Kaserne Dossin: Der Maler Eugeen Van Mieghem und die ersten "Transmigranten"

Das Museum Kaserne Dossin am Holocaust-Mahnmal in Mechelen (Prov. Antwerpen) zeigt in diesen Tagen eine Ausstellung mit Werken des flämischen Malers Eugeen Van Mieghem (1875-1930), dessen Hauptmotiv der Hafen von Antwerpen war. Die Kaserne Dossin wählte aus dessen Gesamtwerk 55 Gemälde und Zeichnungen aus, die sich mit den damaligen „Transmigranten“ befassen, sprich mit Auswanderern aus ganz Europa, die sich mit den Schiffen der Red Star Line in die „neue Welt“ Amerika aufmachten.

Das der Antwerpener Hafen das wichtigste Motiv des Malers Eugeen Van Mieghem war, mag nicht verwundern, wurde ihm dies doch quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater arbeitete im Hafen und seine Mutter betrieb ein Hafencafé unweit des Anlegers der Red Star Line, mit der sich viele tausend Auswanderer aus ganz Europa nach Amerika aufmachten. Interessant dabei ist, dass das Leben Eugeen Van Mieghems quasi parallel zu dieser Rederei verlief. Sie wurde zwei Jahre vor seiner Geburt gegründet und ging vier Jahre nach seinem Tod in Konkurs…

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Eugeen Van Miegem war vom Hafen vor seiner Haustüre wie besessen. Der eigensinnige und zurückhaltende Künstler malte und zeichnete zahllose Boote, Schiffe, Kräne und Hafenszenen an den Kais. Er trieb sich in den Docks herum, immer auf der Suche nach Motiven und Geschichten. Er beschäftigte sich mit den Menschen rund um den Hafen, sowohl mit den Arbeitern und den Beamten, als auch mit den Seeleuten und den Schiffspassagieren. Immer wieder tauchen aber auch Flüchtlinge, Auswanderer und das „lichtscheue Gesindel“ im Umfeld eines Hafens auf.

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Das Thema „Flüchtlinge und Auswanderer“ beschäftigte jetzt die Kuratoren der Kaserne Dossin in Mechelen, die 55 Werke ausgesucht haben, die sich quasi alle mit diesem Bereich befassen: Migranten, Glücksucher, Flüchtlinge… Heute nennt man diese Menschen, die ihre Heimat verlassen, um andernorts ihr Glück zu versuchen „Transmigranten“. Hier in Belgien steht dies für Flüchtlinge aus dem Maghreb, aus Afrika, aus den kriegerischen Ländern Irak oder Syrien und anderen Regionen in dieser Welt, die über die Türkei und den Balkan oder auch über das Mittelmeer nach Europa kommen, um via Frankreich oder Belgien auf die britischen Inseln zu gelangen.

Eugeen Van Mieghem lebte quasi sein ganzes Leben lang mit einem niemals endenden Strom an Auswanderern, die vor der Türe des Cafés seiner Mutter und manchmal auch in der dazu gehörenden Herberge, auf ihre Reise in die „neue Welt“ warteten. Er zeichnete zahllose dieser Menschen, die manchmal auch für ihn posierten. Einige dieser Porträts sind in der Ausstellung „Eugeen Van Mieghem und die Emigranten der Red Star Line“ zu sehen. Sie zeigen das Talent des Künstlers, der sich zeitlebens an Vorbildern, wie Edvard Munch oder Rembrand.

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Die Kuratoren der Ausstellung haben mit Fotos, die den Vergleich zwischen früher und heute legen und mit Werbeplakaten der Red Star Line wunderbar ergänzende Elemente hinzugefügt. Für den Van Mieghem-Kenner Erwin Joos, der an dem Ausstellungskonzept beteiligt ist, ist dieser Maler und Zeichner schon damals unbewusst ein Journalist gewesen, der mit seinem Werk dass geschaffen hat, was im Laufe der Zeit von Fotografen und Filmemachern übernommen wurde. Van Mieghem schuf ein Zeitdokument von unschätzbarem Wert, auch und gerade im Hinblick auf das Thema der Ausstellung. 

Wo liegt der Link zur Kaserne Dossin?

Das sich ausgerechnet eine Gedenkstätte zur Judenverfolgung und zum Holocaust mit dem Thema Auswanderung befasst, mag nahe liegen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nahm die Red Star Line ihre Ozeanfahrten nach Jahren der Unterbrechung (auch die Einwandererinsel Ellis Island vor New York - erstes Ziel der Red Star Line-Passagiere - war während des Krieges geschlossen) wieder auf. Sofort danach begann der Strom der Auswanderer von Neuem zu fließen. Die Red Star Line beförderte zwischen 2 und 3 Millionen Auswanderer, von denen nur etwa jeder 10. ein Belgier war.

Zahllose dieser Auswanderer waren Juden, die vor dem Antisemitismus in Osteuropa flüchteten und von denen es nicht wenige aufgrund von Geldmangel oder Armut nicht mehr schafften, Antwerpen in Richtung Amerika zu verlassen. Viele von ihnen blieben in der Schelde- und Hafenmetropole. Im Zuge des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Belgiens durch die Deutschen wurden die erneut zu Verfolgten. Wer es jetzt nicht schaffte, zu fliehen, der wurde oftmals verhaftet und über das Sammellager Kaserne Dossin in ein KZ gebracht…

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Ein allumfassendes Thema mit drei Anlaufstellen

Die Ausstellung „Eugeen Van Mieghem und die Emigranten der Red Star Line“ in der Kaserne Dossin, Goswin de Stassartstraat 153, 2800 Mechelen, läuft noch bis zum 26. März 2019. Info: www.kazernedossin.eu. Es liegt nahe, dass man einen Besuch dieser Ausstellung in Mechelen mit einer Weiterfahrt ins nahe Antwerpen verbindet, um dort auch das Red Star Line-Museum, Montevideostraat 3, 2000 Antwerpen zu entdecken, das nur einen Steinwurf entfernt vom MAS (Museum am Strom) am alten Hafen liegt: www.redstarline.be. Und wer dann noch nicht genug hat, der sollte sich zum zentrumsnahem Hafenkai am „Steen“ begeben, denn dort ganz in der Nähe ist das neue Eugeen Van Mieghem-Museum in Het Reedershuis, Ernest Van Dijkkaai 9, 2000 Antwerpen zu finden: www.vanmieghemmuseum.com.