Fast 15.000 Jungen werden in Belgien jedes Jahr beschnitten, aber es gibt selten einen medizinischen Grund hierfür

Jeden Tag wird bei fünfzig Jungen unter fünfzehn Jahren die Vorhaut ganz oder teilweise entfernt. Die meisten Kinder sind nicht einmal fünf Jahre alt, wenn sie unter das Messer müssen. Die Eltern sehen Probleme, wo es keine gibt, sagt der Urologe Piet Hoebeke. Bei Kindern sei es völlig normal, wenn die Vorhaut nicht über die Eichel passt. Dies wird erst notwendig, wenn die Jungen sexuell aktiv werden.

"Ärzte leiten junge Eltern viel zu schnell für ein Problem mit der Vorhaut ihres Sohnes weiter ", sagt Professor Hoebeke, Urologe an der Uniklinik Gent. Dabei meint er Schulmediziner, Allgemeinmediziner und Kinderärzte. "Jeder vierte Junge hat eine Verengung oder Verklebung der Vorhaut. Das ist an sich kein Problem und löst sich in der Regel automatisch in der Pubertät durch Hormone, mehr nächtliche Erektionen und Masturbation auf".

"Denken Sie noch einmal darüber nach"

In den meisten Fällen liegt kein medizinischer Grund vor, die Vorhaut zu entfernen. Doktor Hoebeke macht den Eingriff deshalb nicht oft. Ängstliche junge Eltern reagierten meist sehr erleichtert, wenn er ihnen sage, dass ihr Kind keine Operation brauche und dass das Problem mit etwas Kortison gelöst werden könne. Wenn sie dennoch auf eine Beschneidung bestehen, schickt er sie normalerweise mit der Botschaft nach Hause, noch einmal darüber nachzudenken.

Sexuelle Sensibilität

Das Risiko von Komplikationen mag zwar gering sein, aber die Beschneidung hat Folgen für das Sexualleben des Patienten, sagt Hoebeke. "Bei einer Beschneidung wird ein erheblicher Teil der Haut entfernt - wenn man die Vorhaut eines erwachsenen Mannes „auseinander faltet“, hat man schnell die Größe einer Postkarte. Dort gibt es viele sexuell sensible Stellen, die bei einer Beschneidung entfernt werden. Also nimmt man damit der Person ohne ihre Zustimmung ein Stück sexueller Sensibilität weg".

Für Juden und Muslime ist die Beschneidung ein ritueller Eingriff

Ein Drittel bis die Hälfte der Eltern verlangten eine Beschneidung aus religiösen Gründen, zum Beispiel in jüdischen oder muslimischen Familien. Sie stehen unter großem Druck ihrer Gemeinde, kleine Kinder beschneiden zu lassen.  Woher kommt dieses Ritual?

Das sei eine lange Geschichte, erklärt Hoebeke. "Die Beschneidung begann einst als Lösung für ein praktisches Problem. In der Sahara litten Völker, die sich nicht waschen konnten, unter anderem an Entzündungen der Vorhaut. Durch ihre Beschneidung verschwand das Problem.“

„Dieser praktischen Gewohnheit hat man eine religiöse Konnotation gegeben und so entstand bei Juden und Muslimen die Beschneidung als Gewohnheit und als Ritual. Dieser Brauch existiert übrigens auch bei vielen afrikanischen Völkern und in den USA.“

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