Ein Teil der Brüsseler Rotlichtmeile wird bald "Kölnstraße" heißen

Direkt hinter der Rückseite des Brüsseler Nordbahnhofs befindet sich die berühmt-berüchtigte Rotlichtmeile Aarschotstraat oder auch Rue d’Arscot. Mehr oder weniger legal bieten hier Frauen, die wohl zumeist aus Osteuropa kommen, hinter rot oder lila beleuchteten Schaufenstern ihre Dienste an. Doch ein Teil dieser Straße gehört nicht zum Rotlichtviertel, sondern ist eine normale Wohnstraße. Dieser Teil wird bald umbenannt und erhält seinen eigentlichen Straßennamen, der über 150 Jahre alt ist, zurück.

Am Ende der Brüsseler Rotlichtmeile, die den Gleisen des Nordbahnhofs folgt, trennt die Kreuzung mit der Koninginnelaan die Aarschotstraat in zwei Teile. Dahinter folgt der kleinere nördliche Teil dieser Straße, eine ganz normale Straße mit Wohnhäusern (Fotos weiter unten). Die dort lebenden Menschen haben ein Problem, denn immer, wenn sie sagen wo sie wohnen, denkt man zuerst an die Bordellstraße. Eine dort angesiedelte Druckerei z.B. gibt als offizielle Adresse ein Gebäude an, dass quasi um die Ecke liegt, also nicht in der vermeintlichen „Puffstraße“, um keine potentiellen Kunden zu prellen…

Doch ab Juni wird sich das ändern. Der Gemeinderat des Brüsseler Stadtteils Schaarbeek, auf deren Gebiet die Aarschotstraat und der Nordbahnhof liegen, wird den nördlichen Teil der Straße „Keulenstraat“ oder „Rue de Cologne“ nennen, zu Deutsch „Kölnstraße“. Das hat einen geschichtlichen Hintergrund, der mit der Zeit des Ersten Weltkriegs zu tun hat.

Diesen Namen trug die Straße bis 1919. Damals wollte man in Brüssel alles, was auf die verhassten Deutschen hinwies, abschaffen. Also wurden auch Straßennamen verändert. Aus der „Keulenstraat“ wurde die „Aarschotstraat“. Dieser Ortsname sollte an die Stadt Aarschot in der Provinz Flämisch-Brabant erinnern, die beim deutschen Angriff im August 1914 niedergebrannt wurde und die zu den sogenannten „Märtyrerstädten“ gehört.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Foto: Andreas Kockartz

Diese Straße war nicht die einzige Straße in der belgischen Hauptstadt, deren Name 1919 angepasst wurde. Aus der „Beierenstraat“ im Zentrum, die „Bayernstraße“, wurde die „Dinantstraße“ und aus der „Munchenstraat“ in Sint-Gillies, die „Münchenstraße“, wurde die „Andennestraat“. Beide Ortschaften, Dinant und Andenne in der wallonischen Provinz Namür, sind „Märtyrerstädte“ und wurden im August 1914 ebenfalls von den Deutschen schwer in Mitleidenschaft gezogen, wobei wie in Aarschot auch, viele Bewohner umgebracht wurden.

Aber auch die „Kölnstraße“ hatte und hat ihre Geschichte. Sie wurde 1840 angelegt und zwar direkt neben den neuen Gleisen des ersten Brüsseler Nordbahnhofs. Züge von dort fuhren über die erste internationale und grenzüberschreitende Bahnstrecke Europas direkt bis nach Köln durch…

Als der Verfasser dieser Zeilen im bald „Kölnstraße“ genannten Teil der Straße die Fotos für diesen Beitrag machte, wurde er von einem Anwohner angesprochen. Auf die Frage, warum er hier Fotos schießt, erklärte dieser ihm den Sachverhalt. „Tiens,“ sagte der junge Mann, „mit uns hat darüber mal wieder keiner gesprochen. Das muss ich meiner Familie sofort erzählen…“ 

Foto: Andreas Kockartz