Foto: Andreas Kockartz

"Operation Nordsee" - Eine vergessene Invasion nach dem D-Day

Vor 75 Jahren, am 6. Juni 1944, landeten alliierte Truppen an der französischen Normandieküste, um von dort aus Nazi-Deutschland zu bekämpfen und Europa zu befreien. Knapp zwei Monate später gelang es den Alliierten, Belgien weitgehend zu befreien, doch ein kleiner Teil unseres Landes blieb in deutscher Hand, die Getend um die Scheldemündung. Am 1. November 1944 begann dort eine zweite Invasion, die zum Ziel hatte, den Zugang zum Hafen von Antwerpen zu erlangen. Das maritime „Seafront“-Museum in Zeebrügge erinnert in einer Sonderausstellung an diese „vergessene Invasion“. 

Die Invasion „Operation Nordsee“, auch die „Schlacht um die Schelde“ genannt, war eine blutige Angelegenheit, die rund 5.000 Menschen - Soldaten und Zivilisten - das Leben kostete. Erst nachdem die Alliierten, allen voran britische und kanadische Truppen, die deutschen Linien durchbrechen konnten, war der Atlantikwall endgültig geknackt und die Armeen, die final gegen die Deutschen kämpften, konnten vom Antwerpener Hafen als wichtiges Glied in der Versorgungs- und Nachschubkette profitieren.

Um an dieses in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs eher untergegangene Geschehen zu erinnern, organisierten das War Heritage Institute, der westflämische Tourismusverband Westtoer, das Flämische Institut für die See und Seafront gemeinsam eine Ausstellung unter dem Titel „Operation Nordsee 1944-45“.

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Die Ausstellung ist recht klassisch aufgebaut und zwischen Karten, Lageplänen, Schautafeln und -kästen, Modellen, Filmen und eindrucksvollen Stücken aufgeteilt. Und doch ist sie etwas ganz besonderes. Zum einen natürlich thematisch gesehen, setzt sie doch einem fast vergessenen Ereignis ein kleines Denkmal, zum anderen aber gerade aufgrund der Art der ausgestellten Gegenstände. Diese sind zu einem Großteil Fundstücke vom Boden der Nordsee. Dort lagen sie rund 75 Jahre lang unter Wasser, bevor sie behutsam gehoben werden konnten: Wrackteile, eine Schiffskanone, Waffen, Schuhe, Gasmasken…

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Die Besucher können die Ereignisse von damals nachvollziehen, denn die See- und Staffkarten, Zeitlinien und Fotos, Filme und Dokumente erzählen die gesamte Geschichte fast haargenau. Sie erzählen vom mühsamen Leben der Bewohner der Region hinter der Linie des Atlantikwalls, von der Invasion „Operation Nordsee“ aus dem Hafen von Ostende und der Unterstützung des Angriffs auf die Insel Walcheren durch Bodentruppen in den Poldergebieten bis hin zur Befreiung von Antwerpen und seinem Hafen. Die Ausstellung zeigt auch, wie Wasser als Waffe eingesetzt wurde, in dem die Insel Walcheren und ihre deutschen Stellungen durch Bombardierungen von Deichen und Schleusen überschwemmt wurde.

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Unterstrichen wird die Darstellung dieser Vorgänge von eindrucksvollen Ausstellungsgegenstände, wie ein kanadischer Panzerwagen und dem „Pom-Pom“-Geschütz der HMS „Robertson“, die an der Invasion teilnahm und dabei unterging. Besonders beeindruckend ist ein im Ausstellungsraum - eine ausgediente Halle im alten Fischerhafen von Zeebrügge - aufgestellter Container mit der Aufschrift UNESCO MARITIME HERITAGE. Darin sind effektvoll beleuchtet Fundstücke vom Boden der Nordsee zu sehen: Ein Schuh, ein Gewehr, ein Schiffskompass, ein Schiffssteuer… mit Muscheln bedeckt, was von 75 Jahren Unberührtheit unter Wasser zeugt…

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Man sollte sich die Zeit nehmen, um die Filme - Bilder aus Wochenschauen - anzusehen. Einige Szenen wurden Jahrzehnte später aufgenommen, wie z.B. Interviews mit belgischen Offizieren, die damals eine wichtige Rolle eingenommen hatten. Dabei erfährt man übrigens, dass belgische Minensucher im November 1944 rund 300 deutsche Seeminen aus der Scheldemündung zur Explosion bringen mussten, um den Weg zum Antwerpener Hafen freizumachen. Die deutsche Marine hatte einige Zeitzünder von Minen auf eine Sprengung nach … 200 Tagen gesetzt.

Die „Operation Nordsee“ begann Anfang September, als kanadische, belgische, britische, polnische und amerikanische Truppen die Grenze nach Belgien von Frankreich aus überschritten. Das Land wurde binnen weniger Tage fast ganz befreit. Die Deutschen hatten sich rasch in Richtung Knokke, Nieuwpoort und Knokke zurückgezogen, um von dort aus zu verhindern, dass die Alliierten auf Antwerpen vorrücken konnten.

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Doch der Vormarsch wurde unterbrochen, wobei wichtige Zeit verloren ging. US-General Eisenhower und der britische Befehlshaber Montgomery konnten sich nicht auf eine Vorgehensweise einigen und es gelang dem britischen General, Eisenhower davon zu überzeugen, zunächst die Rheinbrücke von Arnheim in den Niederlanden anzugreifen und einzunehmen, was bekanntlich misslang. In dieser Zeit konnten sich die deutschen Truppen an der Schelde sammeln und neu organisieren.

Erst Ende Oktober griffen die Alliierten letztendlich an und konnten Knokke, Zeebrügge, Nieuwpoort und auch Antwerpen rasch befreien. Nur die Insel Walcheren und der Antwerpener Hafen blieben in der deutscher Hand. Die eigentliche Operation begann am 1. November und acht Tage später waren die Deutschen besiegt und vertrieben. Jetzt war der Weg nach Antwerpen über die Schelde frei und der alliierte Nachschub konnte rollen…. 5.000 Menschen verloren dabei ihr Leben und dutzende Schiffe wurden versenkt. Die meisten Schiffe liegen noch dort und gehören zum maritimen Denkmalschutz unter Wasser.

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„Operation Nordsee“, noch bis zum 3. Januar 2021, „Seafront“, Vismijn 7 in Zeebrügge. Info: www.seafront.be

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