Belgien will Lernpflicht ab 5 Jahre einführen

Ab dem Schuljahr 2020-2021 wird das Alter für den Beginn der Lernpflicht von sechs auf fünf Jahre herabgesetzt. Der parlamentarische Ausschuss für das Unterrichtswesen hat an diesem Dienstag einstimmig einen entsprechenden Gesetzentwurf angenommen. Der Text muss noch grünes Licht von der Plenarversammlung bekommen.

Die Lernpflicht ist in Belgien die Pflicht der Eltern, ihre Kinder lernen zu lassen. Die Lernpflicht dauerte bislang maximal zwölf volle Schuljahre. Die Lernpflicht ist nicht mit der Schulpflicht zu verwechseln. Zur Erfüllung der Lernpflicht haben Eltern zwei Möglichkeiten: Sie melden Ihr Kind bei einer Schule an oder sie entscheiden sich für Hausunterricht. In letzterem Fall müssen sie dem flämischen Ministerium für Unterrichtswesen und Ausbildung diese Entscheidung im Voraus und schriftlich mitteilen.

In Belgien ist das Bildungswesen Sache der Gemeinschaften, aber das Alter der Lernpflicht fällt unter die Befugnis der Föderalregierung. Die Dauer der Lernpflicht wird also von den föderalen Behörden für ganz Belgien bestimmt. Seit den 1980er Jahren beträgt der Beginn des Lernpflichtalters sechs Jahre. Doch schon seit Jahren gibt es Forderungen, diese Grenze etwas zu senken. Dafür haben sich beispielsweise die Liberalen bereits vor fünfzehn Jahren eingesetzt.

Das Hauptmotiv ist die Beseitigung von sozialer Ungleichheit. In Flandern besuchen schon jetzt fast alle Fünfjährigen den Kindergarten bzw. die Vorschule. Die meisten von ihnen besuchen den Kindergarten (in Belgien funktioniert der Kindergarten eher wie eine Vorschule) sogar ab einem Alter von zweieinhalb Jahren. Ausnahmen sind häufig Kinder mit Migrationshintergrund oder von gering qualifizierten Eltern in den Großstädten. Die Befürworter eines niedrigeren Alters betonen, dass die frühzeitige Teilnahme an der Bildung entscheidend für spätere Möglichkeiten in der Schule und danach im Berufsleben ist.

"Da besonders unterprivilegierte Kinder erst in einem späteren Alter zur Schule gehen, beginnen sie die Schule direkt mit Schwächen", sagen die Abgeordneten Frank Wilrycx und Patrick Dewael (Open VLD). "Studien zeigen, dass diese Kinder viel häufiger mit Lernrückständen zu kämpfen haben. Sie spüren das für den Rest ihrer schulischen Laufbahn und das führt zu einem zunehmenden Abgang von Schülern ohne Sekundarschulabschluss.

In den letzten Jahren sind regelmäßig Vorschläge zur Einführung der Lernpflicht ab dem fünften Lebensjahr gemacht worden, die jedoch immer wieder unter den Tisch fielen. Nun hat sich offenbar ein breiter Konsens für den Vorschlag gefunden. Außerdem hat die flämische Regierung eine positive Empfehlung hierzu abgegeben. Wird der Text auch bald im Plenarsaal angenommen, gilt ab dem 1. September 2020 eine Lernpflicht ab dem 5. Lebensjahr.

"Ein Signal an alle Eltern"

Die Schulen haben dann etwa eineinhalb Jahre Zeit, sich auf diese Veränderung vorzubereiten. "Die Eltern müssen rechtzeitig informiert werden und die Verwaltungen müssen sich darauf vorbereiten können, den obligatorischen Bildungscheck für diese zusätzlichen Gruppen gut zu organisieren, um nur zwei Beispiele zu nennen", betont Leen Dierick. "Zu diesem Zweck muss jede Gemeinschaft die möglichen zusätzlichen Kosten dieser Einführung ermitteln und die hierfür erforderliche Politik und das notwendige Budget bereitstellen.“

Dierick warnt auch davor, dass die Senkung des Lernpflichtalters als isolierte Maßnahme ohne Anreizpolitik wenig Wirkung haben werde und nicht automatisch die Zahl der Schulbesucher erhöhe. "Der Beginn der Lernpflicht ist jedoch ein wichtiges Signal an alle Eltern und kann dazu beitragen, die Zielgruppen zu überzeugen, die heute noch etwas weniger teilnehmen", so Dierick.

Die flämische Regierung hatte sich gegen eine Verpflichtung ausgesprochen, Religionsunterricht im Kindergarten anzubieten. Die Verfassung schreibt vor, dass öffentliche Schulen die anerkannten Religionen und Ethiken während der gesamten Pflichtschulzeit anbieten müssen. Damit der Ablehnung der flämischen Regierung, 5-Jährigen Religionsunterricht zu geben, auch im neuen Vorschlag umgesetzt werden kann, müsste also die Verfassung geändert werden.

Die liberale Open VLD schlägt deshalb die Anwendung einer flexiblen Regelung vor, bei der Eltern, die darauf bestehen, dass ihr Kind ab dem Alter von fünf Jahren weltanschauliche Fächer erhält, ihren Sohn oder ihre Tochter in eine Grundschule ihrer Wahl für diesen Unterricht schicken können, wie es bereits für Sechsjährige in der Vorschulklasse möglich ist. "Doch es sei an der flämischen Regierung, das in der Praxis zu regeln", so die Liberalen.

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