grenzüberschreitenden Hochspannungsnetz.