Rücktritt Schauvliege: Flanderns Zeitungen gehen hart mit ihr ins Gericht

Am Tag nach dem Rücktritt von Flanderns Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Joke Schauvliege gehen die Leitartikel der flämischen Zeitungen mit ihr und mit ihrer Partei, die flämischen Christdemokraten CD&V, hart ins Gericht. Alle Blätter zeigen auf ihren Titelseiten übrigens Bilder der weinenden Ex-Ministerin während der Pressekonferenz am Dienstagabend, bei der ihr Rücktritt offiziell angekündigt wurde.

„So viele Tränen, dass man die Lügen vergessen könnte.“, lautet die Schlagzeile von Het Laatste Nieuws am Mittwochmorgen. Doch im Kommentar hält ihr der Leitartikler des Blattes, Jan Segers, einen peinlichen Spiegel vor: „Das Dossier-Schauvliege konfrontiert die Christdemokraten mit ihrer Daseinsberechtigung. Ein halbes Jahrhundert lang beteuerte die CVP/CD&V, dass sie die harmonische Synthese für augenscheinlich aufeinanderprallende Belage sei, wie z.B. Klima und Landwirtschaft. Das Problem der CD&V ist, dass sie kein Gesicht hat. Das Problem ist, dass sie zwei Gesichter hat, ein linkes und ein rechtes. Und wenn die miteinander flirten, dann schielen sie.“

Het Nieuwsblad titelt: „Von (feindlichem) Klima fertiggemacht.“ Für Leitartiklerin Liesbeth Van Impe ging die Lüge zur Staatssicherheit in der Klima-Komplott-Theorie von Joke Schauvliege „viele Male zu weit“. Ihrer Ansicht nach, hatte Schauvliege vielleicht nicht selbst das Gefühl, dass die gelogen hat, „doch wie war wohl die einzige.“ Weiter schreibt Van Impe, dass Schauvliege ein „Trumpsches Manöver“ hingelegt hat, womit sie auch ihre eigene Partei unterminierte, die sich als eine echte Zentrumspartei profilieren will. Doch offenbar sei die CD&V nur auf der Suche nach einem geeigneten Platz im Scheinwerferlicht.

Karel Vanhoeven von De Standaard sieht im Rücktritt Schauvlieges ein Symptom für das schlechte Klima für die CD&V und lässt seine Zeitung folgenden Titel drucken: „Ministerin für falsche Angelegenheiten.“ So habe sie sich bei ihrer Ansprache vor dem Landwirtschaftsverband am vergangenen Wochenende zumindest sehen lassen: „Sich auf den starken Schultern der Bauern lehnend, konnte sie schlecht über ihre Gegner reden, die Klimaschützer. Für einmal schien sie ein Publikum zu haben, bei dem sie echt sagen konnte, was sie wirklich denkt. Was sie natürlich als Minister für falsche Angelegenheiten entlarvte.“ Joke Schauvliege habe immer „standfest auf der falschen Seite gestanden“ und hat nach Ansicht von De Standaard-Leitartikler Vanhoeven nie für das allgemeine Interesse gehandelt: „Damit ist sie ein prototypisches Produkt für die CD&V auf dem Land.“

„Sorry war nicht genug“, titelt De Morgen dazu. Chefredakteur Bart Eeckhout zeigt zunächst ein wenig Mitleid mit Joke Schauvliege, doch er sieht direkt danach auch, dass sie sich selbst einen „klientelistischen Todesstoß“ versetzt habe, als sie sich offen an die Seite der Landwirte stellte. Dies unterstreiche den ihr Ansehen als „Marionette des Bauernbundes“. Dies allerdings, so Eeckhout, sei gleichzeitig auch ihr Talent: „Schauvliege weiß perfekt, wer ihre Wähler sind: Menschen, die nicht gerne sehen, wenn sich ihre ländlichen Traditionen und Belange verändern, vor allem nicht durch ‚neumodische Dinge‘, wie Umweltschutz und Klimasorgen.“ De Morgen schlussfolgert denn auch mit harter Feder, dass sich bei den flämischen Christdemokraten nichts verändert habe: „Tief in ihrem Herzen bleibt die CD&V immer noch die alte CVP-Machtmaschine. Nirgendwo sieht man das besser, als in der bewusst sabotierten flämischen ‚Umwelt-Non-Politik‘ der vergangenen zehn Jahre.“