Wird radikal wählen salonfähig? Vlaams Belang schneidet am besten in Gemeinden mit wenig Migranten ab

Die Sogwirkung von rechts in Flandern ist am 26. Mai etwas stärker geworden. Der rechtsextreme Vlaams Belang durchdringt alle Teile Flanderns – selbst die kleinen Gemeinden, in denen nur wenige Einwohner einen Migrationshintergrund haben. VRT NWS hat die Zahlen analysiert und sich auf die Suche nach den Gründen für dieses Abstimmungsverhalten gemacht. Lesen Sie hier einige der Gründe.

Je weniger Menschen ausländischer Herkunft in einer Gemeinde leben, desto besser hat Vlaams Belang dort abgeschnitten. Ein auffallendes Ergebnis, das irgendwie paradox klingt - völlig widersprüchlich?

Die VRT hat die Ergebnisse für die Kammer pro Gemeinde mit Daten zum u.a.  Durchschnittseinkommen, mit der Einwohnerzahl dieser Gemeinde oder der Anwesenheit von Personen ausländischer Herkunft verglichen und analysiert. 

Wie kann man die Grafik s. unten verstehen? Die gezackte Linie in beige folgt dem Verlauf der VB-Ergebnisse. Die untere Achse zeigt die Gemeinden, sortiert nach dem Prozentsatz der Einwohner mit Migrationshintergrund.  Die gerade blaue Linie ist der Trend. Je weniger Menschen ausländischer Herkunft in einer Gemeinde leben, desto höher ist das prozentuale Ergebnis des rechtsextremen Vlaams Belang.

Warum haben die Bürger in diesen Gemeinden also so massiv für diese radikale Partei gestimmt? Ist es, weil er oder sie mit einem konkreten Problem im täglichen Leben konfrontiert wird und eine Lösung hierfür sucht? Oder spielen andere Motive eine Rolle?

Vergleicht man alle Ergebnisse der Wahlen in Belgien, geht auch hier der Vlaams Belang als 'Sieger' hervor, noch mehr sogar als die linke PVDA, die sich ebenfalls wegen des Stimmenzuwachses als 'Sieger' dieser Wahlen bezeichnen darf. Die Wahlen haben vor allem weit verbreitete Ansichten in Flandern bestätigt, die eindeutig nach rechts gehen. Und das eigentlich schon viele Jahre. 

Betrachten wir zum Beispiel das Ergebnis des rechten Blocks, N-VA und Vlaams Belang zusammengenommen: In 80 Gemeinden erreichen N-VA und Vlaams Belang gemeinsam die Hälfte, in weiteren 141 mehr als vierzig Prozent. In nur sechs Gemeinden machen sie zusammen weniger als dreißig Prozent aus.

Schon jetzt werden vereinzelt Rufe laut, den „Cordon sanitaire“ zu durchbrechen. Der Cordon sanitaire ist eine politische Vereinbarung, den Vlaams Belang, den damaligen Vlaams Blok, niemals an der Macht teilhaben zu lassen, also keine Koalition mit dem VB einzugehen.

Der scheinbar unaufhaltsame Ruck nach rechts steht im starken Kontrast zum Ergebnis des linken Blocks, also der Summe aus Grün, SP.A und PVDA. Fast nirgendwo - außer in sieben Kommunen - ist dieser Block größer als der rechte, und in 128 Kommunen ist der Unterschied größer als 25 Prozent.

Um die weit verbreiteten Ansichten umzukehren, müsste also ein Viertel der Wähler vom rechten zum linken Ufer wechseln. Das ist auch mittelfristig fast unmöglich.

Vorsprung von rechts im Vergleich zu links ist offenbar nur schwer einzuholen

Der linke Block ist und bleibt viel kleiner. Selbst in Zelzate, Gent und Löwen - Hochburgen der linksgerichteten Parteien - erreichen sie nicht einmal die Hälfte. Und sehr oft verschlechtert sich sogar die Bewertung von Groen, PVDA und SP.A. zusammen. Das ist der Fall in gar 96 Gemeinden. Das hat natürlich alles mit dem historisch schlechten Ergebnis der Sozialdemokraten (SP.A.) zu tun, die die Gewinne der beiden anderen linken Parteien 'zerstören'.

