Von links nach rechts: Tim, Eddy, Albert und Gino

Warum er/sie Vlaams Belang gewählt hat? Vier Flamen sagen Ihnen, warum

Fast jeder fünfte Flame hat am Sonntag für den Vlaams Belang gestimmt. Und für viele Flamen war es auch das erste Mal, dass sie sich für die rechtsextreme Partei von Tom Van Grieken entschieden haben. VRT NWS sprach mit einem Studenten aus Mortsel, einem Unternehmer aus Wevelgem, einem Studenten aus Kortrijk und einem Rentner aus Hasselt. Sie erzählen Ihnen, was sie dazu bewegt hat.

Tim 21 Jahre: „Durch das Thema Migration beeinflusst“

Der 21-jährige Tim Van Leekwyck aus Mortsel, ein Student der Artesis Plantijn Hochschule in Antwerpen, der auch Unternehmer ist, hat nicht zum ersten Mal den rechtsextremen Vlaams Belang gewählt. Schon bei den Gemeinderatswahlen wählte er den Vlaams Belang. Auch am Sonntag wählte er die Partei, die wie die N-VA die Unabhängigkeit Flanderns anstrebt und die für den Widerstand gegen das Vordringen des politischen Islam in Europa wirbt, erstmals auf flämischer und europäischer Ebene. „Meine Wahl war sehr durch das Thema Migration beeinflusst. Ich denke, dass es vielen jungen Leuten ähnlich wie mir ging.“

„Man merkt, dass das ein großes Problem ist. Wir haben eigentlich kein Problem mit Menschen, die hier nach Belgien kommen, arbeiten wollen und wohnen und zum Beispiel vor dem Krieg geflüchtet sind. Es geht doch vor allem um die ‘Transmigranten‘ und um illegale Migranten, die nicht wirklich zur Gesellschaft beitragen wollen.“

„Wenn Sie sich Tom Van Grieken (den Vorsitzenden des Vlaams Belang, Red.!) ansehen, dann ist das echt ein anderer ‘Spirit‘. Er ist auch viel jünger als Filip Dewinter und viel weniger radikal und ich denke, dass das für viele jüngere Leute, zu denen ich auch gehöre, ein Argument ist, jetzt Vlaams Belang zu wählen.“

Van Leekwyck merkt ferner an, dass in seinem Freundeskreis zwei extreme Positionen eingenommen werden. "Sie haben die Linksextremen und die Rechtsextremen. In der rechtsextremen Fraktion ist das, was ich Ihnen sage, sehr verbreitet; ich habe das Gefühl, dass es das ist, was viele junge Menschen betrifft. Die Standpunkte gehen sehr weit auseinander, da gibt es nichts in der Mitte."

Ob er bei den nächsten Wahlen wieder für den Vlaams Belang stimmt?, will die VRT wissen. Doch Tim möchte sich keinesfalls festlegen: „Meine Wahl kann sich jederzeit ändern. Stellen Sie sich vor, es gibt andere Parteien mit unterschiedlichen Standpunkten, die in fünf Jahren mehr in meine Richtung gehen, dann ist es möglich, dass ich ganz links abstimmen werde. Es geht mir nicht um links oder rechts, sondern um die Standpunkte, die mir wichtig sind und in denen ich das Gefühl habe, dass sie im Moment auch für die Gesellschaft, meiner Meinung nach für das flämische Volk, wichtig sind."

Gino, 60 Jahre: „Vlaams Belang ausprobieren und sehen, wo wir landen“

Gino Craeynest ist 60 Jahre alt und lebt in Wevelgem, Westflandern. Er arbeitet als selbständiger Softwareentwickler. Er hat zum ersten Mal den Vlaams Belang gewählt, weil er Veränderung will.

Warum? Er ist die Klüngeleien in der Politik satt. Sie verteilten die Posten untereinander. Überall sehe man die gleichen Gesichter, „mediengeile Leute. Wenn sie nicht täglich im Fernsehen erscheinen, fühlen sie sich schlecht. (…) Das ist zuviel des Guten.“ Ein Politiker sollte einfach seine Arbeit machen, so Craeynest.

"Ich habe mich sofort für den Vlaams Belang entschieden, ohne nachzudenken", erklärt Craeynest weiter. "Ich habe zuerst den Wahl-O-Mat getestet und bin dann zweimal beim Vlaams Belang gelandet. Ich habe früher für die liberale Open VLD gestimmt, aber die Partei mag ich nicht mehr. Danach wechselte ich zur N-VA und die Grenze zwischen der N-VA und dem Vlaams Belang ist für mich minimal. Beiden haben viele Berührungspunkte. Ich habe mir gesagt: Ich werde jetzt den Vlaams Belang ausprobieren und sehen, wo wir landen."

