Mysterium Wahlen oder: Warum gibt es plötzlich mehr flämische Brüsseler?

Was rein mathematisch, statistisch und wahltechnisch eigentlich als unmöglich erachtet wurde, ist doch passiert. Gleich zwei flämische Politiker(innen) aus Brüssel haben genug Stimmen bekommen, um ins belgische Bundesparlament einziehen zu können. Gleichzeitig bedeutet dies, dass es plötzlich in Brüssel 16.514 flämische Mitbürger mehr gibt, als bisher angenommen. Ein Mysterium am Super-Wahlsonntag?

Die flämische Tageszeitung De Morgen und die Brüsseler Nachrichtenplattform BRUZZ beleuchten die Frage, wie es zwei niederländisch-sprachige Politikerinnen aus Brüssel in das belgische Bundesparlament geschafft haben könnten. Rein rechnerisch schien dies seit der Spaltung des Wahlkreises Brüssel-Halle-Vilvoorde (in zwei Wahlkreise - einen einsprachigen für Halle und Vilvoorde in Flämisch-Brabant und einen zweisprachigen für Brüssel) unmöglich, da die Zahl der Flamen in Brüssel zu klein war, um ausreichend Stimmen für einen Sitz in der Abgeordnetenkammer im Parlament zusammenzubekommen.

Eigentlich ging man bisher davon aus, dass die Niederländisch sprechende Minderheit im eher frankophonen Brüssel bei rund 5 % der Bevölkerung liegt. Bei den letzten Parlamentswahlen aber schien die Zahl der Flamen in Brüssel rein wahltechnisch um rund 1.500 Bürger angestiegen zu sein. Offiziell gelten derzeit 53.482 Brüsseler als flämisch oder niederländisch-sprachig. Doch auf die flämischen Brüsseler, die auf den verschiedensten Listen für einen Sitz im Bundesparlament kandidierten, entfielen 16.996 zusätzliche Stimmen. Dies würde bevölkerungsstatistisch bedeuten, dass die Zahl der Brüsseler Flamen auf 69.996 angestiegen ist, bemerken De Morgen und BRUZZ dazu.

Doch wie kommt es dazu? 

Aus der Brüsseler Verwaltung heißt es dazu, dass dies wohl an der jüngsten Anpassung der Wahlprozedur liegt, die der ehemalige Bundesinnenminister Jan Jambon (N-VA) noch in seiner Amtszeit verfügte. „Früher musste man in der Wahlkabine zuerst noch eine Sprachengruppe andeuten. Erst danach erschienen auf dem Bildschirm die Parteien ihrer Sprache. Jetzt sieht man alle Parteien, was die Hürde verkleinert haben könnte, eine Partei aus der anderen Sprachengruppe zu wählen.“, verlautete dazu aus der Region Brüssel-Hauptstadt.

Zwei flämische Brüsseler Abgeordnete in der Kammer

Das hatte wohl direkte Auswirkungen gehabt, denn mit Tinne Van der Straeten von den flämischen Grünen Groen und mit Maria Vindevogel von der linksradikalen Arbeiterpartei PVDA ziehen gleich zwei Abgeordnete aus den Reihen der flämischen Brüsseler ins belgische Bundesparlament ein.

Einige mögliche Gründe: BRUZZ vermutet, dass dies an der steigenden Qualität des Niederländisch-Unterrichts in Brüssel liegt und dass viele Brüsseler inzwischen verstanden haben, dass eine Zweisprachigkeit ihren Kindern viel mehr Möglichkeiten bieten, z.B. auf Ebene des Studiums, der Aus- und Weiterbildung und am Arbeitsmarkt. Darunter fallen wohl auch zahlreiche Haushalte mit Migrationshintergrund.

Zudem haben sich mehrere kleinere Parteien und Bewegungen, wie die radikal-demokratische Agora oder Be.one mit zweisprachige Listen an die Wähler gerichtet. Nicht zuletzt hat sich die Tierschutzpartei DierAnimal auf eine Listenverbindung mit der Arbeiterpartei PTB-PVDA eingelassen. Doch alle diese Stimmen zusammengerechnet ergeben noch keine 16.514 neuen flämischen Brüsseler. So ganz ist dieses Wahlmysterium vom 26. Mai 2019 also noch nicht aufgeklärt…