Und wenn wir schon mal bei den Verlierern sind: In Sachen Verlierer liegen die  klassischen Parteien in diesem Land vorne:  Open VLD, CD&V und SP.A. Die liberale Open VLD konnte den Schaden noch begrenzen, aber die Implosion der alten Machtparteien geht einfach weiter. In nur 27 Gemeinden macht die klassische Dreiergruppe noch gut die Hälfte der Stimmen aus. Sie gehen in jeder Gemeinde zurück, in 114 sogar um mehr als zehn Prozent.

Das läßt nur noch eine Schlussfolgerung zu: Es ist sehr verbreitet, sehr durchschnittlich geworden und liegt im Mainstream, radikal zu wählen.

Nicht mehr nur noch die Partei der Problemviertel

Aus den Zahlen geht auch hervor, dass es der Partei gelungen ist, überall durchzudringen. Rechtsradikal wird nicht mehr nur noch in Vierteln wie dem Seefhoek, mit vielen Migranten und einem ausgeprägten metropolitanen Problem gewählt. Antwerpen war früher die Wiege des Vlaams Blok (heute Vlaams Belang), aber inzwischen ist die Partei nicht mehr (nur noch) die Partei der Problemviertel. Das war bereits nach den Kommunalwahlen klar.

Es ist ein klassisches Phänomen, dass der Vlaams Belang in Regionen, die an Gebiete mit vielen Migranten oder Menschen ausländischer Herkunft angrenzen, gut abschneidet. Doch viel schwieriger ist zu erklären, dass die Rechtsextremen auch auf dem Land hohe Prozentzahlen holen.

Nehmen wir einmal die Ergebnisse des Vlaams Belang im Westhoek (ohne die Küstengemeinden, die hinter der IJzer liegen). In 12 der 17 Gemeinden ist VB größer als N-VA und in 13 größer als die christdemokratische CD&V. Und nur zur Erinnerung: Wir sprechen über das tiefe Westflandern, die Provinz, die die N-VA bei den letzten Wahlen nicht für sich gewinnen konnte, in der der VB aber jetzt scheinbar sorglos große Erfolge erzielt. Auch das Durchschnittseinkommen dort ist nicht besonders hoch oder niedrig, sondern liegt irgendwo  in der Mitte. (Der flämische Durchschnitt im Jahr 2016 lag bei 19.102 Euro.)

Es ist eine der Schlussfolgerungen dieser Wahlen: Der Vlaams Belang hat die tiefsten Poren Flanderns durchdrungen. Am stärksten ist die Partei in Gemeinden mit 10.000 bis 30.000 Einwohnern. Tatsächlich war dies bereits 2014 der Fall, aber dies war damals aufgrund der deutlich niedrigeren Werte nicht spürbar.

Häufig handelt es sich dabei auch um Gemeinden mit einer geringeren Anzahl von Bürgern ausländischer Herkunft. Dies steht im Einklang mit der früheren Beobachtung, dass die Partei in Gebieten mit wenigen Migranten am besten abschneidet.

Doch auch das muss sofort nuanciert werden. In größeren Gemeinden mit größeren Migrantenpopulationen ist das Potenzial für die Partei offensichtlich geringer. Menschen ausländischer Herkunft stimmen (im Durchschnitt) viel weniger für den Vlaams Belang, könnte man annehmen. Doch diese Analyse zeigt das nicht. Sie analysiert die Ebene der Gemeinden, nicht die des einzelnen Wählers.

Zusätzliche Forschung ist notwendig, um individuelle Beweggründe herauszufinden.

Sie können die Situation mit 2014 vergleichen, wenn Sie auf den Pfeil links oben in der Grafik drücken.

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