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Aus einem Bombenfriedhof vor der belgischen Nordseeküste leckt TNT

Nur knapp ein Kilometer vor dem Strand von Knokke-Heist befindet sich ein Bombenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg. Hier wurden im Nachkriegschaos rund 35 Tonnen Bomben, Granaten und andere Sprengkörper versenkt. Jetzt setzt dieses Bombengrab offenbar TNT frei, wie die flämischen Tageszeitungen Het Laatste Nieuws und De Morgen am Montag melden. Das Königlich Belgische Institut für Naturwissenschaften (KBIN) bestätigte diese Berichte gegenüber VRT NWS. Der flämische EU-Abgeordnete Mark Demesmaecker (N-VA) fordert jetzt einen definitiven Plan für dem Umgang mit diesem gefährlichen Kriegsschrott in der Nordsee.

Rund ein Kilometer vor dem Strand des mondänen Küstenbadeorts Knokke-Heist liegt eine Sandbank, „Paardenmarkt“ („Pferdemarkt“) genannt. In unmittelbarer Nähe dieser Sandbank liegt das explosive Erbe des Ersten Weltkriegs: 35 Tonnen Bomben, Granaten, Patronen und anderes waffenfähiges Sprengmaterial auf einer Fläche von etwa 3 km². Das alles wurde im Chaos des Kriegsendes in den Jahren nach 1918 dort nach und nach versenkt. Darunter sind auch Giftgas- und Phosphorgranaten, die nicht selten mit Senfgas gefüllt sind…

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Dieser explosive Kriegsschrott liegt inzwischen unter einer meterdicken Lage Schlick, der auch während des Baus des Hafens von Zeebrügge dort aufgehäuft wurde und mit der Zeit sinkt der tonnenschwere Müll weiter in die Tiefe. Das hindert die aus Metall gefertigten Sprengkörper aber nicht daran, zu rosten und ab und zu kommt diese Geschichte wieder in die Schlagzeilen - so wie jetzt wieder. 

Sprengstoff im Meerwasser gemessen

Eigentlich galt und gilt dieser Standort als relativ sicher und es ist nach der bisherigen Ansicht der belgischen Behörden wohl einfacher, die Kampfmittel dort zu lassen, wo sie sind. Dort darf nicht gefischt werden und es ist bei Strafe verboten, dort Anker zu lassen. Regelmäßig kontrollieren Taucher den Zustand des Bombenfriedhofs und führen dort Messungen durch. Doch jetzt wurde bei diesen Messungen festgestellt, dass offenbar Sprengstoff, bzw. TNT dort leckt.

In welchem Umfang ist nicht klar. Es kann sein, dass nur eine Bombe oder Granate durchlässig ist. Es kann aber auch sein, dass der ganze Schrott mittlerweile durchrostet. Die TNT-Messungen wurden unserem Sender gegenüber vom Königlichen Belgischen Institut für Naturwissenschaften (KBIN) nach Pressemeldungen am Montagmorgen bestätigt.

Laut KBIN ist der gemessene Sprengstoffwert sehr niedrig und liegt bei etwa 1 Mikrogramm TNT pro Kilogramm trockenem Gewicht. Das ist nur wenig mehr als der Feststellungswert. Und doch warnen die Naturwissenschaftler, denn Sprengstoff kann für die maritime Umwelt, für Schalen- und Weichtiere und bestimmte Fischsorten gefährlich sein und natürlich auch für die menschliche Haut. 

Europa diskutierte das maritime Kriegserbe bereits

Vor anderthalb Wochen wurde dieses Thema im Rahmen eines Studientages des Generaldirektoriums für maritime Angelegenheiten und Fischerei der EU-Kommission besprochen und dort wurde angesichts der gerade bekannt gewordenen TNT-Messungen vor der belgischen Küste bzw. vor dem Standort „Paardenmarkt“ gewarnt. Dort erfuhr der N-VA-Europaabgeordnete Mark Demesmaeker von den erhöhten Werten, die während einer Routineuntersuchung im Auftrag des belgischen Gesundheitsministeriums durchgeführt worden waren. Geplant ist jetzt, dass das hiesige Forschungsschiff Belgica dort eine Studie zum Zustand des Bombenfriedhofs anfertigt, auf deren Basis ein weiteres Vorgehen besprochen werden soll. 

„Sowohl konventionelle Munition, als auch Geschosse mit chemischem Inhalt können eine Gefahr für den Menschen und für das maritime Ökosystem darstellen.“

Mark Demesmaecker (N-VA), EU-Abgeordneter

Dass hier eine Zeitbombe tickt, weiß Demesmaeker schon länger, denn er beobachtet diese Sache bereits seit Jahren. Seiner Ansicht nach kann aber heute nicht weiter gewartet werden: „Sowohl konventionelle Munition, als auch Geschosse mit chemischem Inhalt können eine Gefahr für den Menschen und für das maritime Ökosystem darstellen. Man weiß von chemischer Munition, dass diese klumpt und demnach in konzentrierter Form auf Strände oder in Fischernetze gelangen kann - mit allen Folgen davon.“

Laut Demesmaeker ist es höchste Zeit, hier zu mehr Expertise zu gelangen und Möglichkeiten zu prüfen, dieses 100 Jahre alte explosive Erbe vielleicht sogar zu bergen. Er erinnert übrigens daran, dass solche Sprengstofffriedhöfe aus den beiden Weltkriegen überall in Europa vor den Küsten liegen. Und überall lauert die Gefahr, dass dieses Zeugs eines Tages durchrostet und sein Gift freigibt… 

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