Migration, Pensionen und Ehrlichkeit sind wichtige Themen für Craeynest. Er findet es schade, dass N-VA und Vlaams Belang in Flandern keine Mehrheit bekommen. Die beiden Parteien seien gut aufeinander eingestimmt. Open VLD, SP.A, CD&V, verlören dank des Vlaams Belang. “Flandern wählt rechts. Die N-VA ist und bleibt die einzige Partei für mich.“ Er sei aber nachdem das Wort „paljas“ (Clownsfigur) gefallen war, enttäuscht gewesen. „Das war zuviel.“ (Der N-VA-Vorsitzende Bart De Wever verwendete diese Bezeichnung letzte Woche und bezog sich dabei auf den Vorsitzenden des Vlaams Belang, Tom Van Grieken, Red.!). Er habe seine Entschuldigung danach nicht gehört, vielleicht hätte ihn das noch umstimmen können, so Craeynest auch noch.

Albert, 21 Jahre: „Vlaams Belang hat eine Menge Protest-Stimmen bekommen“

Wie Tim Van Leekwyck verweist auch der Account-Managament-Student Albert Lafosse auf den Erfolg des Vlaams Belang unter jungen Menschen. "Ich habe den Eindruck, dass es unter jungen Menschen immer mehr Sympathie für den Vlaams Belang gibt. Die Partei war auch in den sozialen Medien sehr präsent. Junge Menschen informieren sich dort mehr als zum Beispiel über die Zeitungen, also ist das ein kluger Schachzug für den Vlaams Belang.“

Lafosse wählte aus verschiedenen Gründen den Vlaams Belang. Er will, dass die Kriminalität härter bekämpft wird und die Renten steigen. Die Renten sollten auf ein Minimum von 1.500 Euro angehoben werden. Doch vor allem ist er der Meinung, dass die traditionellen Parteien keine Alternative böten. "Der Vlaams Belang geht wirklich unter Menschen. Sie hören den Menschen zu und suchen nach konstruktiven Lösungen für die bestehenden Probleme. Die traditionellen Parteien versprechen viel, haben aber wenig positive Veränderungen gebracht. Die Leute sind frustriert und der Vlaams Belang hat dadurch auch eine Menge Protest-Stimmen bekommen."

Als DJ gefalle ihm, dass sich verschiedene Kulturen vermischten. „Das gibt frischen Wind, egal woher Du kommst.“ Das sehe man bei Pop-up Bars und Happenings. Kultur sei immer schön, aber sie müsse auf die richtige Weise in unsere belgische Gesellschaft integriert werden, so Lafosse.

Eddy, 72 Jahre: „N-VA hat mir nicht weitergeholfen“

Der Rentner Eddy Devries ist 72 Jahre alt, im Ruhestand und lebt in Hasselt. Er kommt aus einer Familie, in der liberal gewählt wird. Er ist das älteste von 10 Kindern, seine Brüder und Schwestern sind Sozialisten. Er beschreibt sich selbst als N-VA'er, hat aber aus persönlichen Gründen Vlaams Belang gewählt. Die jüngsten Ereignisse in seinem Leben - er wurde Opfer einer Scheinehe -  haben ihn am Sonntag zum ersten Mal in seinem Leben veranlasst, für den Vlaams Belang zu stimmen.

Devries sei von der N-VA enttäuscht, nachdem er mit seinen Problemen an die Tür einiger Politiker der Partei geklopft, aber keine Antwort erhalten habe.

Auch für ihn sind Themen wie Renten, Justiz und Migration wichtig. „Ich habe nichts gegen Ausländer. Denen darf geholfen werden. Kriegsopfern darf geholfen werden. Meinen Eltern und Großeltern wurde während des Krieges auch von anderen Menschen geholfen. Das ist doch logisch. So wie es jetzt zugeht, damit bin ich aber nicht einverstanden.“

„Wenn ich höre, wie viele Scheinehen es hier in Limburg gibt und nichts dagegen unternommen wird, kann ich dem einfach nicht folgen. Ich habe an die Tür von Politikern und Gerichten geklopft, aber nichts. Die N-VA hat mich im Stich gelassen, aber ich bin nicht allein, es gibt viele Menschen, die die N-VA auch im Stich gelassen hat."

Die vier oben genannten Wähler fordern ein anderes Vorgehen, ohne Cordon Sanitaire. "Immer erst Gespräche führen und dann urteilen", meint zum Beispiel der IT-Unternehmer Craeynest zu diesem Thema.