Yorick Jansens

Neuer Name für das Delwaide-Dock: Namensgeber fällt in Ungnade

Der Antwerpener Stadtrat beschloss Ende der vergangenen Woche, dass das Delwaide-Dock im Hafen einen neuen Namen erhalten muss. Nach dem bekannt wurde, das der Namensgeber, Antwerpens Altbürgermeister Léo Delwaide, während des Zweiten Weltkriegs eine größere Rolle bei der Judenverfolgung gespielt hat, als ursprünglich angenommen, sei dieser Name nicht mehr tragbar, hieß es dazu. Auch namhafte Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in der Politik forderten eine Streichung des Namens Delwaide…

Léo Delwaide (1897-1978) von der Katholischen Partei und später der christdemokratischen CVP war von 1933 bis 1945 Stadtratsmitglied in Antwerpen und von 1940 bis 1944 geschäftsführender Bürgermeister der flämischen Hafenstadt. Lange Jahre nach dem Krieg war er noch Hafenschöffe. Bisher galt Delwaide als ein geschätzter Politiker, der für seine Stadt einiges leisten konnte. Ihm zu Ehren wurde ein 1981 eröffnetes Dock im Norden des Hafens Delwaidedock (Foto) getauft. Dieses Dock liegt an einer Schleusenverbindung mit der Schelde und wird in erster Linie für den Umschlag von Containern und Importkohle genutzt. Es ist das größte gezeitenfreie Dock im Antwerpener Hafen.

Doch vor etwa drei Wochen ist in Antwerpen eine Diskussion darüber entbrannt, wie man sich dem verdienten Altbürgermeister heute nähern muss. Aus dem Buch „1942“ des flämischen Historikers und Rektors der Antwerpener Universität (UAntwerpen) Herman Van Goethem ist ersichtlich, dass der katholische Bürgermeister Léo Delwaide während der Judenverfolgung und deren Deportation unter der Besetzung der Nazis eine wichtige Rolle eingenommen hat. Delwaide hat wohl nachweislich diese Verfolgung und die Deportation von Antwerpener Juden in die Vernichtungslager der Nazis mitorganisiert.

(Lesen Sie bitte nach dem Foto weiter)

Léo Delwaide FelixArchief/Stadsarchief

Van Goethem fand z.B. heraus, dass Delwaide in den 1940er Jahren im jüdischen Viertel am Zentralbahnhof vor allem NS-treue Polizisten patrouillieren ließ. Im Sommer 1942 hatten solche Polizeibeamte die Judenrazzien durchgeführt, von denen der Bürgermeister damals wusste. Van Goethem schreibt unter anderem: „Der Bürgermeister belegte einen Beamten, der sich am 28. August 1942 geweigert hatte, an den Judenrazzien teilzunehmen, mit einem Disziplinarverfahren.“ Nach dem Krieg wurde gegen Léo Delwaide ein Untersuchungsverfahren wegen Kollaboration eingeleitet, doch dieses wurde wieder eingestellt. Delwaide bekleidete bis zu seinem Tode 1978 hohe Ämter in Antwerpen. 

Erste kritische Bemerkungen

Sofort nach der Veröffentlichung von Van Goethems Buch „1942“ riefen die flämischen Grünen in der Opposition im Antwerpener Stadtrat dazu auf, aufgrund dieser neuen Erkenntnisse den Namen des international bekannten Delwaidedocks abzuändern. Sie reichten einen entsprechenden Antrag ein, der schnell auch Gehör bei einigen Politikern jüdischen Glaubens in Antwerpen fand.

Zunächst verhielt sich Antwerpens derzeitiger Bürgermeister Bart De Wever (N-VA) etwas zurückhaltend. Er forderte eine entsprechende Untersuchung durch das Komitee der Stadt, dass sich mit Gedenken zum Zweiten Weltkrieg und mit der deutschen Besetzung der Schelde-Metropole beschäftigt, doch De Wever gab rasch danach grünes Licht für den Antrag, denn er hatte inzwischen Van Goethems Buch gelesen, was ihn wohl überzeugte.

Inzwischen übten auch seine jüdischen N-VA-Parteikollegen André Gantman und Michael Freilich Druck aus, denn sie stellten sich hinter den Antrag der Grünen, ebenso, wie der liberale Kommunalpolitiker Claude Marinower, ebenfalls ein Jude. Marinower sagte deutlich: „Durch die wissenschaftliche Studie ist eigentlich keine Diskussion über die Rolle, die Delwaide im Krieg gespielt hat, mehr nötig. Natürlich hat er seine Verdienste als Hafenschöffe, doch kann das mehr wiegen, als das, was er in Kriegszeiten getan hat?“

Am vergangenen Freitag beschloss der Antwerpener Stadtrat, dass der Name Delwaide gestrichen wird. In den kommenden Tagen wolle man sich mit einem neuen Namen für das Hafendock beschäftigen, hieß es dazu. 

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