Welche Belgier haben Chancen auf eine Spitzenposition in Europa?

Nach den Europawahlen müssen eine Reihe von Führungspositionen innerhalb der europäischen Institutionen neu besetzt werden. So wird ein Nachfolger für Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und für den Präsidenten des Europäischen Rates Donald Tusk gesucht. Welche Belgier könnten es in solch einen Top-Job in Europa schaffen? Hendrik Vos (UGent) und Steven Van Hecke (KU Löwen) werfen für Sie einen Blick in die Zukunft und dämpfen die belgischen Erwartungen.

Sowohl Hendrik Vos als auch Steven Van Hecke schätzen die Chancen für die Belgier, einen solchen Top-Job zu bekommen, als sehr gering ein. "Wir hatten erst vor nicht allzu langer Zeit mit Herman Van Rompuy eine absolute Spitzenposition", betont Hendrik Vos. Van Rompuy war von 2009 bis 2014 Präsident des Europäischen Rates. Vos fügt jedoch auch noch hinzu: "Das Feld ist noch völlig offen, also wird niemand ausgeschlossen." Steven Van Hecke stimmt ihm zu: "Es wird ein unvorhersehbarer Sommer."

Guy Verhofstadt, Präsident des Europäischen Parlaments?

Einer, der schon seit langem davon träumt, Europäischer Parlamentspräsident zu werden, ist die Galionsfigur der Liberalen, Guy Verhofstadt. Doch Van Hecke und Vos zufolge sei sein Einfluss auf die liberale Fraktion durch das Bündnis mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron gesunken. "Ich glaube, die Leute sind Verhofstadt über und dass seine Tage gezählt sind ", sagt Van Hecke. Er fügt hinzu, dass, wenn Verhofstadt den Job bekommt, es eine Möglichkeit wäre, ihm einen eleganten Ausstieg zu ermöglichen.

Charles Michel, Präsident des Europäischen Rates oder EU-Kommissar?

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat bereits die Fähigkeiten von Charles Michel gelobt und gesagt, dass er europäische Ambitionen hegen dürfe. Van Hecke und Vos zweifeln jedoch daran, dass er bei allen Staats- und Regierungschefs so hoch im Ansehen liegt, um Präsident des Europäischen Rates zu werden. Laut Vos stehe er Emmanuel Macron zu nahe, was seine Chancen reduziere.

Jeder Mitgliedstaat muss natürlich einen Kommissar vorschlagen. Sowohl für Van Hecke als auch für Vos ist Michel der erste, der ins Bild kommt. "Doch", fügen beide hinzu, "das hängt ganz von den Bundesverhandlungen ab." Solange nicht klar ist, wie die Bundeskoalition aussehen wird, ist es schwierig abzuschätzen, wo Michel landen wird. Wenn Michel nicht Premierminister wird, dann wäre der Schritt zur Europäischen Kommission ein eleganter Ausweg für ihn.

Was ihm auch zugute kommt, ist die Tatsache, dass er französisch spricht. Es ist eine ungeschriebene Regel, dass nun ein französischsprachiger Kommissar ernannt wird, nachdem es zwei niederländischsprachige Kommissare, Marianne Thyssen (CD&V) und Karel De Gucht (Open VLD), in den letzten Jahren in die Europäische Kommission geschafft haben.

Paul Magnette, EU-Kommissar?

Auch für den PS-Spitzenpolitiker Paul Magnette ist sein französischsprachiger Hintergrund von Vorteil, um Kommissar zu werden. "Als ehemaliger Professor für Europapolitik hat er ein sehr europäisches Profil", so Hendrik Vos. Van Hecke: "Wenn er die Chance bekommt, zur Europäischen Kommission zu gehen, wäre ich überrascht, wenn er das ignorieren würde. Die Chance bekommt man nur einmal im Leben." Voraussetzung ist, dass die PS der belgischen Regierung beitritt.

Sollte wider Erwarten ein niederländischsprachiger Kommissar auserwählt werden, würde Van Hecke in Richtung N-VA schauen. Geert Bourgeois und Johan Van Overtveldt scheinen dann die großen Konkurrenten zu sein.

Belga

Und was ist für Didier Reynders drin?

Laut Hendrik Vos habe Reynders das richtige Profil für den Posten des Hohen Vertreters für Außen- und Sicherheitspolitik, eine weitere Funktion innerhalb der Europäischen Union. Doch auch hier müsse man sich das ganze Puzzle ansehen. In den Vorjahren war die Position oft von einer Frau besetzt, da die anderen Führungspositionen von Männern besetzt waren. Wenn das wieder der Fall wäre, käme Reynders nicht in Frage.

Der Europarat, der sich in erster Linie mit dem Schutz der Menschenrechte befasst, ist völlig unabhängig von der Europäischen Union. Doch auch dieser hat eine Spitzenposition zu besetzen, die des Generalsekretärs. Didier Reynders (MR) ist einer der beiden Kandidaten.

Die Entscheidung wird Ende Juni getroffen. Vos betont, dass die Position eher unwichtig sei: "Ein Kandidat für diese Position zu sein und nicht im Rennen um die wirklich wichtigen Positionen, zum Beispiel EU-Kommissar, bedeutet, dass Charles Michel in der Hackordnung des MR höher liegt".

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